Hauptbahnhof

Umstrittenes Hotelviertel bekommt Zuwachs

Die Übernachtungszahlen in Berlin steigen rasant und locken Hotel-Investoren. Ab Mitte 2012 sollen am Hauptbahnhof zwei neue Herbergen mit insgesamt 400 Zimmern gebaut werden.

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Die Brache vom Berliner Hauptbahnhof wird immer mehr mit Leben gefüllt. Die Berliner Unternehmer Ariel Schiff (Amano Hotel) und Artur Süsskind (Terra-Contor) planen den Bau von gleich zwei Hotels am Europaplatz. „Wir haben ein 3200 Quadratmeter großes Baugrundstück gleich neben der Baugrube des Total-Hochhauses gekauft“, sagte Ariel Schiff Morgenpost Online. Anders als das wegen seiner Optik viel gescholtene Meininger-Hotel am Washingtonplatz auf der Südseite des Bahnhofs sollen die beiden neu geplanten Häuser nun höchsten geschmacklichen Anforderungen genügen. „Wir haben sechs renommierte Berliner Architekturbüros zum Wettbewerb eingeladen“, so Schiff.

Dass die Konkurrenz am Hauptbahnhof bereits groß ist und neben ihren beiden Häusern noch weitere Hotelprojekte in der Planung steht, stört die beiden Berliner nicht. „Die Lage am Hauptbahnhof ist einfach sensationell“, sagt Schiff. Wenn in einem Jahr der Großflughafen BBI eröffne, werde das Haus auch noch zum Flughafenhotel: „Schließlich können die Hotelgäste von hier aus in 20 Minuten am Flugsteig sein“, so Schiff.

Die aktuellen Übernachtungszahlen bestätigen diese optimistische Haltung: Im vergangenen Jahr wurden 20,8 Millionen Übernachtungen registriert. Die Umsätze in der Branche sind in den vergangenen zwölf Jahren von knapp vier auf gut neun Milliarden Euro gestiegen. Die Zimmerpreise und die Auslastung haben sich inzwischen wieder auf das Niveau von vor der Finanzkrise erholt: 2010 betrug der durchschnittliche Zimmerpreis 87Euro bei einer Auslastung von 69 Prozent. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Hotelbetten in den vergangenen zehn Jahren von 75.000 auf 113.000. Kein Wunder also, dass viele Investoren darauf setzen, dass der Tourismus-Boom auch in den kommenden Jahren anhalten wird.

400 neue Zimmer

Die beiden neuen Hotels am Hauptbahnhof sollen ab Mitte kommenden Jahres gebaut werden – so lange dauere es mindestens, bis der Bauantrag durch sei, so Investor Schiff. Zusammen sollen sie dann über 400 Zimmer verfügen. „Das Haus mit der Kategorie drei Sterne und mit 250 Betten werden wir in Eigenregie führen“, so Schiff, der am Hackeschen Markt bereits das Amano-Hotel betreibt. Das kleinere Haus mit 150 Betten soll an einen Pächter vergeben werden. „Wir sind bereits mit Interessenten im Gespräch“, so der Investor. Voraussichtlich werde dort ein Zwei-Sterne-Hotel einziehen.

Das von den Investoren Schiff und Süsskind für einen zweistelligen Millionenbetrag erworbene Areal liegt an der Ecke Invalidenstraße und Heidestraße, im neuen Stadtquartier Europacity. Entstehen soll dort eine Kombination aus Hotel-, Geschäften und Gastronomie. Erst im November vergangenen Jahres hatte der Berliner Senat den entsprechenden Bebauungsplan veröffentlicht, bereits im Dezember erfolgte der Grundstücksdeal.

Nach Absprache mit der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher habe die Berliner Planerbüros Dirk Sachs Architekten, Bernd Faskel Architekten, Kleihues+Kleihues, nps Tchoban Voss, Nalbach+Nalbach sowie Remtec eingeladen. Alle sechs Büros haben ihre Entwürfe bereits abgegeben, am 29. Juni entscheidet das Preisgericht. „In der Jury sind sowohl der Senat als auch der Bezirk vertreten“, betonte Schiff. Man sei zuversichtlich, dass der Siegerentwurf nicht nur die Stadtplaner, sondern auch die Belange der Investoren ausreichend berücksichtige.

