Polizeibereicht vom 9. November 1989

„Personengruppen beschädigen die Mauer"

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Wie hat der Mauerfall die Welt verändert?

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall erinnern 1000 bunte Dominosteine aus Styropor an die Grenze, die einst die Stadt durchschnitt. Berlin feiert den Jahrestag mit einem "Fest der Freiheit". Doch ist die Welt in den vergangenen zwanzig Jahren automatisch besser geworden?

Video: Reuters
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Gegen 19.30 ging es los - und dann kam eine Meldung nach der anderen: Die Berliner Polizei protokollierte detailliert, was sich am späten 9. November und danach zutrug. Morgenpost Online dokumentiert die Lagemeldungen der West-Berliner Polizei in den Stunden der Grenzöffnung.

19.32 Fernspruch an die Direktionen 1 bis 5. Auftrag an die Üst (Übergangsstelle), dort aufzuklären.

19.56 In Abstimmung SenInn/SenSoz (Innensenator, Sozialsenator) wird gebeten, eventuell bereits angekommene DDR-Bürger, die um Unterkunft nachsuchen, an das Durchgangslager Marienfelde zu verweisen.

20.12 Dir 3: Am Übergang Invalidenstraße befinden sich ca. 15 Pressevertreter, nach einer Mitteilung eines SFB-Teams sollen sich auf der Ost-Seite ebenfalls zahlreiche Pressevertreter befinden, aber keine Ausreisewilligen aus der DDR.

20.34 Dir 1: Ca. 60 Personen mit friedlichem Verhalten an der ÜSt Chausseestraße.

21.00 Bundesamt für Zivilschutz: Alle Schutzräume und alle Hilfskrankenhäuser müssen aktiviert werden, anlässlich Reiseregelung, und zwar so schnell wie möglich.

21.19 Dir 1: Nach einer Mitteilung von zurückkehrenden Berlinern soll sich auf der Ost-Seite am Übergang Bornholmer Str. eine Fahrzeugschlange von 100 Trabant gebildet haben. Der Bereich ist vom Westen nicht einsehbar.

21.20 Dir 3: Ca. 300 bis 400 Personen demonstrieren am Brandenburger Tor.

21.28 Dir 1: Unbestätigte Vorausmeldung: Die ersten Trabis rollen an der Bornholmer Str. an.

21.42 Dir 1: Die ersten Ost-Besucher rollen herein, haben Ausweise mit Stempel, bisher noch keine Unterkunftsersuchen.

21.45 Dir 4: Die ersten Personen treffen im Durchgangslager ein.

21.55 Polizeipräsident im Rathaus Schöneberg; erbittet neue Meldungen.

22.00 Dir 3: Meldung Bornholmer Str. für DDR-Bürger geöffnet.

22.01 Sechs Personen aus der DDR melden sich als Touristen auf der Bahnhofswache Zoo.

22.02 Dir 5: Sonnenallee ca. 15 bis 20 Personen über den Übergang. Ca. 100 Personen warten noch. Die Grenzabfertigung wurde verstärkt.

22.02 Dir 4: Nach bisherigen Feststellungen eine betrunkene Person im Durchgangslager. Hörte in seinem Wohnort Kaulsdorf die Durchsage im Radio, fuhr dann mit der Taxe zur Friedrichsstr., bekam dort von den „Grenzern“ auf Betreiben einen Stempel in seinen Ausweis und durfte passieren.

22.06 Dir 1: Rückstau von angeblich 1500 Personen auf Ostberliner Seite, im Westteil ankommende Personen haben übliches Visum im Ausweis.

22.15 SenVerw GesSoz (Sozialsenator), teilt telefonisch mit, dass für den obigen Personenkreis folgende generelle Senatsregelung gilt: Alle Personen, die nach Berlin (West) kommen, sind Besucher und Touristen, die selbst für Unterbringung und leibliches Wohl sorgen müssen. Personen, die hier bleiben wollen, sind als Flüchtlinge ans Durchgangslager zu verweisen.

22.18 Dir 3: Sechs Ausreisewillige auf der Bahnhofswache Zoo haben im Pass einen „Durchreisestempel“.

22.21 Am Brandenburger Tor auf der Westseite ca. 300 Personen überwiegend DDR-Bürger, die „Verbrüderung“ feiern.

22.22 Dir 1: Bornholmer Straße ca. 400 Personen eingereist, meist ohne Gepäck, Rückreisen finden ebenfalls statt, ca. 30 bis 40 Schaulustige auf westlicher Seite.

22.44 Dir 3: Insgesamt 400 bis 500 Personen am Brandenburger Tor, einige Personen beginnen im Unterbaugebiet mit Hämmern, die Mauer einzureißen. Alliierte und Dir 3 Kenntnis. Größere Personengruppen beschädigen die Mauer.

