Pariser Platz

Wie viel Rummel verträgt das Brandenburger Tor?

Straßenkünstler, Demonstrationen oder die Fashion Week - kaum ein Tag vergeht ohne Veranstaltung am Brandenbuger Tor. Das Morgenpost-Interview mit Kulturpolitikerin Monika Grütters hat darüber eine Diskussion ausgelöst. Ein Ortsbesuch.

"Der Pariser Platz stand fest im Plan“, sagt Jürgen Viehweg aus Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. Seine beiden Töchter haben Ferien. Die Familie hat sich für einen Berlin-Urlaub entschieden. „Aber dass hier so viel los ist und so eine tolle Stimmung ist“, sagt Viehweg, „das hätten wir auch nicht erwartet.“ Es gibt Gaukler, die mit Keulen jonglieren. Leute, die sich als Volkspolizisten oder auch Sowjetsoldanten verkleidet haben und einen Stuhl für Touristen bieten, um sie sich mit ihnen gegen einen kleinen Obolus fotografieren zu lassen. Pferdedroschken rollen über das Pflaster. Rickscha-Fahrer ziehen ihre Kreise und sogar ein merkwürdige Gefährt, auf dem gleich sieben Menschen Fahrrad fahren können. Männer in blauen Overalls und mit blauen Gesichtern verteilen Werbezettel für die Blue Man Group. Aus einer Lautsprecherbox ertönt ein Song von Xavier Naidoo. Kurzum: Es ist ein Getümmel auf dem Pariser Platz. Auch an diesem verregneten Sonntagnachmittag. Jugendliche sind gekommen, Touristengruppen aus allen Erdteilen und in allen Altersklassen, so scheint es, und eben auch Familien aus allen Bundesländern. Viehwegs Töchter sind begeistert.

Kirmeskulisse

Andere werten das ganz anders. Am Sonntag erst hat die CDU-Politikerin Monika Grütters auf Morgenpost Online beklagt, dass der Pariser Platz unter der Ägide von des Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) "zur Kirmeskulisse" oder auch zur „Rummelmeile der Nation“ verkommen sei. Wobei die Kritik der Chefin der am Pariser Platz beheimateten Stiftung Brandenburger Tor sich vor allem gegen die offiziellen, vom Senat geförderten Veranstaltungen richtete. Derzeit ist es, jenseits des Brandenburger Tores, die Fashion Week. „Jetzt stehen die Zelte am Brandenburger Tor“, kritisierte die Stiftungschefin. An 240 Tagen gebe es Aktionen rund um das Wahrzeichen der Deutschen.

17. Juni soll abgesperrt werden

Rückhalt bekommt sie von den Grünen. Sie teilen die Kritik am Trubel auf dem geschichtsträchtigen Platz. „Die Diskussion gibt es schon lange“, sagt Claudia Hämmerling, Grüne Stadtentwicklungsexpertin. Sie schlägt vor, den 17. Juni hinter dem Brandenburger Tor zu sperren und so die Situation auf dem Pariser Platz zu entschärfen. Zumal das Bedürfnis nach Veranstaltungen in der Mitte Berlins vorhanden sei. „Der Pariser Platz war noch vor zehn, elf Jahren eine Straße. Da wäre niemand auf die Idee gekommen, dort eine Veranstaltung durchzuführen“, sagte Hämmerling. Durch eine Sperrung des 17. Juni würde der Platz an Attraktivität gewinnen. Ganz anders sieht es die Berliner SPD. „Der Pariser Platz ist die gute Stube Berlins“, sagte der Stadtentwicklungsexperte, Daniel Buchholz. „Und wenn man Gäste einlädt, dann will man, dass sie auch gute Stube besuchen.“ Allerdings sollte weiterhin mehr auf die Qualität der Veranstaltungen geachtet werden. „Es sollte nicht jeder sein Remmidemmi beiderseits des Brandenburger Tores veranstalten dürfen“, so Buchholz. Der Bezirk Mitte achte aber zunehmend darauf.

Aber wo fängt Remmidemmi an und wo hört er auf? Darf jemand im Meister-Yoda-Kostüm Tag für Tag als Fotomotiv sein Geld verdienen? Passt das zur Würde des Wahrzeichens der deutschen Einheit?

An diesem Sonntag appellieren auf dem Pariser Platz postierte Greenpeace-Aktivisten an die Teilnehmer des Petersberger Klimadialogs, der im Gebäude der Akademie der Künste tagt. Fassadenkletterer halten ein vier mal vier Meter großes Banner mit der Aufschrift „Take Leadership to save the Climate – Yes, you Can“, herunter; zu deutsch: „Übernehmt Führung, um das Klima zu retten – Ja, Ihr schafft das.“ Ein Kamera-Team des TV-Senders RTL steht vor dem Akademie-Gebäude und interviewt einen Greenpeace-Sprecher. Passanten bleiben stehen, hören interessiert zu. Andere versuchen in Richtung des Kameraobjekts zu winken – immerhin, vielleicht werden sie ja zuhause gesehen.

Andenken-Fotos bis zu fünf Euro

Junge Leute in Tierkostümen tänzeln vorbei – ein Zebra, ein Affe – und lassen sich für zwei Euro fotografieren. Ein untersetzter Mann, vom Äußeren her vermutlich ein Japaner, will eines dieser Tiere sogar hoch heben, schafft es aber nicht und kann sich schier ausschütten vor Lachen. Und ein paar Schritte weiter haben Vertreter einer Organisation zum Schutz der Menschenrechte im Iran einen Pavillon errichtet. Wer mag, kann sich mit einem Schild fotografieren lassen, auf dem steht, dass er sich für die Menschenrechte im Iran einsetzt. Viele bleiben stehen und machen mit. Auch Familie Viehweg aus Bad Kreuznach. Erst das politische Foto, dann das Andenken-Foto. Das wird von einem Fotografen gefertigt, der seinen Platz unmittelbar vorm Tor hat. Er trägt einen Zylinder, spricht Deutsch mit dem Slang eines Holländers und hat das Gesicht tätowiert wie ein Maori-Krieger.

Aber seine sepia-farbenen Fotos, die er sofort mit einer vor dem Bauch geschnallten Apparatur entwickelt, sind scharf. „Und sie wirken irgendwie auch edel“, meint Viehweg. Zufrieden zahlt er der die geforderten fünf Euro und zieht mit seiner Familie weiter in Richtung Siegessäule. „Auch die“, sagt er, „ist ein Muss“.