Nach Ethikrat-Empfehlung

Berliner wollen Babyklappen beibehalten

Der Deutsche Ethikrat fordert die Abschaffung der Babyklappen und der Angebote zur anonymen Geburt. In Berlin gibt es mindestens vier Babyklappen. Gesundheitssenatorin will sie als "letzte Hilfestellen" erhalten. Und auch von Kirchenvertretern bekommen die betroffenen Krankenhäuser Schützehilfe.

Amelie hat bereits Wehen, als sie im Krankenhaus Waldfriede ankommt. Die 20-Jährige ist aufgeregt und zittert am ganzen Körper. All die Monate lang hat sie ihre Schwangerschaft verdrängt. Aus Angst vor ihrem Freund, der auf keinen Fall ein Kind will, aus Scham vor ihren Eltern und aus Furcht davor, ihre Ausbildung nicht beenden zu können.

Über das Internet hat Amelie herausgefunden, dass man im Krankenhaus Waldfriede anonym entbinden kann. Eine Möglichkeit, die ihr nun als letzter Ausweg erscheint. Liebevoll wird sie von den Schwestern der Entbindungsstation aufgenommen, in aller Ruhe bringt sie hier ihr Kind zur Welt. Wie es weitergehen soll, kann sie später entscheiden.

Einen Ausweg, wie Amelie ihn fand, könnte es für Frauen in Deutschland schon bald nicht mehr geben. Der Deutsche Ethikrat hat für die Abschaffung der Babyklappen und der Angebote zur anonymen Geburt plädiert. Das im vergangenen Jahr gegründete Gremium soll die Bundesregierung in wichtigen ethischen Fragen beraten. Betroffen wären bundesweit mehr als 80 Babyklappen und rund 130 Krankenhäuser, in denen anonym entbunden werden kann. Die bestehenden Angebote seien ethisch und rechtlich sehr problematisch, insbesondere weil sie das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft und auf Beziehung zu seinen Eltern verletzen, heißt es in der Erklärung, die von 20 Wissenschaftlern des Ethikrates vertreten wird. In den vergangenen zehn Jahren seien 300 bis 500 Kinder durch diese Angebote zu „Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft“ geworden, so die Wissenschaftler.

Sechs Mitglieder dagegen

Sechs Mitglieder schlossen sich der Empfehlung des Gremiums allerdings nicht an, darunter die Vertreter der katholischen Kirche, der Augsburger Weihbischof Anton Losinger und der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff.

Medizinethikerin Christiane Woopen, stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates, bezeichnete Babyklappe und anonyme Geburt als rechtswidrig. „Die bisherigen Erfahrungen legen zudem nahe, dass Frauen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie ihr Neugeborenes töten oder aussetzen, von diesen Angeboten nicht erreicht werden“, sagte sie. Die Zahl tot aufgefundener Neugeborener in der Bundesrepublik ist nach Angaben des Kinderhilfswerks „terre des hommes“ seit Einführung der Angebote anonymer Geburt und Babyklappe im Jahr 1999 konstant geblieben und 2008 sogar gestiegen. Woopen plädierte indes dafür, intensiver über die vielen bereits bestehenden staatlichen Hilfsangebote zu informieren. Die öffentlichen Stellen der Kinder- und Jugendhilfe und die freien Träger sowie die Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen hielten auf gesetzlicher Grundlage umfangreiche Hilfestellungen für Frauen selbst in extremen Notlagen bereit.

Als Kompromiss haben die Mitglieder des Ethikrates einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der Frauen eine vertrauliche Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung ermöglichen soll. „In diesem Fall müssen die Frauen sich zwar bei einer staatliche Beratungsstelle melden, ihre Daten werden aber mindestens ein Jahr lang nicht weitergegeben“, sagte Woopen.

Berliner Politiker pro Babyklappe

In Berlin – hier gibt es vier Babyklappen und mindestens vier Krankenhäuser, in denen eine anonyme Geburt möglich ist – wird die Problematik indes ganz anders diskutiert. So hat der Frauenausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg kürzlich einen Vorstoß in Richtung Legalisierung unternommen und die rechtliche Situation von Babyklappe und anonymer Geburt als Tagesordnungspunkt im Rat der Bürgermeister eingebracht. Dort wurde entschieden, die Initiative an die entsprechenden Fachausschüsse weiter zu leiten. „Dies sei ein gutes Zeichen“, sagt Petra Koch-Knöbel, Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Sie hat das Projekt mit auf den Weg gebracht. Der nächste Schritt sei die Ausarbeitung einer Bundesratsinitiative, so die Frauenbeauftragte.

