Prozess

"Nicht gewehrt" - Vergewaltiger verharmlosen Tat

Vor dem Moabiter Landgericht müssen sich vier Jugendliche wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Einer der Angeklagten verteidigt sich mit der Begründung, die Frau habe sich ja nicht gewehrt.

Foto: Buddy Bartelsen

Ein Parkplatz, ein Sportgelände, ein Hausflur – für die meisten Menschen sind das völlig normale Örtlichkeiten. Für Anita T.* aus Reinickendorf sind es die Schauplätze eines Albtraums. An diesen Orten ist die 22-Jährige Mitte Januar dieses Jahres misshandelt, erniedrigt und mehrfach vergewaltigt worden. Ihr zwei Jahre älterer Lebensgefährte Marko W.* konnte ihr nicht helfen, er wurde von den Tätern vorher bewusstlos geprügelt. Fünf Monate später muss Anita T. das Geschehen vor einem Gericht schildern. Für viele Opfer ist das, als durchlebten sie die Tat noch einmal. Bei der 22-Jährigen trifft das nicht zu, ihr Albtraum war seit dem schlimmen Erlebnis immer gegenwärtig. Jeden Tag, jede Nacht, bis heute.

Vor zwei Wochen hat vor einer Jugendkammer des Landgerichts Moabit der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter begonnen. Nico F. (19), Philipp W. (18), Rede M. (17) und Tarzan R. (16) sollen Marko W. geschlagen und getreten haben, bis er das Bewusstsein verlor. Philipp W. hat sich dann innerhalb einer Stunde viermal an verschiedenen Orten an Anita T. vergangen, so sieht es jedenfalls die Staatsanwaltschaft. Den drei Mitangeklagten wirft sie vor, sie hätten die sexuellen Übergriffe ihres Komplizen johlend und lachend begleitet und die Taten teilweise per Handy-Kamera gefilmt.

Am Donnerstag soll das Urteil gesprochen werden. Im Rahmen der Urteilsbegründung und der vorangehenden Plädoyers von Staatsanwältin und Verteidigern dürften dann auch erstmals Einzelheiten zum Ablauf der Taten und zu den Motiven der mutmaßlichen Täter an die Öffentlichkeit gelangen. Bislang ist davon nur wenig bekannt geworden, denn während der gesamten Beweisaufnahme blieb die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die Verteidiger hatten den Ausschluss unmittelbar nach Verlesung der Anklage beantragt. Grund: Ihre Mandanten, allesamt Jugendliche und Erwachsene, könnten durch Aussagen in einem öffentlichen Verfahren zu sehr unter Druck geraten. Zudem gehe es bei den angeklagten Taten um sehr intime Details, ein Ausschluss der Öffentlichkeit diene daher auch dem Schutz des ganz persönlichen Lebensbereiches der Angeklagten.

Schutz gab es für Anita T. und Marko W. in den frühen Morgenstunden des 15. Januar nicht. Sie kamen von einem Bowling-Abend und waren auf dem Weg nach Hause, als sie gegen 3 Uhr am Wilhelmsruher Damm auf ihre Peiniger trafen. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft war es Nico F., der dem völlig arglosen Marko W. urplötzlich eine Wodkaflasche auf den Hinterkopf schmetterte. Benommen sank der 24-Jährige zu Boden. Mehrmals versuchte er, sich wieder aufzurichten, vergeblich. Die Angreifer traten so lange auf seinen Kopf ein, bis er endgültig das Bewusstsein verlor. Marko W. leidet bis heute an den Folgen der Tat, das Sprechen fällt ihm schwer und er hat mit massiven Konzentrationsstörungen zu kämpfen. Die Ärzte können noch nicht sagen, ob Hirnschäden bleiben.

Die jungen Männer verdanken es wohl nur ihrem jugendlichen Alter und der damit verbundenen fehlenden Reife, dass sie „nur“ wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt wurden. Erwachsene erwartet in solchen Fällen häufig eine Anklage wegen versuchten Totschlags. Eine Tötungsabsicht muss dabei gar nicht vorliegen, es reicht, wenn der Täter den Tod des Opfers „billigend in Kauf nimmt“. Bedingter Vorsatz heißt das in der Sprache der Juristen.

„Die Frau hat sich ja nicht gewehrt“

Die Misshandlungen von Marko W. sind in diesem Fall allerdings nur der Beginn einer an Brutalität und Menschenverachtung kaum zu überbietenden Gewaltorgie, dessen Opfer auch Anita T. wird. Zunächst versucht die junge Frau, ihrem Freund zu Hilfe zu kommen, dafür kassiert sie Fußtritte in den Unterleib. Dann zerren ihre Peiniger sie zu einem nahe gelegenen Kundenparkplatz einer Bankfiliale. Dort habe Philipp W. sie aufgefordert, „sexuelle Handlungen an ihm vorzunehmen“, wie es in der Anklageschrift heißt.

Anschließend soll W. die 22-Jährige vergewaltigt haben, während seine Komplizen ihn und das Opfer umstellten. Damit waren die Leiden der jungen Frau allerdings noch nicht beendet. Psychisch und physisch am Ende ließ sich Anita T. widerstandslos zu einem nahe gelegenen Sportgelände schleppen, wo sie erneut missbraucht und vergewaltigt worden sein soll. Anschließend zogen W. und sein Mitangeklagter F. die Frau zu einem Hochhaus in der Nähe, dort soll sich W. im Hausflur und auf einem Durchgangsbalkon im ersten Stock nochmals an ihr vergangen haben.

Zunehmend geschwächt, völlig verängstigt und apathisch lässt Anita T. alles über sich ergehen. Apathisch wirkt sie noch heute, Monate nach der Tat. Sie ist arbeitsunfähig, weigert sich strikt, ihre Wohnung ohne Begleitung zu verlassen, selbst die Erledigung einfacher Dinge des Alltags bereitet ihr Probleme. Die Versorgung ihrer kleinen Tochter gelingt ihr nur mit Hilfe einer Betreuerin. Anita T. und ihr Freund sind Nebenkläger in dem Verfahren. „Ich habe große Sorgen, dass meine Mandantin dem Auftritt als Zeugen nicht gewachsen ist“, äußert ihr Anwalt schon zu Prozessbeginn. Anita T. hat den Auftritt überstanden, allerdings nur mit Mühe.

Auch über die Angeklagten wird zunächst wenig bekannt. Philipp W. wohnte bis zu seiner Festnahme bei seinen Eltern in Reinickendorf und absolvierte eine Maurerlehre. Dem gängigen Bild eines Bauarbeiters entspricht der schmächtige Teenager mit den jungenhaften Gesichtzügen ebenso wenig wie dem eines brutalen Vergewaltigers. Aber Bilder werden gerade vor Gericht schnell zu Klischees. Die Anklagebänke in Moabit sind voll von Menschen, denen man die ihnen vorgeworfenen Taten kaum zutraut. Und die sie doch begangen haben. Auch für die Schuld von Philipp W. spricht einiges. Der 18-Jährige habe die sexuellen Handlungen zugegeben, berichtet Gerichtssprecher Tobias Kähne. Seine Handlungen habe er jedoch heruntergespielt – mit der Begründung, die Frau habe sich ja nicht gewehrt.

* Namen geändert