Sozialprojekt

Hoffnung für die Kinder vom Alexanderplatz

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Birgit Haas

Foto: Amin Akhtar

In Berlin leben Tausende Jugendliche auf der Straße. Die Stiftung Off Road Kids verhilft ihnen zu einem neuen Zuhause.

Es ist wenig los an diesem Nachmittag am Alexanderplatz. Nur ein paar Menschen hasten vor dem Fernsehturm durch den Schnee zur Straßenbahn oder zum Bahnhof. Jeder möchte so schnell wie möglich dem schneidenden Wind entkommen und ins Warme. Außer einem Grüppchen schwarz gekleideter Menschen neben dem Eingang zum Bahnhof bei der Burger-King-Filiale. Sie reden, lachen, trinken Bier. In der Mitte sitzt ein Mädchen mit Piercing in der Nase, unter der Mütze schaut ein neongelber Irokesenschnitt vor. Sie spielt mit einem der beiden Hunde, die zu der Gruppe Jugendlicher gehören.

"Hallo“, sagt die Frau mit den langen blonden Haaren und dicker Winterjacke. Ob es gut gehe, fragt die Sozialarbeiterin Bele Huy, ob sie heute schon genug gegessen habe. „Ja, alles in Ordnung“, antwortet das Mädchen mit dem Piercing. Soweit es eben bei der Kälte geht. Aus dem warmen U-Bahnhof seien sie heute schon einige Male vertrieben worden, „deshalb stehen wir nun draußen“, fügt ein anderer aus der Gruppe hinzu. Er wird von seinen Freunden „Pisser“ genannt. Auf seiner Jacke ist ein großer Aufnäher. „Arbeit ist Scheiße“ ist darauf zu lesen.

"Pisser“ und seine Freunde sind obdachlos, leben auf der Straße, die meisten sind minderjährig. Hilfe wollen sie nicht von Bele Huy. Hilfe bedeutet für die jungen Erwachsenen nur, dass sie vom Sozialamt in Jugendheime, zu Pflegefamilien oder zurück zu ihren Eltern geschickt werden. Und das lehnen sie ab. „Davor sind die Jugendlichen ja weggelaufen, viele haben sehr schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Bele Huy. Sie ist Streetworkerin und heute mit ihrer Kollegin Ines Fornaçon am Alexanderplatz unterwegs.

Ines Fornaçon leitet das Berliner Büro der deutschlandweiten Stiftung Off Road Kids am Alexanderplatz. Die durch Spenden finanzierte soziale Einrichtung versucht, obdachlosen Kindern und Jugendlichen zu helfen, sie schnellstmöglich von der Straße zu holen. Dabei gibt sie kein Essen aus, auch keine Kleider. „Wir versuchen, die Jugendlichen dabei zu unterstützen, sich selbst zu helfen“, sagt Bele Huy. Dazu gehöre, dass die fünf Sozialarbeiter ihre Schützlinge zum Jugendamt, zum Jobcenter, zu Anwälten und in Therapieeinrichtungen begleiten. Und, wenn nötig, die Eltern über den Aufenthaltsort ihres Kindes benachrichtigen. „Wir unternehmen aber nichts ohne die Zustimmung der Jugendlichen“, betont Ines Fornaçon.

Auch wenn die Punks vom Alexanderplatz auf die Hilfeleistungen von Behörden verzichten wollen oder müssen – im Winter ist das Leben auf der Straße schwer. „Wir schlafen bei Bekannten, in besetzten Häusern oder in Rohbauten“, sagt „Pisser“. Was sich eben anbiete. In die Notunterkünfte für Obdachlose gehe er allerdings nicht, in einigen müsse man Personalien angeben, und dann wüssten die, dass er minderjährig sei. Könnte sein, dass dann die Polizei komme. „Außerdem: Zu den Berbern möchte ich nicht“, sagt er. Der große, schlanke Typ mit der karierten Hose und den fast ganz abrasierten Haaren lebt seit zwei Jahren auf der Straße, ist vom Zuhause seiner Eltern in einem kleinen Ort in Bayern abgehauen. Warum, möchte er nicht genau sagen, nur so viel: „Heute verstehen wir uns sogar wieder irgendwie.“ Zurückgehen sei allerdings keine Option, sein Leben sei nun hier, meint er. Hauptsächlich spiele es sich am Alexanderplatz ab, er komme täglich vorbei.

Manche sind schick gekleidet

Heute kann ihm Bele Huy sogar helfen. „Pisser“ hat Hunger. „Tofuwürste wären gut“, meint er. Er sei nämlich Vegetarier, doch die Suppenküchen hätten heute nur Mahlzeiten mit Fleisch im Programm. Also Tofuwürste – aus dem Reformhaus im Bahnhof Alexanderplatz. Ein seltener Luxus für „Pisser“ und eine Ausnahme, da heute Journalisten mit dabei sind und er sich bereit erklärt hat, mit der Presse über seine Situation zu reden.

Bele Huy ist viel in Berlin unterwegs, meist am Alexanderplatz und am Ostbahnhof. Auch am Bahnhof Zoo, auf der Wilmersdorfer Straße, rund um das Kottbusser Tor und den Hermannplatz suchen die Streetworker von Off Road Kids nach Straßenkindern. „Wenn wir neue Gesichter entdecken, sprechen wir die Kids sofort an“, sagt Bele Huy. Aber sie seien nicht immer so gut zu erkennen wie die Punks am Alexanderplatz – und auch nicht so demotiviert. Manche seien sogar sehr schick gekleidet, etwa junge Mädchen, die anschaffen gingen.