22.52 Dir 1: Ca. 800 bis 1000 Personen bisher überwiegend ohne Gepäck eingereist, zwei TV-Teams an der Bornholmer Str.

22.56 Dir 3: Größere Gruppe nimmt Steine an der Sandkrugbrücke auf und wirft sie Richtung DDR-Posten.

23.02 Dir 4: An der Grenze (Dreilinden) keine Personen, nach Berichten eines BVG-Busfahrers wurden drei Personen, die nach West-Berlin wollten, zurückgewiesen.

23.12 Dir 1: Über Bornholmer Str. ca. 800 bis 1000 Personen.

23.21 Dir 1: Ca. 100 bis 200 Personen betreten im Bereich Bornholmer Straße Ostberliner Gebiet.

23.35 Dir 3: Übergang B. 3.1 (Invalidenstraße) geöffnet und ca. 50 Personen kommen mit Kfz nach Berlin (West).

23.37 Dir 1: Übergang Bornholmer Str. praktisch offen. Von Ost nach West Menschenstrom „wie die Ameisen“, Grenzer haben sich zurückgezogen.

23.45 Dir 3: Größere Personengruppen im Unterbaugebiet und auf der Mauer (Invalidenstraße). Ca. 400 Personen, teilweise mit Pkw, können nach Berlin (West) nur mit Stempel im Ausweis einreisen.

23.47 Dir 5: Checkpoint Charlie ca. 2500 Personen mit steigender Tendenz (auf Westseite). ÜSt Heinrich-Heine-Str. geöffnet.

23.48 Dir 4: ÜSt Dreilinden: Ausreisewilligen wird erklärt, Ausreise erst ab 10.11, 8.00 Uhr möglich.

23.54 Dir 1: Es gibt eine offizielle Mitteilung des alliierten Sicherheitsoffiziers in Absprache mit dem Stadtkommandanten: „Die West-Berliner Polizei wird nicht verhindern, dass West-Berliner den Grenzstrich überschreiten, um nach Ostberlin zu gelangen.“ Dies wurde dem Einsatzleiter an der Bornholmer Str. mitgeteilt.

23.56 Dir 3: 30 Personen auf der Mauer (Brandenburger Tor).

23.59 Personen, die auf Mauer standen, sind durch DDR-Grenzorgane mit Wasserstrahl von der Mauer gespritzt worden.

00.05 Ca. 500 Personen am Übergang Sandkrugbrücke auf Gebiet Berlin (Ost), Grenzorgane schreiten nicht ein.

00.11 Dir 5: Ca. 3000 Personen am Checkpoint Charlie; teilweise Personen in Richtung Osten über Grenzstrich.

00.16 BVG: Alle verfügbaren Busse zu Grenzübergängen unterwegs.

00.17 Dir 3: Ca. 1500 Personen am Übergang Sandkrugbrücke, weit auf Gebiet Berlin (Ost) hinter den Schranken, ca. 200 m, kein Einschreiten der Grenzorgane. SFB-Fernsehteam bringt Live-Übertragung; Regierender Bürgermeister vor Ort. Kräfte aus der City werden ebenfalls zum Übergang entsandt.

00.30 Dir 3: Verkehr im Bereich des Übergangs Brandenburger Tor und bis zum Großen Stern Verkehrsstufe 5 – es können keine Verkehrsmaßnahmen in der Tiefe des Raumes geführt werden.

00.35 Dir 4: Über Dreilinden kommen die ersten DDR-Bürger, nach Aussage von Reisenden 15 km Rückstau.

00.41 Dir 2: Heerstr. kommen die ersten DDR-Bürger, weiterhin ca. 100 Schaulustige.

00.44 Dir 1: Heiligensee kommen die ersten DDR-Bürger, am Übergang Chausseestr. ca. 500 Schaulustige.

00.55 Dir 3: Ca. 250 Personen am Breitscheidplatz, die Fahrbahn wird blockiert.

01.00 Dir 5: ÜSt Prinzenstr., unübersehbare Menschenmenge zwischen Ost und West hin- und herbewegend, keine Zählungen möglich.

01.00 Dir 3: Alarmierung DRK für das Brandenburger Tor, da dort viele nasse Bürger in der Kälte frieren.

01.09 Dir 1: Chausseestr. Grenzanlagen sozusagen überrannt, ungehinderte Ein- und Ausreise.

01.10 Kontaktaufnahme mit BVG – Linien U?8, U?9 und S?3 sowie Zusatzbusse vom und zum Übergang werden auf Bitten Dir 3 weiter betrieben bzw. eingesetzt.

