Kalles Urne steht in dem kleinen Loch auf dem anonymen Grabfeld des Friedhofs an der Seestrasse im Wedding. Sein Kumpel kniet sich daneben. Mit traurigen Augen steckt er rund um das Erdloch mehrere Wunderkerzen und zündet sie an. Dann öffnet er eine Flasche Wodka und kippt sie auf die Urne. Der Hund auf dem Arm des Obdachlosen bellt. Der kleine Terrier hatte zu Lebzeiten eigentlich Kalle gehört. Nun wird sein Freund – der ebenfalls obdachlos ist – auf den Terrier aufpassen. Dass es zu Kalles Beerdigung eine zeremonielle Trauerfeier gibt, ist Manfred Herbrechtsmeier zu verdanken. Der evangelische Pfarrer steht nach seiner Ansprache etwas fassungslos neben Kalles Freund und betrachtet den ungewöhnlichen Abschied.

„Aber das ist die Welt, in der Kalle lebte“, sagt der Pastor, als er später in seinem Büro im Foyer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sitzt. Den Talar mit dem weißen Beffchen hat er abgelegt. Pastor Herbrechtsmeier hat ihn nur zur Andacht, zum Gottesdienst und bei Beerdigungen an. Hier, in seinem kleinen Büro neben der Gedächtniskirche ist er Seelsorger der Stadtmission. Dabei trägt er lieber Zivil, denn „der Talar fühlt sich im Vier-Augen-Gespräch fremd an“. Der 61-jährige Geistliche möchte keinen Mensch von oben herab behandeln und größtmöglichstes Verständnis für die Menschen aufbringen, deren Schicksal es ist, auf der Straße zu leben. In den vergangenen sechs Jahren arbeitete er als Pfarrer der Berliner Obdachlosen. Um die Armen sorgt sich Manfred Herbrechtsmeier allerdings schon, seit er vor 32Jahren nach seinem Theologiestudium in Berlin ordiniert wurde. Kurz nach dem Berufseinstieg bekam Manfred Herbrechtsmeier einen Anruf aus einer sozialen Wohneinrichtung der Diakonie.

Ein würdevolles Ende

Ob der Pfarrer bei der Trauerfeier für Oskar einige Worte sprechen würde, fragte damals der Sozialarbeiter am anderen Ende der Leitung. Manfred Herbrechtsmeier sagte sofort zu. Es sei etwas merkwürdig gewesen, weil die Leiche des obdachlosen Oskar bereits zu seinen Verwandten nach Bielefeld überführt worden war, berichtet er rückblickend. „Mit denen hatte Oskar allerdings schon lange keinen Kontakt mehr, seine Berliner Freunde waren seine Familie.“ Und die hätten sich die Trauerfeier gewünscht. Ob Oskar katholisch, evangelisch oder konfessionslos war, kümmerte Manfred Herbrechtsmeier damals nicht. „Ich finde, dass Menschen, die in unwürdigen Verhältnissen leben mussten, wenigstens ein würdevolles Ende verdient haben.“

Dass Manfred Herbrechtsmeier auch mal ganz unbürokratisch einspringt, sprach sich schnell herum. Mittlerweile führt der Pastor etwa acht Bestattungen Obdachloser jedes Jahr durch. Nicht nur für die Toten. „Den Verstorbenen erreichen meine Worte nicht mehr, ich kann nur zu den Angehörigen sprechen.“ Er wolle den Angehörigen zwar Trost spenden. Doch es ginge ihm auch darum, den Freunde des Verstorbenen, die häufig auch wohnungslos, suchtkrank und auf Hilfe angewiesen seien, die Bedeutung des Lebens zu verdeutlichen.

Wenig Platz für Gefühle

„Alles hat seine Zeit.“ Mit diesem Zitat aus der Bibel, Prediger III, beginnt Manfred Herbrechtsmeier meist seine Ansprache. Und führt aus, dass sich jeder Mensch genau überlegen müsse, wie er mit seiner Zeit auf Erden gestalten wolle – und ob es in einer solchen Beerdigung enden soll.

Die Beerdigungen Obdachloser wären ohne einen Pfarrer wie Manfred Herbrechtsmeier eine lieblose Angelegenheit. Stirbt ein Wohnungsloser, suchen die Sozialämter der Bezirke zunächst Angehörige. Manchmal finden sie keine. „Oder die Familie möchte nichts mehr mit ihrem abgestürzten Vater oder Sohn zu tun haben“, sagt Herbrechtsmeier. Dann sucht das Bezirksamt ein Bestattungsunternehmen, das den Leichnam möglichst preisgünstig verbrennt. Anschließend wird der Tote in einer Urne anonym begraben – ohne Trauerfeier. „Da ist kein Platz für Gefühle, das ist nur Geschäft“, meint Manfred Herbrechtsmeier. Einmal, so erzählt er, habe er einen Obdachlosen ohne Aussegnungsworte bestatten sollen. „Wir kamen zur Friedhofskapelle, aber die war verschlossen.“ Der Urnenträger erklärte, dass das Sozialamt die Nutzung der Feierhalle nicht bezahlt habe.

Noch heute, in seinem Büro in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche kann sich Manfred Herbrechtsmeier über diesen Vorfall empören. „So gehe ich hier nicht weg“, habe er damals gesagt und darauf bestanden, in die Kapelle zu dürfen. Er setzte sich durch.

Seither nimmt sich der Pfarrer noch mehr Zeit als zuvor, um die Ansprachen vorzubereiten. Der Seelsorger trifft sich vorab mit dem Sozialarbeiter des Verstorbenen, liest dessen Unterlagen und spricht mit dessen Freunden. Die redeten zwar gerne mit ihm, aber nicht alle kämen zur Beerdigung. „Viele Obdachlose verdrängen das Thema Tod lieber. Eine Beerdigung scheuen sie deshalb.“ Kalles Kumpel jedoch sei tapfer gekommen, die ungewöhnliche Flasche Wodka für ihn vielleicht ein großes Opfer und ein Liebesbeweis für Kalle gewesen.

Berliner Morgenpost bittet um Spenden für Obdachlose

Die Berliner Morgenpost, der Verein Berliner helfen und 104.6 RTL bitten um Spenden für Obdachlose. Gebraucht werden vor allem Kaffee und Eintopf - am besten in Drei-Liter-Dosen - zur Verpflegung der Menschen in der Notübernachtung. Auch kleine Weihnachtstüten mit Süßigkeiten (ohne Alkohol) sind sehr willkommen. "Warme Winterkleidung ist in unserem Lager noch ausreichend vorhanden", sagt Ortrud Wohlwend von der Stadtmission. "Bedarf besteht nur an warmer Männerunterwäsche und Handschuhen." Die Sachen können von Montag bis Freitag, 8.30 bis 19.30 Uhr bei 104.6 RTL, Kurfürstendamm 207-208 (Kudamm-Karrée), 11. Etage und von 8 bis 16 Uhr in der Berliner Stadtmission, Lehrter Str. 68 in Mitte, abgegeben werden.

Berliner helfen e. V. Spendenkonto 55, Stichwort: Kältehilfe, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 100 205 00