Die Umgebung hat fünf Jahre nach Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs ein ästhetisch ansprechendes Gebäude auch bitter nötig. Die Gebäude, die im vergangenen halben Jahrzehnt vis-à-vis vom Kanzleramt und rund um den Hauptbahnhof entstanden sind, sind von mehreren Seiten – auch vom Hauptbahnhof-Management selbst – wegen ihres fehlenden Charmes kritisiert worden. Als Konsequenz daraus hatte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher verordnet, dass Häuser in „stadtbildprägenden Lagen“ am Hauptbahnhof künftig nur noch nach Durchführung eines Architekturwettbewerbs gebaut werden dürfen. Alle Käufer solcher Grundstücke verpflichten sich mit dem Kauf auch zur Durchführung eines solchen Wettbewerbs. Die Baupläne des niederländischen Investors OVG Real Estate für den Bau eines Bürogebäudes am Humboldthafen hatte die Senatsbaudirektorin allerdings noch rückwirkend durchkreuzt. Sie lehnte das vom Projektentwickler geplante Gebäude als unzureichend ab. Schließlich habe man sich im „beiderseitigen Einvernehmen“, so Lüscher, auf einen Wettbewerb geeinigt.

Im April präsentierten Senatsbaudirektorin und Unternehmen dann Seite an Seite den Wettbewerbssieger. Nach dem Entwurf von KSP-Jürgen Engel Architekten wird nun am Hafenbecken ein sieben- bis achtgeschossiges Gebäude entstehen, in dem bis zu 1000 Arbeitsplätze sowie Restaurants und Läden untergebracht werden. Anders als ursprünglich geplant, entsteht am Ufer kein massiver Block, sondern ein um zwei Innenhöfe angeordnetes Ensemble, das sich zum Wasser öffnet.

Gerade neues Hotel eröffnet

Härte bewies die Senatsbaudirektorin jüngst auch beim geplanten Luxushotel Sheraton. An der Invalidenstraße nordwestlich des Bahnhofs sollte ein neunstöckiger Komplex aus zwei Gebäuden entstehen. Neben dem Hotel mit 464 Zimmern war auch eine Shopping Mall vorgesehen. Die Baugenehmigung lag bereits vor – jedoch mit Ausnahme des sogenannten Skywalks, einer Fußgängerbrücke, die das Gebäude direkt mit dem Bahnhof verbinden sollte. Investor CMI sowie Sheraton zogen sich daraufhin aus dem Projekt zurück. Nun gibt es einen neuen Investor, die HG Immobilien Mitte GmbH Koblenz. Diese will ebenfalls ein Hotel bauen und traut sich anders als der vorherige Projektentwickler offenbar zu, dass Projekt auch ohne Brücke zu realisieren.

Während das HGI-Projekt und das der beiden Berliner Investoren Schiff und Süsskind noch ganz am Anfang steht, wurde zumindest mit den vorbereitenden Arbeiten für ein neues InterCity-Hotel schon begonnen. Die Vivico, die das achtgeschossige Gebäude am Washingtonplatz für den Pächter, die Steigenberger-Gruppe errichtet, hat angekündigt, mit dem Bau im Herbst beginnen zu wollen. Das Architekturbüro Reichel+Stauth aus Braunschweig soll dabei für die ansprechende Optik sorgen. 2013 soll das Haus in Betrieb gehen. Nur einen Steinwurf vom Bauplatz sowohl des InterCity als auch von Ariel Schiffs geplanten zwei Hotels entfernt feierte am 1. Juni das bisher größte Haus der Low Budget Design Hotelkette „Motel One“ Eröffnung. Ab sofort stehen an der Invalidenstraße 54 exakt 514Zimmer zur Verfügung und machen dem A & O Hostel (Lehrter Straße 12, eröffnet 2010) und dem Meininger Hotel (eröffnet 2009) Konkurrenz.