01.27 Regierender Bürgermeister spricht ÜSt Invalidenstr. Personen an, das Gebiet der DDR zu verlassen.

Lage

Sandkrugbrücke: 6000 bis 8000 Personen im Grenzbereich. Happening-Charakter. Personen wandern ohne Reisedokumente von Berlin (Ost) nach Berlin (West). Es kommen auch ständig Kfz aus dem Bereich Berlin (Ost). Vertreter der Militärregierung, Polizeipräsident und zahlreiche Pressevertreter vor Ort, Verkehr im näheren Bereich immer noch Verkehrsstufe 5.

Brandenburger Tor: Hunderte von Personen auf der Mauer. Zeitweise kommt es auch zu leichten Sachbeschädigungen an der Mauer. Hin und wieder spritzen die Angehörigen der DDR-Grenzorgane auch Bürger auf der Mauer nass.

City-Bereich: Verkehr im engeren City-Bereich zusammengebrochen. Polizei sperrt Tauentzien/ Nürnberger Str. Polizei versucht ebenfalls die Joachimsthaler Straße für die BVG freizuhalten. Leitlinien: Kräfte verhalten sich zurückhaltend und übernehmen überwiegend regelnde Aufgaben. An ÜSt Invalidenstr. wird ständig mit Angehörigen der DDR-Grenzorgane Kontakt gehalten. Grenzüberschreitungen werden nicht verhindert. Für die ÜSt Invalidenstr. wird versucht, Absperrgitter aufzustellen, um Kfz- und Personenverkehr zu kanalisieren.

01.34 Dir 3: BVG-Funkleitstelle teilte mit, dass U?8 zwischen Voltastr. Und Paracelsusbad, U?9 Gesamtstrecke S?3 zwischen Lehrter Bhf. und Zoo durchgehend verkehrt; zusätzlich verkehren Busse zu allen ÜSt.

02.18 Eintreffen von DRK-Kräften Brandenburger Tor und 1. Hilfsmaßnahme.

03.52 Dir 3: Grenzsoldaten bzw. Vopos diskutieren mit allen Personen, stehen an der Seite, zur Zeit überhaupt keine Kontrollen; von den Grenzern wurde erklärt, dass diese Verfahrensweise bis 08.00 Uhr befristet sei, danach ist der Ausweis vorzulegen, damit ein Visum eingestempelt werden kann. Östl. Invalidenstr. ist total mit Pkw zugeparkt.

04.02 Mobiles Einsatzkommando-Leitstelle: In der City befinden sich noch ca. 2000 Personen, überwiegend West-Berliner, an den Grenzen verstärkte Rückreise.

04.20 Dir 3: Im Bereich Sandkrugbrücke – Übergang – haben DDR-Grenzer unseren Polizeibeamten mitgeteilt, dass ab sofort der „Grenzübergang“ nur noch mit Visum möglich ist. Es wird nochmals überprüft.

04.22 Dir 5, Checkpoint Charlie: 30 Grepos verhindern Betreten des Unterbaugebiets von westlicher Seite. US-Colonel forderte Freihalten des eigentlichen Übergangs.

04.45 Mobiles Einsatzkommando-Leitstelle: An allen ÜSt: starke Rückreise, geringe Einreise. Üst Prinzenstr. Standen sog. Alternative mit Transparent: Freiheit für den Frieden gibt Kraft, für den Sozialismus zu kämpfen.

05.04 Dir 5: Soeben wurde am Checkpoint Charlie durch einen DDR-Offizier der Polizei mündlich ein Protest übermittelt, dass am Brandenburger Tor die Mauer beschädigt wird.

05.13 Einsatzstreifen-Aufklärung: ÜSt im Norden verstärkte Rückreise. Invalidenstr. verstärkte Rückreise mit Fahrzeugen und Fußgänger. Checkpoint und Prinzenstr. vereinzelte Rückreisen. Am Brandenburger Tor mehrere 100 Personen. Verkehr in der City läuft wieder.

05.18 An der Sandkrugbrücke (ÜSt), Westberliner Pkw. Einreise in die DDR nur noch mit Visum. Fahrzeuge aus DDR und Fußgänger in beiden Richtungen noch unkontrolliert. Am Brandenburger Tor ca. 300 Personen auf der Mauer und 300 davor. Einige Personen mit Spitzhacke.

05.40 Soeben haben DDR-Grenzer am Brandenburger Tor über Lautsprecher aufgefordert, sofort die Mauer zu verlassen, da sie sonst die erforderlichen Maßnahmen treffen werden.

05.55 Nach Rücksprache mit den DDR-Grenzern an der ÜSt Sandkrugbrücke haben diese den Auftrag, heute ab 08.00 Uhr nur noch mit Passierschein passieren zu lassen.