Leerstand

Bahn findet keine Mieter für Hauptbahnhof-Turm

Mehr als vier Jahre nach der Eröffnung steht mit dem Ost-Bügel einer der beiden großen Glasbauten des Berliner Hauptbahnhofes noch immer leer. Architekt Gerkan wirft der Bahn Geldverschwendung vor.

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Mehr als vier Jahre nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs im Mai 2006 steht einer der beiden Bügelbauten noch immer leer. Das können nicht nur der Architekt des Bauwerks, Meinhard von Gerkan, sondern auch Immobilienexperten nicht nachvollziehen. Schließlich verzichte die Deutsche Bahn auf Mieteinnahmen in Millionenhöhe. Die Bügelbauten des Hauptbahnhofs seien aufgrund ihrer herausragenden Architektur und ihrer Lage äußerst attraktiv. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Bahn die eigene Immobilie erst jetzt beziehe und zudem noch immer Mieter suche. Meinhard von Gerkan wird noch deutlicher: „Das ist reine Geldverschwendung“, sagte der Architekt Morgenpost Online. Die Bahn hingegen betont: „Wir liegen im Zeitplan.“

Doch der wurde offenbar mehrmals verändert. So hatte der frühere Bahn-Chef Hartmut Mehdorn beispielsweise im Januar 2006 angekündigt, bis 2007 in die Bügelbauten zu ziehen. Immobilienexperten sprechen denn auch von einem „Hin und Her bei der Bahn“. Meinhard von Gerkan sagt: „Mal hieß es, sie ziehen in die Bügelbauten, dann wieder nicht, jetzt wieder ja. Die hatten lange kein Konzept.“

Keine Angaben zu den Kosten

Fest steht bislang, dass der West-Bügel des Hauptbahnhofs von Frühjahr dieses Jahres bis Juli mit 700 Mitarbeitern der Bahn „komplett bezogen“ wurde, wie die Bahn mitteilt. Von insgesamt 50.000 Quadratmeter Bürofläche beider Bügel bleibt der östliche vorerst weiter ungenutzt. Die Hälfte dieses Glasriegels soll ab Oktober von weiteren Beschäftigten der Abteilung DB Station & Service bezogen werden. Vorher müssen jedoch noch die Büros in dem 42 Meter hohen Gebäude hergerichtet werden. Der Einzug der letzten Bahn-Mitarbeiter werde spätestens Ende 2010 abgeschlossen sein, heißt es aus der Konzernzentrale am Potsdamer Platz. Zu den Kosten für Ausbau und Umzug will sich die Bahn nicht äußern. Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen dreistelligen Millionenbetrag. „Insgesamt sieht das Standortkonzept der DB für Berlin vor, die Arbeitsplätze in der Verwaltung im Wesentlichen auf drei Standorte zu reduzieren: Hauptbahnhof, Nordbahnhof und Potsdamer Platz. Dadurch verkürzen sich viele Wege und die Arbeit kann effektiver organisiert werden. Dies führt auch zu höherer Wirtschaftlichkeit“, so die Stellungnahme zu den Ausgaben.

Wer in die noch immer ungenutzten 12500 Quadratmeter im Nordteil des Ost-Bügels zieht, steht nicht fest. „Es gab verschiedene Gespräche mit Interessenten, und wir sind zuversichtlich, Mieter für die nördliche Hälfte des Ost-Bügels zu finden“, antwortet die Bahn auf die Frage, warum man noch immer keine anderen Nutzer gefunden habe. Auf Nachfrage, warum es sich grundsätzlich so lange hinziehe, bis die Bügelbauten bezogen werden, heißt es, man liege „im Zeitplan“.

Makler zeigen Unverständnis

Für Insider des Berliner Immobilienmarkts ist die jahrelange Zeit des Leerstand nicht nachvollziehbar. Experten sagen im Gespräch mit Morgenpost Online unisono: „Das ist unmöglich.“ Die Bahn sei mit den Flächen ja nicht einmal auf dem Markt gewesen, bemerkt einer unserer Gesprächspartner. „Den Luxus, eine solche Immobilie in 1-a-Lage so lange nicht zu vermieten, kann sich normalerweise kein Unternehmen leisten“, sagt der Makler eines großen Berliner Immobilienunternehmens. Unüblich sei zudem, dass man in diesen Dimensionen baue, ohne im Vorfeld bereits einen Teil der Fläche vorvermietet zu haben. Da in Berlin kaum zusammenhängende Flächen solcher Größe im Angebot seien, gebe es durchaus Bedarf dafür, so der Experte. Er meint: „Wir hätten diese Immobilie längst vermieten können.“ Der Makler will ebenso wie seine Kollegen der Konkurrenzunternehmen namentlich nicht genannt werden. „Die Bahn ist ein wichtiger Immobilienbesitzer, das können wir uns nicht leisten“, sagt der Insider. Er rechnet vor, dass sich der Verlust des langen Leerstands ausgehend von der aktuellen Spitzenmiete, die derzeit bei etwa 20 Euro pro Quadratmeter netto kalt liege, schnell überschlagen lasse. „Selbst wenn Sie nur von 40000 Quadratmeter Nutzfläche ausgehen, kommen Sie bei vier Jahren Vermietung dieser Fläche auf etwa 40 Millionen Euro.“

Das erstaunt auch Patrick Döring, der als FDP-Bundestagsabgeordneter Mitglied im Ausschuss für Bauen und Verkehr sowie Mitglied im Aufsichtsrat der Deutsche Bahn AG ist: „Ich wundere mich, dass noch nicht alle Flächen in den Bügelbauten vermietet sind.“ Er habe bislang in keiner Sitzung des Aufsichtsrats etwas zum Thema der Vermietung der Bügelbauten gehört – „das kann ich mir nicht erklären“.

Bei der Deutschen Bahn gibt man sich unterdessen gelassen. Die offizielle Angabe, im Zeitplan zu liegen, wird an anderer Stelle damit ergänzt, dass man anfangs davon ausgegangen sei, ein weiteres Bahn-Hochhaus direkt am Hauptbahnhof zu errichten. Noch ein Jahr nach der Eröffnung des Hauptbahnhofs hieß es, dass die Deutsche Bahn ihren angemieteten Tower am Potsdamer Platz räumen und die Konzernzentrale an den Hauptbahnhof verlegen werde. Doch diese Pläne wurden bereits im November 2008 auf Eis gelegt, 2009 wurde der Vertrag für den Glasturm am Potsdamer Platz um 15 Jahre verlängert, wie ein Bahn-Sprecher jetzt bestätigt. Die Bahn ist weiterhin Mieter der 22000 Quadratmeter Nutzfläche. Zusätzlich hat das Unternehmen noch 8000 Quadratmeter in einem Bürogebäude an der Bellevuestraße gemietet. Nicht zu vergessen das „Nordbahnhof-Carrée“, ein im Bau befindlicher 37.000 Quadratmeter großer Bürokomplex, der bereits vollständig an die Deutsche Bahn vermietet ist und Ende 2010 bezugsfertig sein soll.

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