Hilfe für Mütter

Ethikrat will Babyklappen abschaffen

Der Deutsche Ethikrat plädiert dafür, Babyklappen wieder zu schließen. Sie seien ethisch und rechtlich problematisch. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischöfin Margot Käßmann, will an den Wärmebettchen für den Notfall festhalten. In Berlin gibt es vier Babyklappen. Dennoch wurde erst Anfang November ein Baby ausgesetzt.

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Der Deutsche Ethikrat hat sich mit deutlicher Mehrheit für ein Ende von Babyklappen und anonymen Geburten ausgesprochen. Beide seien ethisch und rechtlich sehr problematisch, heißt es in einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Stellungnahme des Rates. Bisherige Erfahrungen zeigten, dass diese Angebote Frauen in Not kaum erreichten.

In einem Sondervotum sprechen sich sechs der 26 Mitglieder für eine Fortsetzung der Angebote aus. Dazu zählen der Augsburger katholische Weihbischof Anton Losinger, der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff und der evangelische Mediziner Eckhard Nagel, der auch Präsident des Ökumenischen Kirchentages 2010 ist. Die Angebote seien trotz ethischer und rechtlicher Bedenken weiter vertretbar, argumentieren sie.

Die seit rund zehn Jahren in Deutschland praktizierte anonyme Kindabgabe soll verhindern, dass Frauen Neugeborene töten oder aussetzen. Die Zahl tot aufgefundener Neugeborener in Deutschland ist nach Angaben des Kinderhilfswerks „terre des hommes“ und weiterer Experten seit Einführung dieser Angebote im Jahr 1999 konstant geblieben und 2008 sogar gestiegen.

Der Ethikrat empfiehlt stattdessen dem Gesetzgeber, eine „vertrauliche Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung“ zu ermöglichen. Zudem verlangt er eine umfassende öffentliche Information über bestehende Hilfsmöglichkeiten für solche Fälle.

Seit Jahren gibt es politisch und gesellschaftlich eine Auseinandersetzung über den Sinn von Babyklappen. Kritiker und Verfechter der anonymen Kindabgabe verweisen jeweils auf konkurrierende Grundrechte: einerseits auf das Recht auf Leben, andererseits auf das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung. Die knapp 70-seitige Stellungnahme ist das erste längere Votum des Expertenkreises, der Mitte 2008 seine Sacharbeit aufgenommen hatte.

Das Gremium empfiehlt deshalb eine Regelung, nach der Frauen in Notlagen verlangen können, dass die Daten zur Geburt für die Dauer eines Jahres nur einer betreuenden Beratungsstelle und nicht dem Standesamt mitgeteilt werden. Die Geheimhaltung ende dann, wenn die Mutter diese aufgebe oder das Kind zurücknehme. Die Beratungsstelle melde das Kind aber vorübergehend beim Standesamt als anonym an. Eine Adoption wäre nach diesem Konzept erst möglich, wenn die Geheimhaltungspflicht endet oder das Gericht Kenntnis über die Daten der Eltern erhalten hat.

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Margot Käßmann, will in jedem Fall an einem Babykörbchen für Neugeborene festhalten. Käßmann sagte vor der Landessynode in Hannover, sie plädiere außerdem weiterhin für die Möglichkeit der anonymen Geburt. Unerlässlich sei jedoch, dass sowohl Babykörbchen als auch anonyme Geburt in ein Netzwerk von weiteren Hilfen für Mütter in Not eingebunden seien.

Käßmann hat 2001 gemeinsam mit dem Diakonischen Werk der hannoverschen Landeskirche das Projekt „Mirjam – ein Netzwerk für das Leben“ für Mütter in Not gegründet. Es unterhält neben einem Babykörbchen auch ein Notruf-Telefon für schwangere Frauen und verschiedene Beratungsstellen. Bisher seien bereits mehr als 10.500 Anrufe eingegangen. „Es geht uns nicht nur um eine einzelne, isolierte Aktivität, sondern darum, Frauen und Mädchen aus ihrer Not zu helfen“, unterstrich die Bischöfin vor dem Kirchenparlament.

Babyklappen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in die Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und zur Adoption freigeben können. Bundesweit gibt es nach Angaben des Ethikrats rund 80 Babyklappen; zudem böten etwa 130 Kliniken anonyme Geburten an. Allein in Berlin bestehen an vier Kliniken Babyklappen. Erst Anfang November hatte eine Frau ihr Baby vor einem Haus in Berlin-Lichterfelde abgelegt. Die Bewohner fanden das Kind, nachdem die Frau geklingelt hatte. Das Kind befand sich in gutem Zustand. Die Frau hatte das Kind ursprünglich in der Babyklappe des Krankenhauses Waldfriede in der Argentinischen Allee in Zehlendorf ablegen wollen, dann aber den Weg nicht gefunden.

Nach Erfahrungen der Berliner Initiatoren steigt die Zahl von Frauen, die keinen anderen Ausweg wissen. Gabriele Stangl, Pastorin am Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede und Initiatorin der Babyklappe, schätzt, dass inzwischen dreimal so viele Frauen wie vor einigen Jahren die Möglichkeit nutzen, ihr Kind anonym zu gebären und es in eine Babyklappe zu legen: "Noch vor Jahren hat etwa jeden Monat eine Frau Hilfe bei uns gesucht und die Babyklappe oder die Möglichkeit der anonymen Geburt genutzt.“ Sie vermutet, dass Not und Verzweiflung durch wachsende Arbeitslosigkeit größer werden.

Der Deutsche Ethikrat ist ein unabhängiges Sachverständigengremium, das auf der Grundlage eines im August 2007 in Kraft getretenen Gesetzes eingerichtet wurde. Zu seinen Aufgaben gehört unter anderem die Erarbeitung von Stellungnahmen und Empfehlungen für Bundestag und Bundesrat. Der Ethikrat besteht aus 26 Mitgliedern, die naturwissenschaftliche, medizinische, theologische, philosophische, ethische, soziale, ökonomische und rechtliche Wissenschaftsgebiete repräsentieren. Vorsitzender ist der frühere Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP).

www.ethikrat.org