Hilferuf

Berliner Schulpolitik - Rette sich, wer kann!

In diesen Tagen erhalten viele Berliner Eltern die Ablehnungsbescheide der Gymnasien. Ein Plädoyer für eine neue Schulpolitik von Autorin Susanne Leinemann, Journalistin und Mutter.

Foto: Marcelo Hernandez

Dies ist ein Hilferuf. Die Berliner Schulpolitik verändert mich – sie macht aus mir die bildungsbürgerliche Mutti ohne soziales Gewissen, die ich nie sein wollte. Was ich damit meine? Schulpolitiker entwerfen gerne genau dieses griffige Feindbild; je weiter links die Partei steht, desto gröber die Konturen. Es ist ein Zerrbild, das sich in Talkshows wunderbar hinknallen lässt: Bürgerliche Eltern, die in ihrer Klammeraffenliebe für den Status ihrer Kinder kämpfen. Für deren Platz auf dem Gymnasium, um jeden Preis. Soziale Mischung, so behaupten diese Politiker, sei solchen Eltern egal – die wollten doch sowieso lieber unter sich bleiben. Anwaltskinder sollten mit Ärztekindern lernen und spielen, mit Architektenkindern verkehren und so weiter. Die alleinerziehende Bäckereifachverkäuferin? Soll sich bitte schön eine andere Schule suchen.

Ein Zerrbild, wie gesagt. Nie habe ich so gedacht. Ich finde es wichtig, dass Kinder nicht nur in ihrer eigenen Schicht schmoren. Was ich für unsere beiden Kinder allerdings erwarte, ist eine gute Schule. Da mache ich keine Abstriche. Keine Schickimicki-Schule mit Mandarin-Kurs oder regelmäßigen Projekttagen mit der Deutschen Oper muss es sein, aber eine ordentliche Schule, in der der Unterricht wirklich stattfindet. In der Schüler einen zivilisierten Umgang pflegen und sich nicht als Schulsport gegenseitig mobben. Natürlich prägt einen die eigene Schulerfahrung. Ich kenne von früher nur Grundschulen mit vier Jahrgangsstufen, danach trennte sich die Klasse. Abgang erst nach der 6. Klasse? Das war für mich anfangs fremd. Aber ich bin lernfähig. Ich habe mich überzeugen lassen – unsere Grundschule ist gut, warum unbedingt früh wechseln?

Diese Gelassenheit schwindet jetzt. Denn die Berliner Schulpolitik, die so fortschrittlich daherkommt, mit dem Anspruch, die gläserne Wand zwischen den sozialen Schichten zu durchbrechen, macht mich langsam zu genau der bürgerlichen Feindbild-Mutter, die ich nie sein wollte. Mit anzusehen, wie entnervte Eltern um mich herum den Irrsinn um die neuen Aufnahmekriterien für Gymnasien und Sekundarschulen durchmachen, reicht voll und ganz. Ein Mädchen, deren ältere Geschwister auf ein begehrtes Gymnasium gehen, soll nun auch dorthin. Aber sie ahnte schon, dass es nichts werden würde. „Ich bin zu schlecht in der Schule“, jammerte sie. Nach ihrem Notendurchschnitt vom letzten Zeugnis gefragt, antwortete sie traurig: „1,9.“

Zu schlecht fürs Gymnasium mit 1,9? Himmel, wo leben wir denn? Und tatsächlich, das Mädchen hatte recht, das ersehnte Gymnasium lehnte es ab: Man nehme nur Kinder mit einem Notendurchschnitt bis 1,8. Geschwisterbonus zählt ja jetzt nicht mehr, Wohnortnähe auch nicht. Nun haben die Eltern einen Anwalt beauftragt. Wenn es irgendeinen Gewinner dieser verfluchten Schulreform gibt, dann sind es die Anwälte.

Ich höre diese Geschichte, und das Grübeln beginnt: Sollen wir uns diesen Stress nach der sechsten Klasse antun? Übervolle Infoabende mit Hunderten von Eltern, die der Direktor als Erstes informiert, dass die meisten von ihnen mit einer Absage rechnen müssten. Die Schule habe leider viel zu wenige Plätze. Und – hier wird der Ton des Direktors schärfer – wer seine Schule nicht als erste Wunschschule angebe, der habe sowieso keine Chance. Der könne jetzt gleich gehen. Und müsse damit rechnen, dass sein Kind irgendwo lande, womöglich sogar in Marzahn oder Hellersdorf. Das sind keine Eltern-Infoabende, das ist Eltern-Psychoterror.

