Demonstration

Tausende Studenten zogen durch Berlin

| Lesedauer: 10 Minuten
Das Video konnte nicht gefunden werden.

Bundesweit protestieren Studenten

Zehntausende Schüler und Studenten sind auf die Straße gegangen, um gegen Bildungsmissstände zu protestieren.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Mindestens 6000 Schüler und Studenten haben in Berlin friedlich für bessere Lernbedingungen demonstriert. Seit Tagen protestieren Studenten in ganz Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern und den USA. Mit Demonstrationen in zahlreichen Städten wollen die Studenten nun den "heißen Herbst" einläuten.

Mit Aktionen in vielen deutschen Städten haben Schüler und Studenten am Dienstag für bessere Bildung demonstriert. In Berlin gingen Tausende Studenten und auch Schüler auf die Straße, die Altersgruppen reichten von circa 18 bis knapp 30 Jahre. Um elf Uhr versammelten sich die Demonstranten am Roten Rathaus. Die Veranstalter sprachen am Mittag von 17.000 Teilnehmern. Die Polizei zählte hingegen nur 6000 Studenten und Schüler.

Ein „schwarzer Block“ der sich unter den Studenten bildete, bereitete der Polizei zu Beginn Sorgen, doch die Teilnehmer verhielten sich ruhig. In der Friedrichstraße flogen Eier gegen ein Gucci-Geschäft. Die Polizei zog einige Personen aus der Menge und nahmen nach bisherigen Informationen eine Person fest. Insgesamt verlief der Protest aber friedlich.

Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatten Polizeibeamte zehn Personen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz vorläufig festgenommen. Insgesamt 500 Polizeibeamte begleiteten die Demonstration, die um 14 Uhr 30 vom Veranstalter beendet wurde.

Zunächst wurden vor dem Roten Rathaus Reden gehalten, die Studenten solidarisierten sich mit Protestierenden in ganz Europa und weltweit – auch in den USA werden Universitäten bestreikt.

Bei leichtem Nieselregen starteten sie dann am Mittag ihren Protestmarsch. Viele Demonstranten hielten Banner und Plakate hoch, auf die sie beispielsweise „Mein Studium gehört mir!“ oder „Freie Bildung für alle“ geschrieben hatten. Von mehreren Wagen aus sprachen Studentenvertreter über Lautsprecher zu den Teilnehmern.

Der Protest der Studenten richtet sich vor allem gegen die Stofffülle und gegen die Studienbedingungen in den neuen Bachelor-Studiengängen. Viele Hochschulen hätten es versäumt, die Studieninhalte den erheblich verkürzten Studienzeiten anzupassen. Auch lasse die straffe Organisation des Studiums keinen Freiraum, um noch nebenher Geld zu verdienen. Die Studenten verlangen außerdem Bildungsgerechtigkeit und mehr Geld für das Bildungssystem, eine Abschaffung der Studiengebühren, kleinere Klassen und mehr Mitsprache.

Die Studenten zogen von der Spandauer Straße Roten Rathaus zur Humboldt Universität, die Straßen waren frühzeitig gesperrt. An der Universität fand eine Kundgebung statt. Anschließend führte der Weg die Demonstranten vorbei durch die Friedrich- und Rudi-Dutschke-Straße zum Oranienplatz, wo es eine Abschlusskundgebung gab. Vor dem Verlagshaus Axel Springer in Kreuzberg blieb der Zug dann stehen, und es wurden weiter Reden über das Megafon gehalten. Unbekannte warfen Farbbeutel gegen das Verlagshaus.

Unter den friedlichen Demonstranten war auch Gregor Bern, 23 Jahre alt. Er studiert den Master-Studiengang Regenerative Energiesysteme auf an der Technischen Universität Berlin: „Ich habe keine Schwierigkeiten bei meinem Studium. Aber bei Kommilitonen anderer Fachrichtungen, steht der Aufwand nicht im Verhältnis zu den Ergebnissen, die man während eines dreijährigen Bachelor-Studiums erzielt. Wer sein Studium ordentlich absolvieren will, hat mit dem neuen Studiensystem kaum Möglichkeiten dazu. Außerdem erleichtern die Bachelor- und Masterstudiengänge nicht den internationalen Austausch, wie es ja eigentlich sein sollte. Ich wünsche mir, dass sich Bildungsministerin Annette Schavan mehr für die Belange der Universitäten und Professoren einsetzt, denn die Probleme sind allseits bekannt.“

