Insektenbefall

Raupen zerfressen den Berliner Grunewald

Der Eichenprozessionsspinnerbefall ist in diesem Jahr so schlimm wie noch nie. Millionen Bäume sind gefährdet. Die Forstämter sind machtlos, denn das Absaugen der Raupen hilft nicht mehr.

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In Berlin sind die Raupen los. Das Pflanzenschutzamt warnt vor auffälligen Nestern, die sich vor allem in Sträuchern und auf Bäumen verstecken.

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Kreisrunde Löcher sind in dem Buchenblatt, das der Grunewalder Förster Elmar Kilz in der Hand hält. „Raupen haben hier gefressen“, sagt der Leiter des Forstschutzamtes. In diesem Jahr seien fast alle Bäume in dem großen Waldgebiet im Südwesten Berlins von ihnen befallen. Sie kommen nachts aus ihren Nestern und fressen die Bäume kahl. Fast alle Blätter an den Bäumen in der Umgebung haben ähnliche Löcher. Manche Bäume sind schon nahezu kahl. So schlimm wie in diesem Jahr sei es noch niemals gewesen, sagt der 56-jährige Forstfachmann.

Kilz war am Dienstag mit einer Expertenkommission in dem mehr als 3000 Hektar großen Grunewald unterwegs, um den Raupenbefall zu begutachten. Das Ergebnis ist auch für ihn erschreckend. „Die Baumkronen sind überall licht, im Wald ist derzeit kaum noch Schatten zu finden.“ Problematisch sei der Raupenbefall vor allem, weil das Waldgebiet der gesamten Stadt kühle Luft bringe und zudem die Luft sauber halte. „Wäre der Wald nicht, wäre das Klima in Kreuzberg ähnlich wie in einer Wüstenregion, ist Elmar Kilz überzeugt.

Bäume kurz vor dem Absterben

Bliebe der Befall durch die Schmetterlingslarven in den nächsten Jahren konstant oder stiege sogar noch weiter an, dann würden die Bäume sterben, beschreibt Elmar Kilz ein düsteres Szenario. Der Grunewald, beliebtes Ausflugsziel vieler Berliner, sei dann in Gefahr. Momentan stellten die Pflanzen lediglich das Wachstum ein.

Die „Frühjahrsfraßgemeinschaft“, wie die Raupen von Schwammspinner, kleinem und großem Frostspinner, Trapezeule, Eichenprozessionsspinner, Eichen- und Laubwickler genannt werden, nimmt sich im Wald alles vor, was ihr in die Quere kommt. „Die Buche hier“, sagt Elmar Kilz und weist auf den kleinen Baum vor sich, „ist erst fünf Jahre alt, wir haben sie hier gepflanzt, um aufzuforsten.“ Sollten die Raupen der hüfthohen Pflanze mit den zernagten Blättern weiter zusetzen, wäre die Mühe umsonst gewesen.

Trockenheit, Wärme und ein Winter ohne plötzliches Tauwetter – die für den Menschen so angenehmen klimatischen Bedingungen genießen auch die Schmetterlingslarven. „Die Populationen konnten sich ungestört entwickeln“, sagt Elmar Kilz. Die Bäume leiden jedoch unter der Trockenheit, produzieren kaum noch Harz, üblicherweise wehren sie damit unliebsame Parasiten ab. In den vergangenen zwei Wochen haben die Bäume kleine Triebe bekommen, „Johannistriebe sind das“, sagt Elmar Kilz. Ohne diese Triebe wären die Bäume im Grunewald stellenweise schon vollständig kahl.

Absaugen kann den Befall nicht mehr eindämmen

Besonders betroffen vom Raupenfraß sind die bis zu 110Jahre alten Eichen im Grunewald. „Alle Raupen mögen Eichen“, sagt Elmar Kilz. Der Grund dafür sei nicht bekannt, man vermute, dass es am hohen Gerbstoffgehalt der Blätter liegt. Dabei sind ein Viertel der Bäume im Grunewald Eichen – etwa fünf Millionen, schätzt Kilz.

In anderen Wäldern Berlins sei die Situation ähnlich wie im Grunewald. Die Raupen seien ebenfalls im Spandauer Forst, im Tiergarten und im Jungfernheidepark am Werk. Der Osten ist bislang verschont geblieben. „Dort stehen viele Kiefern, die bei Raupen nicht sehr beliebt sind“, sagt Elmar Kilz. Der Kiefernprozessionsspinner werde jedoch in absehbarer Zeit in Berlin einwandern, dann ist auch diese Baumart in Gefahr. Derzeit taucht diese Nachtfalter-Art in Sachsen-Anhalt auf.

„Absaugen der Raupen kann den starken Befall nicht mehr eindämmen“, sagt Elmar Kilz. Zudem wäre die Maßnahme bei fünf Millionen Bäumen und Kosten bis zu 300 Euro pro Baum viel zu teuer.

Der Leiter des Grunewalder Forstamtes möchte im kommenden Jahr mit einem Bakterium gegen die Schmetterlingslarven vorgehen. „Der Bacillus thuringiensis zerstört die Raupen auf natürlichem Weg.“ Ohne dabei dem Menschen zu schaden. Mit Hubschraubern müsste der Wald gespritzt werden, mindestens über dem am stärksten befallenen und bedrohten Gebiet östlich der Avus, das 30 bis 40 Hektar groß ist.

Gefahr für Allergiker

An einer Eiche nahe dem Kronprinzessinnenweg ist ein noch kleines Nest der Eichenprozessionsspinner zu sehen. Drei haarige Raupen liegen auf dem Nest. Kilz: „Die Nesseln der Raupe sind für den Menschen giftig.“ Bis zu einem Quadratmeter können die aus spinnwebenartigen Fäden gesponnenen Nester groß werden. Die Raupen sind vor dem Entpuppen Ende Juli lang wie ein kleiner Finger. Beim Schlüpfen lassen sie ihre mit Nesseln besetzte Haut zurück – der Wind verstreut die feinen Härchen überall hin. Atmet sie ein Asthmatiker ein, kann er davon einen Anfall bekommen, Allergiker können einen Schock erleiden. Schon der Hautkontakt ruft Pusteln und Rötungen hervor. Auch seine Mitarbeiter seien betroffen, erzählt Elmar Kilz. Würden im Sommer Äste geschnitten, dann hätten seine Kollegen oft einen masernähnlichen Ausschlag.

Der Eichenprozessionsspinner ist im vergangenen Jahr auch am Strandbad Wannsee entdeckt worden. „Wir haben dort einige Bäume absaugen lassen“, sagt Elmar Kilz. Die Berliner Bäderbetriebe beobachten die Eichen rund um die Bushaltestelle vor dem Strandbad aufmerksam. „Wir würden es sofort melden, wenn uns etwas auffällt“, sagt der Sprecher der Berliner Bäderbetriebe, Matthias Oloew. In diesem Jahr seien noch keine Nester entdeckt worden. An den Eichen im Strandbad seien bisher nur einzelne Spinner gesichtet worden, Nester jedoch nicht.

Einige Eichen im Grunewald sind frei vom Eichenprozessionsspinner. „Obwohl sie im vergangenen Jahr noch befallen waren“, meint Elmar Kilz. Den Grund kennt der Förster nicht, vermutet aber: „Nach der Einwanderung des Eichenprozessionsspinners 2004 sind seine natürlichen Feinde – Schlupfwespen und kleine Fadenwürmer – nachgekommen.“