Kaufkraft

Berliner haben 2010 weniger Geld

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Die Berliner haben im kommenden Jahr 96 Euro weniger für Konsum und Lebensunterhalt zur Verfügung. Dies ergibt eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). In Brandenburg sieht es besser aus: Hier steigt die Kaufkraft um 126 Euro. Für die Marktforscher kommt dieses Ergebnis nicht überraschend.

Die Krise kommt im kommenden Jahr in den Portemonnaies der Deutschen an. Das verfügbare Einkommen wird 2010 um 42 Euro pro Einwohner oder insgesamt 7,5 Milliarden Euro niedriger ausfallen als in diesem Jahr, wie die Markforscher der GfK errechnet haben. Im Schnitt wird jeder Einwohner demnach 18.904 Euro für Lebensunterhalt und Konsum ausgeben können, wie es in der Studie heißt, die der Morgenpost vorliegt. Überraschend dabei: Die Kaufkraft im Westen sinkt, die im Osten steigt. Ausnahmen im Westen sind Hamburg und das Saarland, einzige Ausnahme im Osten: Berlin.

„Gegen den Krisentrend verzeichnet der Osten fast in Gänze eine positive Kaufkraftentwicklung“, sagt Simone Baecker-Neuchl von der GfK. Die Verlierer finden sich größtenteils in wohlhabenden Bundesländern wie Baden-Württemberg und vor allem Bayern. Und in Berlin.

Anders als die fünf Flächenländer im Osten verliert die Hauptstadt an Kaufkraft. Demnach haben die Brandenburger Konsumenten mehr Geld zum Ausgeben. Die Kaufkraft pro Einwohner steigt um 126 Euro auf 16.771 Euro. In diesem Jahr liegt Brandenburg auf Rang 12 hinter Berlin, aber vor Sachsen und den anderen neuen Bundesländern.

Für 2009 standen dem durchschnittlichen Berliner der GfK zufolge 16.977 Euro zur Verfügung. Die Prognose für 2010 liegt noch 96 Euro darunter. Hochgerechnet auf knapp 3,5 Millionen Einwohner fehlen der Hauptstadt im nächsten Jahr nahezu 350 Millionen Euro Kaufkraft.

GfK-Expertin Baecker-Neuchl findet tröstende Worte für die Hauptstadt: „In Krisenzeiten schneiden große Städte im Vergleich zum Speckgürtel drum herum immer schlechter ab, die Dynamik ist dort einfach größer. Das liegt nicht an Berlin an sich.“ Allerdings wird in anderen deutschen Großstädten die Pro-Kopf-Kaufkraft 2010 steigen – wie in Frankfurt/Main und in Hamburg – oder zumindest das Niveau halten – wie in Dortmund und Köln.


Wohlhabende Berliner wandern ins Umland ab

„Dass sich in Berlin eine Abwanderung von Kaufkraft in das Umland bemerkbar macht, ist eine klassische Begleiterscheinung für Metropolen“, sagt Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke). Zudem sei Berlin Anziehungspunkt für junge Kreative, die noch nicht über ein so hohes Einkommen verfügten.

„Grundsätzlich zeigen die Zahlen aber, dass wir bei der Binnennachfrage gegensteuern müssen“, mahnt Wolf. Als Folge der Weltwirtschaftskrise könne sich Deutschland nicht mehr auf den Export als alleinigen Konjunkturtreiber verlassen. Um durch eine stärkere Binnennachfrage die Lücken zu schließen, sei die ein flächendeckend ein gesetzlicher Mindestlohn „ein erster wichtiger Schritt“, sagt Wolf. „Niedrigeinkommensbezieher haben eine viel höhere Konsumquote als Besserverdienende, der Wachstumseffekt wäre also sicher.“

Der Osten legte in den Kaufkraftuntersuchungen der GfK schon vor der Krise mehrere Jahre lang überproportional zu. „Das geht in Richtung Angleichung, wenn wir davon auch noch ein weites Stück entfernt sind“, sagt GfK-Expertin Baecker-Neuchl. Dahinter stecken sehr reale Verschiebungen in der Wirtschaft. „Im fünften Jahr in Folge“, sagt Ulrich Blum, Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), „liegen die Renditen in der ostdeutschen Industrie über denen westdeutscher Unternehmen.“ Und zwar deutlich.

Die Durchschnittsrentabilität des verarbeitenden Gewerbes im Osten hat zuletzt laut IWH gemessen am Vorsteuergewinn in Relation zum Bruttoproduktionswert bei 5,1 Prozent gelegen und damit weit über dem Westdurchschnitt von 3,7 Prozent.

Dass Ost und West in Sachen Kaufkraft in absehbarer Zeit auf demselben Niveau sein könnten, halten die Experten dennoch für unwahrscheinlich. „Das Hauptproblem des Ostens ist Berlin, das in seiner Rolle als wirtschaftliche Metropole und Tor zu Osteuropa versagt“, sagt IWH-Chef Blum. Darunter litten auch die umliegenden Bundesländer.

Unter den 25 Kreisen mit der geringsten Kaufkraft sind nach wie vor nur ostdeutsche Kreise. Einzige Ausnahme bildet Bremerhaven auf Rang 401 mit einer Kaufkraft von 15.053 Euro pro Person. Die drei Kreise mit der höchsten Kaufkraft in Deutschland sind wie 2009 der Hochtaunuskreis mit 27.426 Euro, der Landkreis Starnberg mit 27.095 Euro und der Landkreis München mit 26.057 Euro.

( BM )