Briefkastenbombe

Wie ein Tag Charlyns Leben veränderte

Vor genau zwei Jahren zerfetzte in Rudow eine Briefbombe den rechten Arm eines zwölfjährigen Mädchens. Der Arm konnte gerettet werden, der Täter wurde verurteilt. Das Opfer will heute nur eines: vergessen.

Foto: Reto Klar

Wie immer geht sie nach der Schule zuerst die Post holen. Aus dem Briefkasten ragt ein großer Umschlag, sie zieht ihn heraus. Plötzlich ein furchtbarer Knall. Die Explosion schleudert das Mädchen wie eine Spielzeugpuppe durch das Treppenhaus. Dann Stille. Nachbarn kommen herbeigelaufen, wollen sehen, was passiert ist. Die Druckwelle hat das Glas der Eingangstür splittern lassen, die Briefkästen des Mietshauses am Selgenauer Weg in Rudow sind zerfetzt. Es ist Freitag, der 26. November 2008, 16.20 Uhr. Charlyn liegt auf dem hellen Steinboden, das Blut der Zwölfjährigen färbt ihn Rot.

Eine Nachbarin ruft die Feuerwehr, der Krankenwagen ist binnen Minuten da. Zur selben Zeit steuert Ingo Kexel seinen Wagen stadtauswärts. Er hat eine Zehn-Stunden-Schicht im Büro der 2. Mordkommission an der Keithstraße in Tiergarten hinter sich. Kexel ist der Chef, verantwortlich für zehn Mitarbeiter. Für seinen Heimweg braucht er eine Stunde. „Hoffentlich bleibt es heute ruhig“, denkt sich der Beamte. Er freut sich auf seinen 13-jährigen Sohn und seine Frau. Eigentlich wollte er noch joggen gehen, aber wegen der Arbeit kam die Familie in letzter Zeit ohnehin zu kurz. Vielleicht also eine Runde Monopoly, gemeinsames Abendessen, dazu ein gutes Glas Wein. Aber nur ein kleines. Die 2. Mordkommission hat Bereitschaft.

Dr. Andreas Eisenschenk, Chefarzt der Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie im Unfallkrankenhaus Berlin und ein über Deutschlands Grenzen hinaus bekannter Experte für Handverletzungen, hat einen freien Tag. Er sitzt zu Hause in Zehlendorf und freut sich auf einen gemütlichen Abend mit seiner Frau. Draußen ist es schon stockdunkel, als sein Mobiltelefon klingelt. Die Klinik ist dran, ein Notfall, „Explosionsopfer mit weitgehend abgetrenntem Arm“, heißt es. Andreas Eisenschenk fährt sofort los.

Ingo Kexel erreicht seine Auffahrt. Er parkt, öffnet die Haustür, hängt die Jacke an den Haken, ruft: „Schatz, ich bin zu Hause.“ Sein Handy klingelt. Die Leitstelle des Landeskriminalamtes ist am anderen Ende. „Ein kleines Mädchen ist durch eine Bombe schwer verletzt worden.“ Ein Arm sei beinahe abgerissen, und es sei möglich, dass sie nicht überlebt. Ingo Kexel nimmt seine Jacke vom Haken. „Ich muss wieder weg“, ruft er ins Haus. Das Mädchen ist so alt wie sein Sohn. „Verdammt“, denkt sich der Kriminalhauptkommissar. Eigentlich verbietet er sich Wut. Wut macht befangen, Wut verhindert Professionalität. Er steigt ins Auto und fährt zurück nach Berlin. Er schaut auf seine Uhr. Es ist 18.30 Uhr.

Sechseinhalb Stunden Operation

Im Operationssaal des Marzahner Unfallkrankenhauses ist Charlyn nicht mehr bei Bewusstsein. Der Anästhesist überwacht die Narkose, Monitore flimmern, das Besteck liegt bereit. Andreas Eisenschenk betritt den OP. Die Patientin blutet im Gesicht und am Oberkörper, ihr rechter Arm besteht nur noch aus Fetzen. Der Knochen im Oberarm ist zerschmettert, Haut und Weichteile sind zerstört. An ihrem Unterarm sind 50 Prozent der Haut nicht mehr da, ein langes Stück der Hauptarterie fehlt.

