Wintereinbruch

Kaum Tagesangebote für Berlins Obdachlose

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Daniel Müller

Der Wintereinbruch bedeutet für Berliner Obdachlose nicht bloß einen Kampf um die Schlafplätze. Mittlerweile fehlen für rund 7000 Bedürftige auch tagsüber Angebote zum Aufwärmen.

Morgens um acht steht Georg vor dem ersten großen Problem. Er trägt einen Reiserucksack auf den Schultern, den Schlafsack unterm Arm, drei Plastiktüten in der Hand. Mit diesem Gepäck könne er einfach nicht den ganzen Tag unterwegs sein, „das schaffe ich körperlich nicht.“ Er muss es also verstecken, Geld für ein Schließfach am Bahnhof hat er nicht, woher auch? Georg lebt auf der Straße, den vierten Winter nun schon, und alles, was er besitzt, hat er in diesen paar Taschen versammelt. „Ich kann doch nicht auch noch das wegschmeißen.“ Also muss Georg, wenn er eine der Notunterkünfte verlässt, in denen er ein paar Mal pro Woche schläft, erst einmal zu seinem Versteck. Wo das ist, will er nicht verraten, aber er sagt, dass es selbst mit der BVG mindestens eine Dreiviertelstunde dauert. Nur hat Georg auch keine Monatsfahrkarte, vier Mal haben sie ihn allein in diesem Winter schon beim Schwarzfahren erwischt. Er will unter keinen Umständen ins Gefängnis, also läuft er, drei Stunden, bis er die Sachen verstauen kann.

Das mit dem Gefängnis ist so eine Sache. Denn wenn man verstehen will, wie es ist, obdachlos zu sein, sagt Georg, dann muss man sich den Knast vorstellen, nur ohne Decke über dem Kopf. „Ich fühle mich eingesperrt, da kann ich noch so viel draußen sein.“ Mit Freiheit, sagt der 45-Jährige, habe das hier doch alles nichts zu tun. Was ist Freiheit ohne Geld? Georg, kurzes blondes Haar, blaue Augen, die aussehen, als wollten sie jeden Moment aus den Höhlen springen, fühlt sich wie ferngesteuert. Gerade jetzt im Winter, wo er nicht mal kurz auf einer Wiese liegen kann, sondern der eisige Wind ihn schnell vorantreibt, ist sein Tag durchgeplant wie der eines Spitzensportlers. Drei Stunden Marsch, in der Nähe des Verstecks zum Mittagessen in eine Wärmestube, dann zum Bahnhof, eine Stunde lassen sie ihn da immer in Ruhe, dann muss er weiter, in die Mission zum Beispiel, Tee trinken, dann ins Kaufhaus, aufwärmen, abends in die Notunterkunft. „Jeden verfluchten Tag der gleiche Scheiß, ich halte das nicht mehr aus.“ Georg muss jetzt los, sonst lassen sie ihn nicht mehr in die Wärmestube, sagt er. Denn die meisten haben strenge Einlasszeiten, strenge Regeln. Immerhin, könnte man sagen, kennt Georg die einschlägigen Anlaufstellen. Er weiß, wann welche Stube und welche Suppenküche geöffnet hat, viele andere sind mit dieser Organisation stark überfordert. Besonders dann, wenn sie gerade erst obdachlos geworden sind.

Eine Liste, zusammengestellt von der Berliner Kältehilfe, führt für das Tagesangebot in Berlin zwölf Suppenküchen sowie 41 Tagesstätten auf. Manche sind jeden Tag geöffnet, andere nur einmal in der Woche, alle zu verschiedenen Zeiten, über das ganze Stadtgebiet verteilt. 53 Angebote für 7000 Obdachlose, manche davon nur zwei Stunden geöffnet, das ist schlicht zu wenig. Aber die Bezirke haben auch kein Geld, dieses Angebot aufzustocken. Nach einer Budgetkürzung musste etwa der „Warmer Otto“ die Öffnungszeiten einschränken, an Sonnabenden, Sonn- und Feiertagen hat er nun nicht mehr geöffnet. Nur an Weihnachten und Neujahr wird eine Ausnahme gemacht.

Tagsüber gibt es wenige Angebote zum Unterschlüpfen

„Obdachlose haben tagsüber massive Probleme“, sagt Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission am Zoo. „Die wenigsten haben eine Struktur, wissen nicht, wohin. Und wir können leider auch nicht alle auffangen.“ Für die einen, wie Georg, ist es unerträglich, jeden Tag der gleichen Struktur zu folgen. Andere leiden darunter, keine zu haben. Es ist, so oder so, eine Mühle, aus der es kaum Auswege gibt.

Gegen Ende des Monats, sagt Puhl, wenn auch noch die Hartz-IV-Empfänger hinzukommen, die zwar eine Wohnung, aber keine Mittel mehr haben, stünden schon morgens um sieben oft bis zu 90 Menschen vor der Tür der Bahnhofsmission. Für ein bisschen was zu essen. Und Wärme. Dass am Zoo den ganzen Tag Hochbetrieb herrscht, liegt auch daran, dass viele Wärmestuben hohe Eintrittsschwellen haben. Wer betrunken ist, kommt an vielen Orten nicht rein. Allerdings sind 70 Prozent aller Obdachlosen auf irgendeine Weise suchtmittelerkrankt. Die Rechnung fällt nicht schwer.

Ein weiteres Problem für die Obdachlosen ist, dass es nur wenige Orte gibt, an denen sie kostenlos Wäsche waschen und sich duschen können. Oft nehmen die Wärmestuben, sofern sie den Service überhaupt anbieten, je 60 Cent für diese Leistungen, was nicht viel ist, für Obdachlose aber oft zu viel. So komme es, sagt Puhl, dass sich zahlreiche Bedürftige alle paar Tage neue Hosen und Pullover aus der Kleiderkammer holen müssen. Die sind zwar gut ausgerüstet, aber es kann ja nicht Sinn der Sache sein, dass so viel gespendete Kleidung weggeschmissen werden muss, weil sie nicht gewaschen werden kann. Georg sagt, das mit den 60 Cent sei schon in Ordnung, es könne ja nicht alles umsonst sein. Er wünscht sich nur, irgendwann mal wieder in seiner eigenen Wohnung waschen zu können.