Städtebau

Warum Berlin den Todesstreifen behält

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Isabell Jürgens
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Künstler malen erneut Mauerbilder

Berühmte Mauerbilder wie der Mauerspringer oder der Trabi, der die Berliner Mauer durchbricht, sind jetzt wieder in Berlin zu bewundern. Nach monatelangen Arbeiten wurde die sanierte East Side Gallery der Öffentlichkeit übergeben.

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28 Jahre lang war Berlins Mauerstreifen eine verbotene Zone, begehbar nur für Grenzsoldaten. Nach dem 9. November 1989 wurde die Mauer schnell und bis auf wenige Reste abgerissen - es gab und gibt ambitionierte Immobilienpläne. Doch auch 20 Jahre nach dem Mauerfall ist kaum etwas fertig. Geplant wird aber immer noch.

Es hat sich schon allerhand getan. Nach 1989 setzte ein beispielloser Bauboom entlang des Grenzstreifens ein, dessen prominentestes Beispiel die Türme am Potsdamer Platz sind. Aber trotz dieser weithin sichtbaren Stadtreparatur sind selbst 20 Jahre nach dem Mauerfall nur einige „wenige Flächen tatsächlich fertig gebaut“, so Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). „Eigentlich eine erstaunliche Bilanz.“

Gothe hat mit dem Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin eine Broschüre herausgegeben, die den aktuellen Planungsstand entlang der Mauer darstellt – von der Bornholmer Brücke in Prenzlauer Berg bis zum ehemaligen Grenzstreifen der Luisenstadt am Übergang zu Kreuzberg. Das Resümee ist ernüchternd: Denn städtebaulich weitgehend „repariert“ ist bislang nur der Bereich zwischen Potsdamer Platz und Reichstag. Wo der Todesstreifen einst mehr als 100 Meter Tiefe umfasste, sind nun die Vertretungen der Bundesländer, Hauptstadtrepräsentanzen und das Holocaust-Mahnmal untergebracht. An anderen Stellen der ehemaligen Sektorengrenze klaffen dagegen bis heute riesige Lücken.

Die Prognosen waren falsch

Ein Grund: Erst 1996 wurde mit dem Mauergrundstücksgesetz die Voraussetzung für Neubauten auf den Parzellen geschaffen. Das Gesetz regelte, dass die Mauergrundstücke nicht an die Alteigentümer zurückgegeben werden mussten. Sie erhielten nur das Recht, die Areale zu einem Viertel des Verkehrswertes zu erwerben.

Viele der städtebaulichen Wunden sind auch deshalb nicht verheilt, weil sich das von Politikern und Experten erwartete Bevölkerungswachstum – einige Prognosen gingen Anfang der 90er-Jahre von sechs Millionen Einwohnern in Berlin bis 2030 aus – nicht einstellte. Als Folge gaben nicht wenige Investoren ihre Pläne auf. So sind selbst 20 Jahre nach dem Mauerfall auch Grundstücke an prominenten Stellen Berlins unbebaut. Andere nutzen mit Ideen die Grundstücke, etwa an der Ecke Zimmer-/Wilhelmstraße, wo Touristen mit einem Fesselballon auf bis zu 150 Meter in den Himmel über Berlin aufsteigen, um sich einen Rundumblick zu verschaffen.

Touristen in den Brachen der Stadt

Eine Interimsnutzung ist auch die Bildergalerie am Checkpoint Charlie, vor der sich auch im kühlen November fröstelnd die Touristen drängen und sich mit bewundernswerter Ausdauer über die Geschichte des Areals rund um den ehemaligen Kontrollpunkt informieren, wo 1961 sowjetische und amerikanische Panzer auffuhren.

Die Bilderwände verstellen den Blick auf zwei Brachen beidseits der Friedrichstraße, um die seit Jahren heftig gerungen wird. Die Fläche hatte der Senat an einen US-Investor verkauft, der ein Geschäftshaus mit einem Museum über den Kalten Krieg bauen wollte. Das Projekt scheiterte. Doch nun gibt es Hoffnung: Der irische Investor, der die beiden Grundstücke erworben hat, will in sein Bauvorhaben, das eine Mischung aus Wohnen, Hotel und Büro vorsieht, auch das Museum des Kalten Krieges integrieren. „Wir planen eine Ausstellungsfläche von gut 3000 Quadratmetern“, sagt Rainer Klemke, der Gedenkstätten-Beauftragte des Senats.

Selbst die Gedenkstätte ist nicht fertig

Selbst die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist zum 20. Jahrestag des Mauerfalls nicht fertig. Immerhin: Morgen, passend zu den Feierlichkeiten rund um das Jubiläum, wird das neue Besucherzentrum an der Ecke Garten-/Bernauer Straße feierlich eröffnet. Erst 2012, so die Pläne des Senats, soll das gesamte Gedenkstätten-Ensemble aus Versöhnungskapelle, Denkmal und Dokumentationszentrum sowie einer Open-Air-Ausstellung entlang des 1,3 Kilometer langen „Postenweges“ fertig sein.

Viele der vor 1961 bebauten Mauergrundstücke wurden mittlerweile als Grünflächen planerisch gesichert. Etwa der Mauerpark zwischen Wedding und Prenzlauer Berg, den Künstler, Familien und Sportler rege nutzen. Der bereits vor 15 Jahren angelegte Park ist noch längst nicht so groß wie geplant. Statt der derzeitigen acht sollten es eigentlich 14 Hektar sein. Auch das Areal des Weddinger Güterbahnhofs sollte Teil des Parks werden.

Millionen für den Mauerpark

Doch die Zeit drängt: Der Mauerpark wurde mit Mitteln der Allianz-Umweltstiftung angelegt, die 2,3 Millionen Euro gab. Das Land verpflichtete sich im Gegenzug, dass der Mauerpark bis 2010 mindestens zehn Hektar groß sein wird. Ansonsten muss der Senat das Stiftungsgeld an die Allianz zurückzahlen. Nach Auskunft Ephraim Gothes ist die Lösung gefunden: „Der Park wird um fünf Hektar erweitert.“ Die neue Parkfläche soll parallel zum derzeitigen Park angelegt werden. Auf der Restfläche ihres Grundstücks bekommt die Vivico als Ausgleich Baurecht.

Ebenfalls noch nicht fertig ist der Grünzug hinter der riesigen Baustelle für den Bundesnachrichtendienst an der Chausseestraße. Auf die Lage mit viel Grün und dem Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal vor der Tür setzen Investoren wie Agromex, die dort Townhouses bauen, oder die Bronsville Holdig, die „The Garden“ plant – 220 Eigentumswohnungen und ein Hotel. Bis zur Bezirksgrenze nach Kreuzberg zieht sich der Streifen der Bauvorhaben von dort durch die Stadt. Gleich neben dem Martin-Gropius-Bau an der Stresemann Ecke Niederkirchner Straße etwa hat die Kaphag den Parkplatz als Bauland für sich entdeckt: An der prominenten Ecke soll ein Büro- und Veranstaltungsgebäude errichtet werden.

Widerstand gegen schicke Wohnbebauung

In der Nähe des Spittelmarktes baut die Groth Gruppe hundert edle Appartements, an der Beuthpromenade planen Bilfinger & Berger ebenfalls 100 Wohnungen, und gegenüber der Bundesdruckerei treten zwei weitere Investoren an, um den Mauerstreifen mit Wohnungen zu bebauen. Teuer und chic ist dort die Devise. Unter 3500 Euro pro Quadratmeter ist kaum etwas zu haben. Der einstige Mauerstreifen – ein Dorado für Begüterte?

Am Engelbecken in Kreuzberg genauso wie am Mauerpark zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, wo nach dem Mauerfall eine riesige Brache übrig blieb, formiert sich deshalb Widerstand gegen die schicken Wohnloft-Projekte. Oft setzen die Bauherren auf eine so hohe Bebauungsdichte, dass Anwohner eine deutliche Verschlechterung ihrer Wohnqualität monieren. Das Ringen um die angemessene Nutzung des ehemaligen Niemandslandes ist nach Ansicht von Fachleuten noch längst nicht beendet: „Bis für alle Mauergrundstücke eine dauerhafte städtebauliche Lösung gefunden wird“, schätzt Baustadt Gothe, „werden bestimmt noch einmal 20 Jahre vergehen.“