Hannah Schutz, 20 Jahre, setzt sich ebenfalls für bessere Studienbedingungen ein. Sie studiert Theologie an der Humboldt-Universität Berlin, einen Diplomstudiengang: „Ich demonstriere aus Solidarität mit den Bachelor-Studenten. Mit dem neuen Studiensystem wird ihnen das eigenständige Lernen und Forschen enorm eingeschränkt. Ein Studium sollte die Eigenverantwortung der Studierenden stärken und nicht einen starren Plan vorgeben, nur weil das die Wirtschaft so will. Wir brauchen keine Fachidioten sondern mehr Freiheit im Studium.“

Auch David Saiger ist mit den Studienbedingungen unzufrieden. Der 22-Jährige studiert Medizin an der Berliner Charité: „Von den Medizinstudenten wird kein kritisches Denken gefordert. Wir müssen nur auswendig lernen und Multiple-Choice-Aufgaben lösen. Alles, worüber sich die Bachelor- und Masterstudenten beschweren, trifft genauso auf das Medizin-Studium zu. Wir sind meilenweit davon entfernt, unser Studium selbstbestimmt zu gestalten. Wenn der Zeit- und Leistungsdruck weiter steigt, lernen Mediziner in Zukunft nur noch die Funktionen der Arme, für die Beine reicht es einfach nicht mehr.“

HU-Präsident hat Verständnis für Protest

Der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Christoph Markschies, zeigte im Interview mit Morgenpost Online Verständnis für die Studenten, solange die Proteste friedlich verliefen: „Es geht darum, die handwerklichen Fehler, die bei der Umsetzung der Bologna-Reform gemacht wurden, auszumerzen und dafür zu kämpfen, dass mehr Geld in die Lehre gesteckt wird.“

Protestaktionen liefen unter anderem auch in München und Frankfurt am Main, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Heidelberg und Mainz. In Potsdam zogen rund 500 Studenten am Vormittag im Lustgarten durch die Innenstadt. Unter dem Motto „Bildungsbrei aufmischen, gemeinsam auflaufen“ setzen sie sich für bessere Studienbedingungen ein. Die Zahl der Teilnehmer sei im Laufe der Veranstaltung auf rund 2000 gestiegen, sagte die hochschulpolitische des AStA, Katja Klebig. Die Demonstration führte zum Brandenburger Tor und von dort zum Platz der Einheit führen. Seit Tagen besetzen Potsdamer Studenten einen Hörsaal der Universität. Vorlesungen finden inzwischen in einem provisorischen Zelt auf dem Campus statt.

In Wiesbaden wollten Lehrer und Schüler am Nachmittag gemeinsam auf die Straße gehen. Vor der Münchner Universität versammelten sich am Morgen mehr als 1000 Studenten zu einem Protestmarsch gegen die Bologna-Reformen und die Studiengebühren. Insgesamt würden bis zu 10.000 Studenten und Schüler bei der Demonstration erwartet, die bis zum Nachmittag durch ganz Schwabing führen soll, sagte eine Sprecherin der Studenten, Sarina Balkhausen.

Bildungssenator zeigt Verständnis

Die Vorsitzende des Bundestagsbildungsausschusses, Ulla Burchardt (SPD), ließ am Rande der Demonstration wissen, eine Abordnung der protestierenden Studenten und Schüler sei zu einem Gespräch ins Parlament eingeladen. Sie unterstützt die Demonstrationen der Studenten. „Die Proteste sind richtig. Die Umsetzung der Studienreform hat die Studiengänge überreguliert“, sagte die SPD- Bildungspolitikerin. Die in den unionsgeführten Bundesländern erhobenen Studiengebühren sowie „die Verengung von Hochschulbildung auf ihren ökonomischen Nutzen“ führten zu „einer neuen sozialen Selektion an den Hochschulen“.

Auch der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner äußerte Dienstagmorgen Verständnis für die Proteste. Er sagte im ZDF-Morgenmagazin, er habe „in vielen Bereichen grundsätzlich Verständnis“. Als Beispiele nannte der SPD-Politiker den Protest gegen Studiengebühren und die Forderung nach dem Ausbau des BAföG. Mit Blick auf die Bologna-Reform zur Angleichung der europäischen Studienordnungen sagte er jedoch: Es könne nicht bedeuten, „dass wir nicht darauf achten müssen, dass die Reform vernünftig umgesetzt wird“. Zöllner forderte ein „System von Finanzierung von Hochschulen, das Anstrengungen in Lehre gleichermaßen honoriert wie Forschung“. Derzeit sei in den meisten Bundesländern der Etat unabhängig von der Studentenzahl, kritisierte er.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) äußerte im Deutschlandfunk teilweise Verständnis für die Anliegen der Studenten. „Den Punkt der Verbesserung der Lehre teile ich.“ Bei der Umsetzung der Hochschulreform habe es handwerkliche Fehler gegeben. Sie unterstrich aber auch, dass trotz der Wirtschaftskrise in Deutschland noch nie so viel in Bildung investiert worden sei wie zur Zeit.

Der niedersächsische Bildungsminister Lutz Stratmann signalisierte den Studenten Entgegenkommen. Bis Anfang nächsten Jahres wolle er konkrete Pläne vorlegen, um die umstrittene Bologna-Reform an den Hochschulen an entscheidenden Stellen zu korrigieren, sagte Stratmann der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. Die Vorarbeiten dazu gingen „schneller voran als gedacht“. Stratmann warnte die Studenten vor Ausschreitungen: „Ich hoffe und wünsche, dass weiterhin die gewaltfreie Diskussion im Mittelpunkt der Aktionen steht.“

Der Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz (parteilos), sagte im RBB-Inforadio, die Hochschulen müssten aus den Fehlern der Vergangenheit ihre Lehren ziehen. So sollte es angemessene und transparente Anerkennungsregeln für Studienleistungen geben. „Wenn jemand in Berlin von der Humboldt-Uni zur Freien Universität im selben Fach wechselt und dann seine Studiennachweise nicht anerkannt bekommt, dann ist was faul im Staate Dänemark“, fügte Olbertz hinzu.

Auch Olbertz äußerte Verständnis für den Protest der Studenten. „Die herkömmlichen Studiengangstrukturen wurden einfach komprimiert und in die äußere Form eines Bachelor-Studiengangs gepresst“, sagte er. Dies habe „zu dieser enormen stofflichen Überlastung und allgemeinen Hast geführt, die die Studenten völlig zu Recht beklagen“.

Der Präsident des Hochschulverbandes, Bernhard Kempen, ermutigte die Studenten in ihrer Kritik an den Bachelor- und Masterstudiengängen. Die Klage über Stofffülle, Prüfungsdichte und das jetzige Akkreditierungssystem sei berechtigt, sagte Kempen der „Südwest Presse“. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages Hans Heinrich Driftmann, appellierte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Dienstag) an die Unis, die Probleme der Studenten ernst zu nehmen.

Kritik an Bachelor- und Masterstudiengängen

Der Aktionstag war einer der Höhepunkte des Bildungsstreiks 2009. Darüber hinaus ist für den 30. November bis 6. Dezember eine Aktionswoche geplant. Am 10. Dezember sollen dann die Kultusminister nach Ende ihrer Konferenz drei Stunden „nachsitzen“: Dann wollen die Streikenden die Zufahrtsstraßen zum Konferenzort in Bonn blockieren. Schon seit Tagen halten Studenten in mehr als 20 Universitäten Hörsäle, auch in Berlin und Potsdam, besetzt.

Im Zentrum der Kritik stehen die Bachelor- und Masterstudiengänge, die im Zuge des sogenannten Bologna-Prozesses eingeführt wurden. Die Studenten fordern ihre Abschaffung in ihrer derzeitigen Form. Außerdem verlangen die Protestierenden bessere Lernbedingungen, mehr Mitbestimmung und die Abschaffung der Studiengebühren. Das Motto lautet „Education is not for sale“ (“Bildung ist unverkäuflich“). Auch die Schüler fordern eine Überprüfung des Unterrichtsstoffs nach Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von neun auf acht Jahre.

( AP/dpa/sh/bih/mim )