Zum Glück kommen viele obdachlose Jugendliche von selbst auf die 33-jährige Sozialarbeiterin und ihre Kollegen zu.

Wie Sam. Das Mädchen mit den Piercings in Nase und Lippen stand eines Tages vor dem Büro von Off Road Kids. Die damals 17-Jährige brauchte neue Schuhe und hatte von einer Freundin von der Hilfsorganisation gehört. Schuhe konnte Büroleiterin Ines Fornaçon ihr zwar nicht geben, aber sie nahm das Mädchen unter ihre Fittiche. Sam lebte zu dem Zeitpunkt schon fast ein Jahr auf der Straße, erst in Köln, dann in Berlin. Ende 2009 hatte sich Sam von Nordrhein-Westfalen bis hierher durchgeschlagen.

Die Hauptstadt habe eine große Anziehungskraft für Ausreißer, meint Ines Fornaçon. Die Kinder und Jugendlichen fänden hier sehr schnell Anschluss, die Szene sei groß und leicht zu finden. Bücher wie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erhöhten zudem die magische Wirkung Berlins auf Straßenkinder. „Die verklären die Geschichte von Christiane F.“, sagt Ines Fornaçon. Selbst wenn Off Road Kids jährlich bundesweit mehr als 300 Jugendliche und junge Erwachsene von der Straße holen kann, weniger werden es nicht, es kommen immer neue an. Nach Schätzungen der Berliner Bildungsverwaltung leben derzeit rund 1800 Minderjährige in Berlin überwiegend auf der Straße, die meisten sind über 14 Jahre alt.

Die Off Road Kids Stiftung nennt auf ihrer Internetseite „offroadkids.de“ deutlich geringere Zahlen und beruft sich auf ihre langjährige Szenekenntnis in Berlin, Dortmund, Hamburg und Köln: In Deutschland seien es demnach etwa 2500 Minderjährige während eines ganzen Jahres, die in Großstädte flüchten – rund 300 davon würden zu Straßenkindern, sofern man nicht einschreite.

Sam ist nicht wegen eines Buch-Mythos nach Berlin gezogen. „Ich habe im Internet eine Einrichtung gefunden, in der ich auch als Minderjährige mehrere Wochen am Stück übernachten darf“, erzählt sie heute, im Büro von Ines Fornaçon. Nach Monaten, in denen Sam morgens nicht wusste, wo sie abends schläft, war die Unterkunft in Berlin eine dringend benötigte Pause. Doch danach stand Sam wieder auf der Straße.

Kein Betteln oder Klauen

„Ich bin morgens raus, von einer Essensausgabe zur nächsten, und musste mich dann um einen Schlafplatz kümmern.“ Gebettelt oder geklaut hat Sam nie. Das Risiko, dabei von der Polizei entdeckt zu werden, war viel zu groß. Ihr Vater, der sie aus seiner Wohnung geworfen hatte, „weil er mit seiner neuen Frau alleine sein wollte“, hatte eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Als Sam einmal von der Polizei erwischt wurde, wollte der Vater sie in die Psychiatrie einweisen lassen. „Da konnte ich glücklicherweise vorher abhauen“, meint sie.

Auf der Straße hätte Sam am liebsten einen Beschützer gehabt, einen Freund, dem sie vertrauen kann. „Aber die meisten haben keine Lust, auf ein minderjähriges Mädchen aufzupassen.“ Andere wollten mit Sam schlafen. Sam sagt, sie habe ab und zu mitgemacht, um im Warmen übernachten zu können. Aber vergewaltigt worden sei sie nie. Insgesamt habe sie großes Glück gehabt, meint die zierliche Frau. Auch weil sie Drogen und Alkohol zwar probiert habe, aber nie abhängig wurde.

Heute ist die junge Frau bei Ines Fornaçon, um mit ihr über die anstehende Wohnungssuche zu sprechen. Sie freut sich auf ihre eigenen vier Wände, „jetzt, wo ich volljährig bin, kann ich mir ja eine Wohnung mieten.“ Bis sie eine Wohnung gefunden hat, lebt Sam in einem Wohnheim für Obdachlose. „Da ist es nicht schön, aber immerhin kann ich endlich die Tür hinter mir zumachen“, sagt Sam. Am liebsten ist sie alleine. Sie befürchtet, dass Gäste Dreck hinterlassen könnten. Doch Schmutz hat die heute 18-Jährige für den Rest ihres Lebens genug gesehen. In den Häusern, in denen sie geschlafen hat, habe es oft gestunken, weil die Hunde der anderen überall hingemacht hätten. Niemand habe den Kot weggeputzt. Die Matratzen und Decken, die oft ihr Bett gewesen seien, seien verdreckt und verschimmelt gewesen. „Das war so eklig, ich musste mich die ganze Zeit kratzen.“

Sam weiß, dass sie verarbeiten muss, was sie erlebt hat. Nicht nur die Zeit, die sie auf der Straße gelebt hat, „eigentlich meine ganze Kindheit, in der ich vernachlässigt und gemobbt worden bin“. Sam kann niemandem vertrauen, noch nicht mal ihrer Sozialarbeiterin Ines Fornaçon. Obwohl die ihr hilft, bei der Wohnungssuche, dem Alg-II-Antrag und vielleicht auch bei der Suche nach einer Ausbildung als Piercerin und Tätowiererin – Sams großem Traum.