Monika Grütters

Pariser Platz darf nicht zum Rummelplatz werden

Der Pariser Platz wird oft für Veranstaltungen genutzt. Zu oft, findet Monika Grütters. Morgenpost Online sprach mit der Berliner CDU-Politikerin und Chefin der Stiftung Brandenburger Tor über die "gute Stube" der Hauptstadt.

Foto: Reto Klar

Lautes, helles Kinderlachen schallt über das ovale Grün, gelegentlich unterbrochen von Erwachsenenstimmen und dem Rauschen einer Fontäne. Fast wie in einem Freibad, doch wir befinden uns an der Nordseite des Pariser Platzes, wenige Meter vom Brandenburger Tor entfernt. Einige Jungs schlagen Purzelbaum, dahinter demonstrieren Aktivisten von Amnesty International für den Bürgerrechtler Ai Weiwei. Der sei in einem „Belagerungszustand“. Ein gutes Stichwort auch für ein Gespräch über Berlins „gute Stube“ mit Monika Grütters (CDU), der Chefin der am Platz beheimateten Stiftung Brandenburger Tor.

Morgenpost Online: Frau Grütters, der Pariser Platz wird permanent bespielt. Im August wollen nun auch noch Hoch- und Weitspringer auf Bühnen rund um das Brandenburger Tor ihr Können demonstrieren. Wie fühlt man sich als Belagerter?

Monika Grütters: Nicht gut. Nach Auskunft des Bezirks Mitte finden pro Jahr rund 80 Veranstaltungen auf dem Platz statt. Wenn man Auf- und Abbau der Bühnen mit einrechnet, kommt man auf 240 Tage, an denen der Platz genutzt wird. Von kleineren Happenings mal ganz abgesehen. Wir Anrainer haben wegen der vielen Veranstaltungen und Absperrungen nicht nur das Problem, in unsere Büros zu kommen. Auch viele unserer Gäste kommen erst gar nicht, wenn sie lesen, dass wieder mal eine Großveranstaltung die Anfahrt unmöglich macht. Wir schätzen, dass in unsere Kunstausstellungen im Liebermann-Haus rund ein Drittel weniger Besucher kommen, als dies ohne diese Behinderungen der Fall wäre. Hier dominieren immer wieder wirtschaftliche Interessen, statt Rücksicht zu nehmen auf das besondere historische Gewicht dieses Ortes. Das Brandenburger Tor und seine Würde als Denkmal werden nachhaltig beschädigt. Dabei ist es das Einheits- und Freiheitsdenkmal Deutschlands. Wenn seine Aura erst einmal angekratzt ist, fällt es besonders schwer, diese wiederherzustellen.

Morgenpost Online: Ist die Aura nicht längst beschädigt?

Monika Grütters: Tatsache ist: Statt in „guter Stube“ leben wir hier auf der Rummelmeile der Nation. Und das geht auf das Konto von Klaus Wowereit. Unter der Regie des Regierenden Bürgermeisters ist das Brandenburger Tor zur Kirmeskulisse verkommen. Immer wieder wird das Denkmal zum Aufhänger für Firmenwerbung aller Art herabgewürdigt – wie demnächst für Mercedes bei der Fashion Week. Bei allem Verständnis für Berlins Interesse an der Modemesse: Den Spaß der wenigen Tausend Besucher all der Veranstaltungen hier büßen Hunderttausende mit vielen Stunden im Stau. Muss das sein? Muss das wirklich alles hier sein?

Morgenpost Online: Geraten Sie nicht schnell in Gefahr, ein Spaßverderber zu sein?

Monika Grütters: Wenn wir die Zahl der Veranstaltungen kritisieren, werden wir Anrainer vom Senat schnell als Spielverderber dargestellt. Dabei freuen wir uns über die vielen fröhlichen Touristen, die sich das Tor anschauen wollen. Aber der Senat muss doch mit Augenmaß eine Auswahl treffen. Die Verlagerung der Modeschauen vom Bebelplatz an die Straße des 17. Juni hat die Sache ja um keinen Deut besser gemacht. Am Bebelplatz stolzierten die Models über Micha Ullmans Denkmal zur Bücherverbrennung, was rücksichtslos, geschichtsvergessen und beschämend war. Nun stehen die Zelte vor dem Brandenburger Tor. Und Mercedes darf an dem Tor werben. Das kann es doch auch nicht sein. Dabei gibt es ja Alternativen für Mercedes-Benz und die Fashion Week – wie etwa das Tipi-Zelt.

Morgenpost Online: Sie forderten schon vor Jahren eine Satzung, die Veranstaltungen auf dem Platz einen Rahmen geben sollte. Was ist daraus geworden?