Also schiele ich nach einem Notausgang. Es wäre doch blöd, denke ich plötzlich, nicht doch zu versuchen, einen Gymnasialplatz nach der vierten Klasse zu ergattern. Vielleicht klappt es ja. Die Noten der Tochter im Halbjahreszeugnis der dritten Klasse waren ordentlich, sie ist eine stabile Zweierkandidatin. Ist es nicht fahrlässig, die Chance eines frühen Übergangs einfach vorbeiziehen zu lassen? Schließlich sollen beide Kinder am Ende ein Gymnasium besuchen, so wie wir Eltern es getan haben. Mein Mann war der erste aus seiner großen Familie, der das Abitur machte. Damals hatte sich die SPD auf die Fahnen geschrieben, Kinder von Arbeitern auf das Gymnasium zu kriegen. Bildung, an der Spitze das Gymnasium, war ihre konkrete Utopie. Heute macht sie den Zugang zum Gymnasium zum Nadelöhr. Nein, nicht ich habe mich verändert, die Politik hat sich verändert! Der Stress, vor diesem Nadelöhr zu stehen, liegt auf den Berliner Schulen und Eltern. Er nötigt mir einen Kampf auf, den ich nicht gesucht habe. Jetzt bin ich da, wo ich gar nicht sein wollte: Vorzeitiges Grundschule-Ende nach der vierten Klasse – obwohl ich als Mutter eigentlich davon überzeugt bin, dass unserer Tochter zwei weitere Jahre auf dieser Schule gut täten. Doch wie werden ihre Noten in der sechsten Klasse sein? Sie müsste eine Einserkandidatin sein, um die letzte, enge Ausfahrt zum Gymnasium zu schaffen. Pauken, Druck und Stress – will ich das? Sie jeden Nachmittag an den Schreibtisch setzen. Wo ist die schöne Grundschulzeit hin, wie ich sie als Kind mit großer Leichtigkeit hinter mich brachte?

Niemand erkennt Talente

Wenn nur noch der Notendurchschnitt beim Wechsel zählt, dann steht die Welt Kopf. Wir reden hier über Zehn-, Elf-, Zwölfjährige! Ein Numerus Clausus nach der Grundschule? Das ist doch absurd. Und außerdem wirkt der NC wie eine Betondecke gegen den sozialen Aufstieg. Denn was ist mit den Kindern, die zwar intelligent sind, aber keine Eltern haben, die ihnen nachmittags bei den Hausaufgaben helfen können oder wollen? Wo das Geld für Nachhilfe fehlt? Wo ein Fernseher im Kinderzimmer das Erziehen, Vorlesen, Spielen ersetzt? Nein, eine plumpe Fixierung auf den Notendurchschnitt wird begabte Kinder aus bildungsfernen Häusern niemals fördern. Irgendjemand müsste ihr Talent erkennen. Aber wer keine Überflieger-Noten hat, schafft es nicht auf eine gute Schule. So einfach ist das – und so asozial. Viele Schuldirektoren sind darüber auch nicht glücklich. Eine Schule, die ganze Klassen aus reinen Einserkandidaten bilden kann – nicht für jeden Pädagogen ist das ein Ideal. Wer einen sozialen Anspruch hat, der kann darüber nicht glücklich sein. Aber die Schulleiter haben Angst vor der Klagewelle. Am Ende ist eine Schülerauswahl immer willkürlich. Ein fester Notendurchschnitt hat vor Gericht noch am ehesten Bestand, ganz anders als Aufnahmegespräche oder Einschätzungen. Deshalb klammern sich jetzt alle an die Noten. Aus Angst.

Die Kinder nicht opfern

Es gibt keinen Grund, diese Schulreform zu feiern. Sie ist sozial zutiefst ungerecht. Sie reduziert die Kinder wie noch nie auf Leistung. Der Charakter des Kindes, der erste Eindruck, den das Kind macht, eigene Geschwister auf der Schule, die Wohnortnähe, ein liebendes familiäres Umfeld – nichts davon zählt mehr. Und der Elternwille schon gar nicht.

Eine Reform jagt in Berlin die andere – und alle wirken unausgegoren. Handstreichartig werden die Hauptschulen abgeschafft und die Sekundarschulen aus der Taufe gehoben. Auf dem Papier sieht das alles mächtig aktiv aus. Wir tun was! Aber am Ende ist es nichts weiter als politischer Etikettenschwindel.

Eigentlich sind wir ziemlich normale Eltern. Wir wollen für unsere Kinder einfach eine gute Schule. Wir wollen nicht hysterisch sein, wir haben keine überzogenen Erwartungen, wir sind flexibel, wir denken sozial. Aber wir werden unsere Kinder nicht opfern und auf eine miese Schule geben. Nicht mit uns. Also werden wir im Sommer das 3. Klasse-Zeugnis unserer Tochter anschauen und danach tief durchatmen. Danach werden wir entscheiden, ob wir nicht doch für unsere Tochter den Übergang nach der vierten Klasse versuchen. Es ist keine Überzeugung. Es ist eine Flucht.

Was ist ihre Meinung? Mailen Sie uns aktionen@morgenpost.de oder schreiben Sie uns: Berliner Morgenpost, Lokalredaktion, Brieffach 3110, 10888 Berlin