Auch die Berliner Grünen engagieren sich seit Langem pro Babyklappe. Deren Landesvorsitzende, Irmgard Franke-Dressler, bedauerte deshalb die Empfehlung des Ethikrats. An der Position der Grünen ändere dies aber nichts, sagte sie. „Unser Standpunkt ist unverrückbar“, so Franke-Dressler. Die Grünen hatten im Sommer dieses Jahres eine Fachtagung zum Thema veranstaltet, um Bewegung in die Diskussion zu bringen.

Berlins Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Linkspartei) sieht die Babyklappe ebenfalls „als letzte Hilfestelle, um Kinder vor Tötung und Aussetzung zu schützen“. Sie zu verbieten, löse nicht das eigentliche Problem, dass es Mütter gebe, die außerstande seien, für ihr Kind zu sorgen, sagte Lompscher.

Im Krankenhaus Waldfriede ist man froh über derartige Schützenhilfe. „Wir werden unsere Babyklappe auf keinen Fall abschaffen“, sagte gestern Pastorin Gabriele Stangl, die im Jahr 2000 die erste der vier Berliner Babyklappen eingerichtet hat. Auch die Möglichkeit der anonymen Geburt werde es weiter geben. Gegenwärtig melde sich jede Woche mindestens eine junge Frau, die anonym entbinden wolle, so Stangl. „Die Lebensperspektiven vieler Menschen werden immer schwieriger“, sagte sie. „Viele verlieren ihre Arbeit, das normale Leben wird immer teurer. Das macht die Angst davor, ein Kind versorgen zu müssen, nur noch größer.“ Probleme mit den Eltern oder dem Partner, Gewalt in der Familie seien weitere Auslöser dafür, dass Frauen sich entscheiden, ihr Kind nicht zu behalten.

Im Krankenhaus Waldfriede haben laut Pastorin Stangl bisher fast alle der bislang rund 110 Frauen, die zunächst anonym entbinden wollten, ihre Anonymität aufgegeben, nachdem sie liebevoll betreut und ausführlich beraten worden sind. Auch Amelie hat sich nach der Geburt ihres Sohnes dafür entschieden, nicht anonym zu bleiben. Gemeinsam mit Gabriele Stangl und dem zuständigen Jugendamt hat sie dann sogar eine Adoptivfamilie für ihr Kind ausgesucht.

Für Gabriele Stangl sind Babyklappen und Krankenhäuser, die die anonyme Geburt anbieten, ein sicherer, geborgener Ort, an dem Frauen in Not, die sich niemandem anvertrauen können, ihr Kind abgeben können. „Das Recht eines Kindes zu leben, steht für mich über dem, seine Herkunft zu kennen“, betonte die Pastorin. Wurzeln könne ein Kind ebenso gut in einer Adoptivfamilie bilden. „Das muss nicht zwingend die Herkunftsfamilie sein.“

Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann sprachen sich gestern für eine Beibehaltung der Babyklappen aus. Der Rat gehe von fragwürdigen und ungesicherten Annahmen aus, sagte die Bischöfin.

Berlins neuer Landesbischof, Markus Dröge, äußerte sich ebenfalls. „Ich halte es nicht für sinnvoll, eine eingeführte Institution, in der mehr als 500 Kinder abgegeben wurden, nach zehn Jahren abzuschaffen“, sagte er. Die Zahl zeige, dass die Babyklappe Leben rette. Für Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität, sollte die Babyklappe das „letzte Auffanginstrument, die allerletzte Hilfestellung“ sein. Ethisch sei es jedoch nicht zu vertreten, Werbung dafür zu machen. Aber es sei immer noch besser, dass Kind in letzter Verzweiflung in eine Babyklappe zu legen, als, wie schon passiert, unter einen Autoreifen. Seit Jahren gibt es politisch und gesellschaftlich eine Auseinandersetzung über den Sinn von Babyklappen. Kritiker und Verfechter der anonymen Kindabgabe verweisen jeweils auf konkurrierende Grundrechte: das Recht auf Leben und das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung.