Programmkino

Im Broadway fällt der letzte Vorhang

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Sandra Müller

Foto: Christian Hahn

Vom Sexfilmtheater zum Kinderkino - Mit einer letzten Filmvorstellung verabschiedet sich das Traditionskino Broadway vom Kurfürstendamm. Die Mieten in der City-West sind für den Betreiber zu hoch.

Anheimelnd. Gemütlich. Fast schon nostalgisch. Das legendäre Berliner Traditionskino am Ku-Damm, der in diesem Jahr sein 125. Jubiläum feiert, hat mit seiner Off-Kino-Kultur seit 1979 fast sieben Millionen Zuschauer begeistert. Nun steht dem geschichtsträchtigen Filmpalast und seinen Arthouse-Fans ein letzter Abspann bevor: Zum Abschied soll für die Besucher am Donnerstag bei freiem Eintritt Woody Allens „Manhattan“ über die Leinwand flimmern, bevor die vier Kinosäle samt gemütlicher Vintage-Klappsessel-Garnitur dann für immer der Vergangenheit angehören werden.

Damit fügt sich das Schicksal des Broadways ein in die Reihe des Kinosterbens, dass seit Beginn der 90er Jahre rund um den Tauentzien und den Kurfürstendamm Einzug gehalten hat. Mit der Schließung des Broadways sinkt die Zahl der einst 22 Filmtheater auf dem ehemaligen Kinoboulevard auf ganze zwei: Die Astor Film-Lounge und das Cinema Paris bieten ihrem Publikum noch echte Filmmagie und Kinokultur abseits von Multiplex und Mainstream-Blockbustern. Noch. Denn die Mieten in der City-West sind hoch und für die Filmhäuser trotz Stammkundschaft kaum noch erschwinglich.

Genau aus diesem Grund ist jetzt auch Schluss „am Broadway“. Der Gebäudekomplex der sogenannten Mini City soll nach geplanter Sanierung für den Einzelhandel umgebaut werden; der Pachtvertrag mit dem Broadway wurde offiziell gekündigt. „Es ist sehr traurig“, sagt die Theaterleiterin Ingrid Wühle. „Das Kino war ein Stückchen Heimat und die Kollegen wie eine Familie“. Mit dem Umbau der City Passage gehen ganze 32 Jahre Kinogeschichte zu Ende. Nur drei Jahre nach seiner Eröffnung 1973 als kleinstes 70-Millimeter-Breitwandkino der Welt und mit nur einem einzigen Saal, verwandelte sich das „Cinema Princess“ kurzzeitig in das Sexfilmtheater „Barbarelle“ bevor es nach weiteren zwei Jahren Leerstands 1979 durch die Yorck-Kinogruppe übernommen und als „Broadway“ wiedereröffnet wurde.

In den Folgejahren konnte das Lichtspielhaus weiter ausgebaut werden und „erspielte sich einen festen Platz in der Berliner Programmkinoszene“, so Katja Schubert, Sprecherin der Yorck-Kinogruppe. Nicht zuletzt wohl auch durch das morgendliche Kinder-Programm „Kino für Schulen“, das in den 80er-Jahren von Kinoleiter Günter Hohl ins Leben gerufen wurde und dem Filmhaus bis heute zahlreiche Auszeichnungen eintrug. „Ich dachte, warum sollten Kinos am Vormittag leer stehen?“, erinnert sich Hohl. Tausende Mädchen und Jungen gingen hier zum ersten Mal auf filmische Entdeckungsreise, träumten sich in die Welt der Feen, Zwerge, Prinzessinnen und Zauberer. Zusätzlich zu den speziell auf die kleinsten Besucher zugeschnittenen Filmvorführungen, stellten die Kinobetreiber den Kindern zu jedem Titel Informationen und Begleitmaterial zur Verfügung und nicht selten schauten auch Autoren vorbei, um mit den Schulklassen persönlich in Kontakt zu treten.

Glück im Unglück - das Aus fürs Broadway bedeutet nicht auch das Aus für das Erfolgsprogramm „Kino für Schulen“. Berliner Schüler und Lehrer können also aufatmen. Das Programmangebot zieht gemeinsam mit seinem Gründer und Betreuer Hohl ins Yorck-Kino nach Kreuzberg und bekommt somit einen sehr schönen neuen Spielort. Und auch sonst muss wohl zumindest niemand um seinen Arbeitsplatz bangen. Die Mitarbeiter des Broadways sollen nämlich auf die anderen Kinos der Gruppe umverteilt werden. Mit Filmen wie „Polnische Ostern“ und „Barfuss auf Nacktschnecken“ ist am Ku-Damm jetzt jedoch Schluss. Statt Kunst- und Kulturerleben wird man auf Deutschlands einstiger Kinomeile wahrscheinlich bald nur noch shoppen können. Und auch die Aussicht auf den Titel „City of Cinema“, um den sich die Hauptstadt bereits seit mehreren Jahren bei der UNESCO bewirbt, dürfte mit dem Verlust des Broadways ein Stückchen gesunken sein.

Letzte Filmvorstellung Woody Allens „Manhattan“ Donnerstag um 15, 17.30 und 20 Uhr