S-Bahn-Großprojekt

Neue Linie könnte Berlins Stuttgart 21 werden

Auch Berlin hat ein S21-Problem. S21 - so heißt die geplante S-Bahn-Verbindung zwischen Ring und Potsdamer Platz. Und sie dürfte mit einem Kilometerpreis von 150 Millionen Euro eine der teuersten Nahverkehrsstrecken Deutschlands werden. Die Grünen fordern einen Stopp.

Foto: Olaf Wagner / Olaf Wagner/Pressefoto Wagner

Nach dem Baustopp für das Großprojekt Stuttgart 21 in Baden-Württemberg werden nun auch in Berlin Stimmen laut, umstrittene Infrastrukturvorhaben in der Stadt auf den Prüfstand zu stellen. Genannt werden etwa der Weiterbau der Stadtautobahn A100 nach Treptow oder die Verlängerung der U-Bahnline 5 vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor. Doch besonders in der Kritik steht ein anderes, deutlich weniger bekanntes Vorhaben, der Bau einer neuen S-Bahn-Strecke in Berlins Mitte.

Die gerade einmal 3,5 Kilometer lange Verbindung vom nördlichen Ring bis zum Potsdamer Platz – bekannt auch unter der Kurzbezeichnung S21 – kostet nach aktuellen Berechnungen insgesamt 528 Millionen Euro, jeder Streckenkilometer also rund 150 Millionen Euro. Allein die knapp zwei Kilometer lange Trasse, die ab Herbst 2011 vom Ring bis zum Berliner Hauptbahnhof gebaut werden soll, schlägt mit rund 300 Millionen Euro zu Buche. Diese Verbindung dürfte damit eine der teuersten Nahverkehrsstrecken in Deutschland werden.

Geld sinnvoller einsetzen

„300 Millionen Euro, das ist sehr viel Geld, das sich in der Stadt sinnvoller einsetzen lässt“, sagt die verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen. Damit könnten zum Beispiel alle Lücken im Berliner S-Bahn-Netz, die es durch den Mauerbau noch gibt, geschlossen werden.

Auch der Berliner Fahrgastverband Igeb hält das teure Vorhaben für überflüssig. „Bevor so viel Geld verbuddelt wird, sollte noch einmal intensiv darüber gedacht werden, ob es sich nicht sinnvoller einsetzen lässt“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. So scheitere etwa die von vielen Fahrgästen gewünschte dauerhafte Verlängerung der „Heidekrautbahn“, einer Regionalzugverbindung in das Berliner Umland, nach Gesundbrunnen daran, weil am heutigen Endbahnhof Karow eine Weiche fehlt. „Die etwa 500.000 Euro dafür hat die Bahn nicht“, kritisiert Wieseke. Bevor zudem ein neuer teurer Tunnel für die S-Bahn gebaut wird, sollte zudem erst einmal die Kapazität im vorhandenen Fernbahntunnel ausgelastet werden.

Hämmerling und Wieseke fordern vom Senat und der Deutschen Bahn eine „Denkpause“ nach Stuttgarter Vorbild. „Vielleicht sieht ein politisch neu zusammengesetztes Abgeordnetenhaus das Projekt ja anders“, sagt Hämmerling. Sie betont zugleich, dass es nicht darum gehe, Ausbauvorhaben im öffentlichen Nahverkehr zu verhindern. „Ganz im Gegenteil: Uns geht es aber darum, dass das Geld sinnvoller und effektiver eingesetzt wird.“

Der Berliner Senat lehnt indes die Forderung nach einem vorläufigen oder gar endgültigen Stopp des S-21-Projekts entschieden ab. „Mit dieser Verbindung verbessern wir die oft kritisierte Anbindung des Hauptbahnhofs an den öffentlichen Nahverkehr. Der Verkehrsnutzen ist durch mehrere Gutachten belegt“, sagt Mathias Gille, Sprecher von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Das Geld sei zudem zweckgebunden und stehe nicht automatisch für andere Vorhaben zur Verfügung. „Bei einem Verzicht auf die S21 würden Berlin 317 Millionen Euro Bundesmittel verlieren“, warnt Gille.

Ein Plan aus dern 90ern

Die Idee zum Bau einer weiteren Nord-Süd-Strecke für die Berliner S-Bahn stammt aus den 1990er-Jahren. Damals entschieden sich Bund, Senat und Deutsche Bahn dafür, den neuen Berliner Hauptbahnhof an die Stelle des damals unbedeutenden Lehrter Bahnhofs zu bauen. Das als Kreuzungsbahnhof konzipierte Bauwerk war zwar mit der S-Bahn über die Stadtbahn-Viadukte aus Osten und Westen gut zu erreichen. Doch wer aus dem Norden oder Süden mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof will, muss derzeit noch im völlig überlasteten Bahnhof Friedrichstraße umsteigen.

Dieser Mangel sollte durch den Bau einer weiteren Nord-Süd-Verbindung für die S-Bahn beseitigt werden. Im Oktober 2000 wurde am Nordring schließlich der erste Spatenstich für die S21 gesetzt. Nach jahrelangem Streit hatte der Senat 85 Millionen Mark für das Vorhaben bereitgestellt. Mit dem Geld wurden an den Ringbahn-Bahnhöfen Westhafen und Wedding sogenannte Ausfädelungen gebaut, damit S-Bahnen später einmal in Richtung Hauptbahnhof abbiegen können. Dann war lange Zeit nichts mehr zu hören von dem Projekt, die Planungen bei der Bahn und den Senatsbehörden liefen aber weiter.

Die Nord-Süd-S-Bahn soll demnach in drei Schritten gebaut werden: Der erste Bauabschnitt umfasst eine zweigleisige Strecke vom Hauptbahnhof zum nördlichen S-Bahn-Ring, wobei die Züge nach Fertigstellung über eine Westkurve zum S-Bahnhof Westhafen und über eine Ostkurve in Richtung S-Bahnhof Wedding abbiegen sollen. Diese Trasse ist bautechnisch anspruchsvoll und damit auch teuer, weil über sie die S-Bahn aus der Tiefebene des Hauptbahnhofs auf die Höhe der Ringbahn fahren soll. Weil sie zudem noch einen Schwenk machen muss, sind komplizierte Brückebauwerke – sogenannte „Overfly“ – notwendig.

In einem zweiten Schritt soll die Trasse unterirdisch vom Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz verlängert werden. Dabei kann zwar ein bereits in den 30er-Jahren mit angelegter Tunnel am Potsdamer Platz genutzt werden, erforderlich ist jedoch eine weitere Untertunnelung der Spree, die parallel zu dem bereits vorhandenen Röhren für die Fernbahn und die Autos gebaut werden soll. Ein solcher Tunnel ist ebenfalls extrem teuer. Doch erst mit dieser Strecke komme der „Nutzen der S21 als neue Nord-Süd-Verbindung mit Anschluss des Hauptbahnhofs voll zum Tragen“, sagt Verkehrsstaatssekretärin Maria Krautzberger.

Geld nur für zwei Bauabschnitte klar

In einem dritten Bauabschnitt soll schließlich eine Verbindung vom Potsdamer Platz über die Bahnhöfe Yorckstraße und Julius-Leber-Brücke zum Südkreuz hergestellt werden. Während für die ersten beiden Bauabschnitte das Geld, insgesamt 530 Millionen Euro, bereit steht und teilweise sogar schon verbaut ist, gibt es für den dritten Bauabschnitt derzeit weder eine Finanz-, noch eine Zeitplanung.

Eigentlich sollte der Bau des Nordabschnitts der S21 schon längst begonnen sein, doch die komplizierten Verhandlungen über Geld und Bauausführung verzögerten das Vorhaben. Eine Folge davon war, dass der anfangs fest eingeplante Bahnhof an der Perleberger Brücke vorerst nicht gebaut werden soll. Auch auf den Bahnhof Bundestag östlich des Reichstagsgebäudes wird wohl – auch aus Sicherheitserwägungen – verzichtet.

Laut einem Bahn-Sprecher sind für das S21-Projekt bereits eine Reihe sogenannter Vorsorge-Maßnahmen erfolgt. Aktuell wird etwa an der Invalidenstraße gebaut, damit dieser Bereich nach Fertigstellung der gleichfalls vorgesehenen Straßenbahn-Anbindung nicht noch einmal aufgerissen werden muss. Die eigentlichen Arbeiten für die neue Strecke sollen nun frühestens im Herbst 2011 beginnen. Bislang sind Millionen-Aufträge noch nicht einmal ausgeschrieben. „Wenn man das Vorhaben noch stoppen will, dann müsste man es jetzt tun“, so ein Projektbeteiligter.

Derweil haben die Gegner des Weiterbaus der Stadtautobahn einen wichtigen Erfolg vor Gericht errungen. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig untersagte dem Senat am Donnerstag, mit der Verlängerung der A100 bis zu beginnen, bevor über eine Klage des Umweltschutzvereins BUND und mehrerer Betroffener entschieden wird. Der Senat will die A100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park verlängern. Das 3,2 Kilometer lange Teilstück soll vor allem durch Kleingärten führen, es müssten aber auch mehrere Häuser abgerissen werden. Die Baukosten für das von der Wirtschaft, der IHK und dem ADAC unterstützte Projekt in Höhe von 420 Millionen Euro würde der Bund übernehmen.