Das Wichtigste ist jetzt, die Wunden zu säubern, Splitter zu entfernen und dann den Knochen zu stabilisieren und die Gefäße wieder herzustellen. Der Arm muss durchblutet werden, wenn er erhalten bleiben soll. Andreas Eisenschenk hat schon viele zerstörte Gliedmaßen gesehen, manchmal kann er sie wieder annähen, manchmal muss er amputieren. Er wirft einen Blick auf das zarte, dunkelblonde Mädchen, das vor ihm auf dem OP-Tisch liegt. Zwölf Jahre ist es alt. Zu jung, um mit nur einem Arm weiterleben zu müssen.

Am Selgenauer Weg in Rudow herrscht Chaos. Beamte verschiedener Dienstsstellen des Landeskriminalamtes eilen umher, Bereitschaftspolizisten sperren noch immer den Einsatzort ab, Sprengstoffhunde suchen nach weiteren Bomben. Journalisten treffen nach und nach ein, die dunkle Szenerie wird immer wieder von Blitzlichtern erhellt. Ingo Kexel geht zum Einsatzleiter. „Das Ding nehmen wir. Das ist versuchter Mord, damit sind wir zuständig.“ Eigentlich könnte der Staatsschutz zuständig werden in diesem Fall, er ist bei Bombenanschlägen federführend. Kexels Leute sind aber bereits mittendrin, sie suchen nach Splittern, kartografieren dafür die Innenwände des Wohnhauses von Charlyns Familie, kümmern sich um erste Zeugen, gehen Gerüchten nach. Kexel telefoniert abwechselnd auf seinen zwei Handys. Er trifft viele Entscheidungen, vielleicht 20 pro Minute, vielleicht sogar mehr. Vieles ist unklar, eines aber steht fest: Der Täter ist sehr gefährlich – und er ist noch auf freiem Fuß. Hat er weitere Bomben versteckt? Wer ist noch in Gefahr? Fragen, die Kexel durch den Kopf gehen. Dann endlich kommt die offizielle Ansage: Die 2. Mordkommission führt die Ermittlungen. Es ist 21 Uhr.

Das Krankenhaus ist abgeriegelt, auf der Intensivstation schieben Polizisten rund um die Uhr Wache. Solange der Täter nicht gefasst ist, weiß niemand, ob Charlyn, ihre Eltern und zwei Geschwister weiterhin gefährdet sind. Gegen 23 Uhr fährt Ingo Kexel zurück ins Büro, Ordnung ins Chaos bringen. Die leere Stullenbox vom Tag steht noch auf seinem Schreibtisch, seither hat er nichts gegessen. Kexel macht sich Kaffee, schwarz, stark. Er denkt an Zigaretten, wie oft in jüngster Zeit. Lange war er davon los. Heute kann er nicht mehr. Er steckt sich eine an. Sie schmeckt.

Im OP des Unfallkrankenhauses in Marzahn herrscht höchste Konzentration. Eine neue Arterie wird aus einem Stück Vene aus Charlyns Oberschenkel rekonstruiert. Die Knochenteile flickt Eisenschenk mit Metallplatten und Nägeln zusammen, stabilisiert den Arm mit einem externen Fixateur. Als Andreas Eisenschenk den OP verlässt, ist es weit nach Mitternacht. Sechseinhalb Stunden hat der Eingriff gedauert. Er informiert Charlyns Eltern, er sagt: „Der Kreislauf ist stabilisiert, die Operation ist gut verlaufen. Jetzt müssen wir abwarten.“

Zuerst sind es nur Gerüchte

Am ersten Morgen nach dem Anschlag wacht Charlyn nicht auf. Besser so, die Ärzte wollen sie noch ein paar Tage im künstlichen Koma halten, um ihrem Körper Zeit für die Heilung zu geben. Für jeden Verbandswechsel, jeden weiteren Eingriff müsste sie sonst wieder in Narkose versetzt werden. Eine große Belastung für ihren Kreislauf. Eine übliche Handlungsweise gibt es für Fälle wie diesen nicht, das sagt Andreas Eisenschenk auch Charlyns Eltern, die auf der Station warten. Er muss wieder in den OP. In einer weiteren Operation transplantiert er einen Muskel aus Charlyns Rücken auf das frei liegende Gefäß an ihrem verletzten Arm und rekonstruiert so einen neuen Bizeps. Ohne den könnte Charlyn nie wieder den Arm beugen, der Arm wäre bloß ein unbrauchbares herunterhängendes Gliedmaß. Ihre Verletzungen im Gesicht und am Oberkörper sind glücklicherweise nicht so schwer wie zunächst befürchtet.

Zuerst sind es nur Gerüchte. Charlyns Onkel Peter John könnte der Bombenleger sein. Er ist verschwunden und soll Streit mit seinem Bruder, Charlyns Vater, gehabt haben. Auf dem Autodach von Charlyns Vater hatte am Vortag ein Paket gelegen, es war ihm verdächtig vorgekommen, und er hatte es zur Polizei gebracht. Seine Vermutung ist nun, dass sein Bruder beide Paketbomben platziert hat. Trotzdem: Es gibt noch keinen ausreichenden Tatverdacht, das weiß Kriminalhauptkommissar Kexel. Aber wenn er es war, könnte Peter John weitere Menschen in Gefahr bringen, könnte töten. Kexel fasst einen Entschluss: Er schreibt den Gesuchten zur Fahndung aus. Alle Funkstreifenbesatzungen bekommen Fotos und eine Beschreibung, Angehörige des Spezialeinsatzkommandos (SEK) und die Observationsexperten des Mobilen Einsatzkommandos (MEK) rücken aus. Kexel ist sicher, auf der richtigen Spur zu sein.

In den folgenden Stunden verdichten sich die Hinweise. Es kommt heraus, dass Peter John sich offenbar von seinem Bruder betrogen fühlt und ihn mehrfach bedroht hat. In seiner Wohnung entdecken Polizeibeamte eine Bastelwerkstatt mit Utensilien, die sich dazu eignen, eine Bombe zu bauen. Ingo Kexel fährt zur Staatsanwaltschaft. Dort erhält er den „roten Zettel“, den Haftbefehl. Damit ist es jetzt offiziell: Peter John gilt als mutmaßlicher Täter. Kexel telefoniert mit seinen Leuten, die gerade bei Charlyn und deren Familie im Krankenhaus sind. Sie sagen, dass Charlyns Verletzungen einfach zu schwer waren, ihr Arm sei wohl nicht mehr zu retten. Gegen 21 Uhr macht sich Ingo Kexel auf den Heimweg. 37 Stunden am Stück hat er gearbeitet.

Sie ist stark, sie überlebt

Charlyns Verletzungen heilen wie durch ein Wunder besser als gedacht. Zwei Tage nach dem Anschlag sagt Chirurg Eisenschenk, die Chance, dass ihr Arm erhalten bleibt, liege jetzt bei 50 Prozent. Doch das Mädchen schwebt weiterhin in Lebensgefahr.

Charlyn ist stark, sie überlebt. Während der ersten Visite, bei der sie wieder wach ist, nimmt Andreas Eisenschenk die Zwölfjährige als einen „lebensfrohen, sehr positiv eingestellten Menschen“ wahr. In den nächsten Wochen wird sie sieben Mal operiert. Weil immer wieder zerstörtes Gewebe abstirbt, müssen die Ärzte Haut von Charlyns Oberschenkeln auf den verletzten Arm transplantieren. Doch der Erfolg zeigt sich rasch: Muskel und Hauptschlagader funktionieren.

Die Tage vergehen, die Polizei erhält unzählige Hinweise. Peter John wird quasi an jeder Straßenecke gesehen, das Schicksal von Charlyn und ihrer Familie bewegt die ganze Stadt. Jedem Anruf wird nachgegangen. Doch nie ist es tatsächlich der Gesuchte. Die Ermittler sind erschöpft, kaum einer hat in den vergangenen Tagen ausreichend Schlaf bekommen. Immer wieder schlägt das SEK zu, durchsucht Wohnungen, ein Bordell, nimmt jemanden fest, der so aussieht wie der Tatverdächtige, es aber nicht ist. Dann wird ein Autoanhänger von Peter John in Marzahn entdeckt. Darin sprengfähiges Material. Trotzdem: Eine echte Spur, die zu dem Gesuchten führt, gibt es immer noch nicht.

Es ist der 6. Dezember, Nikolaustag. Polizeihauptmeister Thomas H. hat Spätschicht. Zusammen mit zwei Kollegen geht er im Ostbahnhof Streife. Mittags um halb zwei hat er angefangen, bis 22 Uhr geht sein Dienst noch. Keine 20 Meter von der Bundespolizeiwache entfernt, befinden sich die Schließfächer. Ein Mann hockt dort im Dunkeln, er macht sich an einem Rucksack zu schaffen. Er hat lange Haare, die nach einer Perücke aussehen, an seinem grünen Parka klebt Laub. Als der Mann die Polizisten sieht, schaut er schnell wieder weg. Das alles wirkt verdächtig. Thomas H. fordert ihn auf, seine Papiere zu zeigen. Der Mann reicht einen Ausweis, man erkennt sofort die billige Fälschung. „Okay, und jetzt den echten, sonst geht's sofort auf die Wache“, sagt Thomas H. Er ist genervt. Der Mann reicht ihm einen weiteren Personalausweis, es ist der echte. Thomas H. erkennt das Foto, erkennt den Namen. „Sind Sie Peter John?“ Er greift zur Waffe. Der Mann ist völlig ruhig: „Jetzt habt Ihr mich.“ Peter John steht auf. Wachleiter René S. alarmiert die Kollegen.

30.000 Euro Spenden

Ingo Kexel liest gerade Berichte, als das Telefon klingelt. „Wir haben ihn.“ Kein SEK-Einsatz, keine Bomben, keine weiteren Verletzten. Eine Streife hat ihn erwischt. Zufällig. Unglaublich. „Bringt ihn her.“ Kexel bläst die Wangen auf und presst erleichtert die Luft durch seine fast geschlossenen Lippen. Er zündet sich eine Zigarette an. Es ist vorbei. Am liebsten würde er jetzt nach Hause fahren. Zu seinem Sohn, zu seiner Frau. Einen Whisky trinken, wie er es immer tut, wenn er einen Fall abgeschlossen hat. Aber er bleibt, er will den Täter sehen. Er hat ein Bild in seinem Kopf, ist neugierig, ob es der Realität entspricht. Zehn SEK-Beamte fahren den an Händen und Füßen gefesselten Peter John zur Wache in die Keithstraße. Dann wird Peter John an Ingo Kexel vorbeigeführt. Zur Vernehmung.

Peter John schweigt. Dann gerät er außer sich, brüllt, muss beruhigt werden. John will mit einem Stuhl auf die Beamten losgehen, wird erneut beruhigt. Irgendwann gesteht er. Er habe Charlyn gar nicht treffen wollen. Sie habe ihm dann sogar leid getan, als er an sie dachte, in seinem Versteck im Wald. Die Bomben seien für ihren Vater bestimmt gewesen, für den angeblichen Dieb, der ihn betrogen habe.

Im Dezember ruft die Berliner Morgenpost mit ihrem Verein „Berliner helfen“ zu Spenden für Charlyn auf. Viele Leser melden sich, bieten ihre Hilfe an. Die stellvertretende Intendantin des Staatsballetts, Christiane Theobald, gibt ihr am Krankenbett Musikunterricht, „weil Musik die Seele heilt“. Insgesamt kommen mehr als 30.000 Euro Spenden zusammen. Ein paar Monate nach dem Anschlag hat Charlyn wieder Gefühl in ihrem Arm und kann Finger und Hand bewegen. Im Februar 2009 wird sie aus dem Krankenhaus entlassen und ambulant weiter betreut. Sie geht wieder zur Schule, verbringt die Sommerferien in einer Rehaklinik in Ahrenshoop an der Ostsee. Knapp ein Jahr nach dem Anschlag reist Charlyn mit der ganzen Familie mit Hilfe der Spenden für eine Delfin-Therapie nach Curacao.

Im August steht ihr Onkel vor Gericht. Charlyn kämpft da noch immer mit der Angst, der Vater lässt seine Kinder nicht mehr an den Briefkasten. Die ganze Familie ist traumatisiert. Im Januar 2010 das Urteil: John bekommt Lebenslänglich.

Im November 2010 ist Charlyns Haar schulterlang. Äußerlich deutet nichts mehr auf die schweren Verletzungen hin, wäre da nicht der Verband, der aus ihrem Pulloverärmel hervorlugt. Ihr Händedruck ist zart, aber immerhin, sie kann zur Begrüßung die Hand geben, die rechte. Für Ärzte und Polizisten ist das ein kleines Wunder. Charlyn möchte nicht mehr an den 26. November 2008 denken. Sie wirkt sehr ernst für eine 14-Jährige, deutet „Einschränkungen“ an, die sie trotz allem jeden Tag verspürt, mit denen sie kämpft. Sie möchte keine aktuellen Fotos von sich in den Medien, sie sagt: „Ich möchte einfach so weiterleben wie vorher.“