Spendenbetrugsprozess

Alice Schwarzer ärgert sich über ihre Blauäugigkeit

Alice Schwarzer sagte im Prozess gegen den Chef des Vereins Hatun & Can aus - und ärgert sich über sich selbst. Sie hatte der Berliner Frauennothilfe-Organisation 500.000 Euro gespendet. Doch wohin das Geld tatsächlich floss, ist bisher unklar.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Alice Schwarzer erscheint auf die Minute pünktlich. 9.15 Uhr steht Deutschlands prominenteste Feministin, ganz in Schwarz, vor dem Saal 537 des Moabiter Kriminalgerichts, gibt schnell noch einem Fernsehteam ein Interview und steuert nach dem Aufruf gelassen in Richtung des Zeugenstuhls. Den Angeklagten Udo L., offiziell noch immer Vorsitzender des Frauennothilfe-Vereins Hatun & Can, streift nur ein kurzer Blick. Aber sie hat natürlich die Provokation wahrgenommen: Der 42-Jährige trägt ein weißes T-Shirt mit einem RTL-Logo. Das ist kein Zufall. Bei dem TV-Sender RTL hatte die „Emma“-Herausgeberin Schwarzer im Herbst 2009 in der Quiz-Sendung „Wer wird Millionär“ 500.000 Euro gewonnen und dieses Geld dem Verein Hatun & Can zukommen lassen. Und genau um dieses Geld, das der Angeklagte nach Meinung der Staatsanwaltschaft veruntreuen wollte, geht es nun auch in dem Strafprozess.

Alice Schwarzer übersieht das T-Shirt. Auch für den unsicher wirkenden Angeklagten gibt es in den nächsten Stunden kaum noch einen Blick. Die 68-Jährige hat Erfahrungen mit Gerichten. Seit Monaten schon verfolgt sie in Mannheim den Prozess gegen den Wetter-Moderator Jörg Kachelmann. Sie weiß, wie die Regeln sind. Und selten ist in Moabit eine derart eloquente Zeugin zu erleben, die anschaulich schildern kann und dabei immer auch die Vorgaben einhält: Nicht werten, nur die Fakten und Eindrücke schildern.

Eigene Bedenken verdrängt

Unterbrochen wird die stringente Aussage nur dann, wenn Schwarzer über sich selbst erzählte: Dass sie heute nur noch staunen kann, wie sehr sie auf den Angeklagten Udo D. hereinfallen konnte. Und dass sie aufkeimendes Misstrauen anfangs regelrecht verdrängt habe. „Ich fand es toll, dass es eine flexible Bürgerbewegung gibt, die religiös verfolgten und entrechteten Frauen unbürokratisch helfen will, jenseits aller staatlichen Hilfe.“ Und dabei habe sie auch nicht gestört, dass Udo D. und sein Verein „nicht sehr professionell“ gewirkt hätten. Im Gegenteil, das habe ihr sogar gefallen.

Der Verein Hatun & Can wurde 2006 gegründet. Anlass, sagt zumindest der Angeklagte, war der Mord an der Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü. Die 23-Jährige, die im Februar 2005 in Tempelhof von ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ayhan erschossen wurde, ist als Vorbild für andere Muslima bekannt geworden – als eine junge Frau, die sich von dem Mann trennte, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, die das Kopftuch ablegte und die mit ihrem kleinen Sohn Can ein selbstbestimmtes Leben führte.

Alice Schwarzer sagt, ihr sei der Verein „von Anfang an sympathisch“ gewesen. Auch weil sie von ihrer Freundin, der Soziologin Necla Kelek hörte, dass Udo D. mit Hatun Sürücü eng befreundet gewesen sei. „Ich habe das als total rührend empfunden, was er macht.“

2007 spendete Schwarzer erstmals 3000 Euro. Und es gab eine werbeträchtige Meldung über den Verein Hatun&Can in ihrer Zeitschrift „Emma“. Etwa ein Jahr später habe ihr der Angeklagte geschrieben und die finanzielle Not des Vereins geschildert. Es folgte ein sehr großer Artikel in der „Emma“. Recherchiert von Köln aus am Telefon. Im Nachhinein sei ihr klar geworden, dass damals kein Journalist den Verein Hatun&Can richtig überprüft habe, so Schwarzer.

Glückliche Spenderin

Im Sommer 2009 hatte Udo D., der sich auch bei Schwarzer „aus Gefahrengründen“ Andreas Becker nannte, an die Journalistin erneut einen Brief geschrieben. Wieder war es ein Hilferuf. Wenig später lernte sie ihn in Berlin persönlich kennen. Er kam in Begleitung einer jungen muslimischen Frau zu einer Veranstaltung, bei der sie über Islamismus referierte. Sie sei über seine Erscheinung „überrascht“ gewesen, sagt sie. „Ich dachte, das ist nicht der Typ Mensch, der sich dafür einsetzt, Frauen zu retten. Aber ich habe diese Vorurteile verdrängt.“ Sie hatte ihn damals auch gefragt, womit er sein Geld verdient. Worauf er antwortete, er habe eine reiche Tante. „Dieser Spruch von der reiche Tante“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ich fand damals, das war ein derartiges Klischee, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass er sich das ausdenkt.“

Kurz darauf gewann Schwarzer beim dem RTL-Quiz die 500.000 Euro. Sie hatte vorher schon angekündigt, dass sie ihren Gewinn für Hatun & Can spenden werde. Auch Udo D. wusste das. Er habe danach am Telefon jedoch einsilbig reagiert, erinnert sie sich. „Das war enttäuschend. Aber ich war eine zufriedene, glückliche Spenderin und habe das hingenommen.“

Anschließend, sagt sie, habe sie auf ein Treffen mit Mitgliedern des Vereins gehofft und auf Informationen, was mit dem Geld geschehen werde. Doch von dem Angeklagten seien „immer nur eigenartige, knappe, sparsame Mails“ gekommen. Sie sei unruhig geworden, sagt Alice Schwarzer. Auch dass binnen weniger Wochen schon 100.000 Euro von der Spende weg waren, darunter allein 60.000 Euro für ein Auto, habe sie stutzig gemacht. Verstärkt habe sich ihr Misstrauen nach einem Brief eines anderen Berliner Hilfevereins, in dem geschildert wurde, dass Hatun & Can unprofessionell arbeite und jegliche Zusammenarbeit verweigere.

Anzeige bei der Staatsanwaltschaft

Am 7. November 2009 traf sie sich schließlich in Begleitung Necla Keleks mit Udo D. und einigen Vereinsmitgliedern in einem Restaurant in Wilmersdorf. Nach Erinnerungen von Schwarzer habe es bei diesem Gespräch jedoch keinerlei Bereitschaft gegeben, sie über die genaue Verwendung des Geldes zu informieren oder etwas Greifbares über die bisherige Arbeit des Vereins zu sagen. „Da kam auf konkrete Fragen gar nichts, nur so ein Rumgedruckse.“ Zu diesem Zeitpunkt seien bei ihr die letzten Illusionen zerstoben. „Mir war klar: Hier ist was faul, aber gewaltig. Und ich musste mir die Frage stellen, ob ich Betrügern aufgesessen bin.“

Den Schlusspunkt, so Schwarzer, habe dann eine ganzseitige Anzeige in einer Tageszeitung gesetzt, in dem ihr vom Verein Hatun & Can für die Spende gedankt wurde. „Die waren nicht bereit, mir Informationen zu geben, haben zuletzt meine Anfragen gar nicht beantwortet, aber dann diese teure Anzeige geschaltet“, resümiert Schwarzer. „Das war für mich ganz eindeutig ein Täuschungsmanöver, ein Scheinding, das mich beruhigen sollte.“

Am 15. Dezember 2009 erstatteten Schwarzer, Kelek und die RTL-Stiftung Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Ermittlungen liefen an, und am 31. März 2010 wurde Udo D. festgenommen. Seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft. Bislang hat er alle Vorwürfe bestritten. Sein Verteidiger Hubert Dreyling spricht von „einer Verschwörung“ gegen seinen Mandanten. Es sei „eine Geschichte von Neid, Missgunst und Intrige“.

Alice Schwarzer sieht es anders. „Ich hätte länger nachdenken sollen“, ärgert sie sich. „Jeder Missbrauch von Spendengeldern verhindert Hilfe für die, die es nötig haben.“