Monika Grütters: Wir haben uns als Anwohner organisiert und laden regelmäßig Vertreter des Bezirks und des Senats zu Gesprächen ein. Dem wird so gut wie nie von öffentlicher Seite gefolgt. Wir werden weder gehört noch über Planungen für den Platz informiert.

Morgenpost Online: Gilt das auch für Ihre Botschaftsnachbarn?

Monika Grütters: Ja. Selbst als der französische Botschafter einlud, kam kein Vertreter des Senats. Diese Ignoranz gegenüber vermeintlichen Einzelinteressen der Anrainer ist erheblich, zumal die erstklassigen Adressen am Pariser Platz selber zurückhaltend auftreten und sehr wohl einen guten Blick für das Geschehen, für die Enttäuschungen und den Frust ob all der Sperrungen haben.

Morgenpost Online: Tendenziell werden es mehr Veranstaltungen. Wie soll das weitergehen?

Monika Grütters: Berlin verfügt ja jetzt über das bislang wenig genutzte Tempelhofer Feld. Da könnte man zum Beispiel viele der bislang über den Pariser Platz oder den „17. Juni“ verlaufenden Firmenläufe austragen. Das Feld eignet sich mit seiner Weitläufigkeit und seiner zentralen Lage besonders gut gerade für Sport- und Freizeitevents.

Morgenpost Online: Die Dauerbespielung geht weiter. Nach der Fashion Week wird die Straße des 17. Juni zur WM-Fanmeile…

Monika Grütters: Ich finde die WM-Stimmung ganz toll. Auf einmal, siehe da, nimmt man auch die Frauen wahr. Sehr schade ist, dass der Senat versäumt hat, mehr als ein Spiel ins Olympiastadion zu holen. Und die Fanmeile würde ja ganz wunderbar auf den Rasenplatz zwischen Hauptbahnhof und Paul-Löbe-Haus passen. Schöner geht es kaum: Da kann man im Gras auf dem Rücken liegen, in den Sommerhimmel schauen und die Spiele verfolgen.

Morgenpost Online: Wenig gute Aussichten bieten zwei Bauvorhaben. Die Staatsoper und das Schloss werden um Millionen teurer und Jahre später fertig. Wie erklärt man das dem Steuerzahler?

Monika Grütters: Im Falle der Oper ist das kaum zu erklären, denn die Begründungen dort sind denkbar absurd: Wasser im Keller, das war schon vor zehn Jahren der Fall. Dann wird neben der Oper ein Bunker gefunden, auch nicht eben selten in Mitte. Und schließlich war der Winter so hart. Also ich weiß nicht, wo die Verantwortlichen aus der Berliner Bauverwaltung in den vergangenen Wintern waren. Die Winter sind hier immer knackig. Ich bin sprachlos angesichts solcher Erklärungen. Und dass ein ganzes Jahr längere Bauzeit kein bisschen mehr kostet, glaubt auch niemand. Da war der Bund gut beraten, seine Bausumme auf 200 Millionen Euro zu deckeln. Für die Staatsoper wünsche ich mir eine gute, zügige Sanierung ihres Hauses.

Morgenpost Online: Auch das Schloss kommt später.

Monika Grütters: Der Schlossbau ist eine Jahrhundertaufgabe. Ich rechne damit, dass es noch in dieser Legislaturperiode zur Grundsteinlegung kommt. Trotz der Skepsis angesichts so großer Bauvorhaben können wir uns der Herausforderung, an diesem zentralen Ort der Republik wieder etwas zu bauen, nicht entziehen. Auf den zentralen Platz der Republik gehört ein würdevoller Bau. Es gibt keine Nation, die im 21. Jahrhundert die Chance hat, einen so zentralen Ort neu zu definieren. Und mit dem Schloss und dem darin geplanten Humboldtforum können wir einen großen Wurf landen. Wie peinlich wäre dagegen hier eine innerstädtische nationale Brache.

Morgenpost Online: Zurück zum Pariser Platz. Wie wollen Sie weiter mit der Dauerbespaßung vor Ihrem Haus umgehen?

Monika Grütters: Dazu eine kleine Geschichte: Als der Kaiser Max Liebermann verbieten wollte, auf sein Gebäude an diesem Standort einen kleinen Glaspavillon raufzusetzen, hat sich der Maler vor dem preußischen Oberverwaltungsgericht das Recht für den Aufbau erstritten. Manchmal fühlen wir uns in einer ähnlichen Situation. Und deshalb werden wir für unseren Standpunkt kämpfen.