Stadtverkehr

Am Hauptbahnhof hat das Chaos Vorfahrt

Die Hinweisschilder am Hauptbahnhof führen Reisende in die Irre, aber nicht zur richtigen Bus-Haltestelle. Taxis haben zu wenig Platz. Der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung will nun das Verkehrskonzept am Hauptbahnhof überprüfen.

Foto: Massimo Rodari

Gabriele und Wolfgang Behrens irren orientierungslos umher. Sie ziehen ihre Koffer über den Washingtonplatz. Mit dem Zug ist das Ehepaar aus Wolffenbüttel nach Berlin gereist. Am Hauptbahnhof wollen die Urlauber den Bus TXL zum Flughafen Tegel nehmen, um von dort weiter nach Thailand zu fliegen.

Doch die kürzeste Strecke dieser langen Reise bereitet die größten Probleme: Wo am Hauptbahnhof fährt dieser Bus ab? Nicht nur, dass die Beschilderung im Bahnhof unzureichend ist, auch die Anzeigentafel an den Ausgängen helfen nicht richtig weiter. Um Europas größten Kreuzungsbahnhof herum gibt es an acht verschiedenen Standorten Bus-Haltestellen. Der Pfeil auf der Tafel hinter dem blinkenden „TXL“ führt zum Friedrich-List-Ufer. Dort steht zwar ein kleines Wartehäuschen mit gerade einmal vier Sitzplätzen. Die Busse, die dort abfahren, nützen dem Paar aus Wolffenbüttel aber nichts. Ein kundiger Berliner weist ihnen den Weg zur Rahel-Hirsch-Straße. Dort steht ein unscheinbares Haltestellenschild, hier sind die Behrens' richtig. Der Bus nach Tegel kommt, die beiden können einsteigen.

Eine alltägliche Szene am Hauptbahnhof, die sich ebenso auf der anderen Seite, am Europaplatz hätte ereignen können. Auch dort hat das Chaos in der Verkehrsführung Vorfahrt. Die unzulängliche Anbindung des Hauptbahnhofes an die Stadt und den öffentlichen Nahverkehr ist seit seiner Eröffnung im Mai 2006 ein Ärgernis. Ob enge Taxi-Zufahrten, fehlende Info- und Leitsysteme innerhalb und außerhalb des Bahnhofs, schlechte Lage und Zugänglichkeit der Bus-Stationen oder zu wenige Abstellplätze für Fahrräder – die Liste der Mängel ist lang. Jetzt droht mit der Großbaustelle für die neue S-Bahn-Linie 21 noch mehr Chaos.

Wie Morgenpost Online berichtete, wird das Friedrich-List-Ufer ab nächstem Jahr für 32 Monate, die Taxi-Vorfahrt am Europaplatz ab Ende 2013 für anderthalb Jahre gesperrt. Die Taxis sollen umgeleitet werden – wohin, ist aber noch nicht klar. Fest steht, die Situation am Hauptbahnhof wird vorerst nicht besser. Das hat jetzt auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung erkannt und eine Untersuchung in Auftrag gegeben. „Die Tatsache, dass die Verkehrssituation analysiert wird, zeigt doch, dass wir die Kritik ernst nehmen“, sagt Petra Rohland, Sprecherin der Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Dass die Senatsverwaltung ein unzureichendes Verkehrskonzept viel zu spät nachbessere, glaubt Frau Rohland nicht. „Da wird nicht nachgebessert. Man darf nicht vergessen, dass das Umfeld des Hauptbahnhofs noch lange nicht fertig ist.“ Verbesserungen seien nach Abschluss der Untersuchung sicher möglich, große Veränderungen etwa bei der Taxi-Vorfahrt aber nicht zu erwarten. „Es war politischer Wille, die Vorplätze möglichst frei zu lassen“, betont Rohland.

Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband Igeb will sich mit dem Verfahren nicht zufrieden geben. „Wir brauchen kein verordnetes, sondern ein mit allen Beteiligten erarbeitetes Verkehrskonzept für den Bereich um den Hauptbahnhof. Dafür ist dringend ein Runder Tisch mit Experten und Interessenvertretern nötig“, fordert Wieseke. Es sei unglaublich, dass ein solch anspruchsvolles Bauwerk ohne umfassende Infrastruktur geplant wurde.

Unterstützung bekommt der Fahrgastverband von ungewohnter Seite. Auch die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) fordert, „dass endlich ein umfassendes Verkehrskonzept erstellt wird“. Es sei allerhöchste Zeit, sagt Petra Reetz. Bei all den vielen Baustellen müsse man dem Fahrgast endlich ein Leitsystem bieten, mit dem er sich zurecht finde. Dass die zeitweise verlegten Bus-Haltestellen der BVG derzeit keine ausreichenden Wartehäuschen haben, erklärt Petra Reetz mit „städtebaulichen Gründen“. Wenn die Haltestellen wieder an ihren angestammten Plätzen sind, werde es auseichend Unterstellmöglichkeiten geben. Öffentlicher Nahverkehr sei nicht per se attraktiv, sagt Petra Reetz und ergänzt: „Man muss schon etwas dafür tun“.

Die BVG hofft, mit ihren in die Heidestraße verlegten Haltestellen wieder bald an die Invalidenstraße zu ziehen. „Da gehören wir hin.“ Dass eine größere Bushaltestelle direkt vor dem Hauptbahnhof natürlich die beste Lösung gewesen wäre, steht für die BVG-Sprecherin außer Frage. Verbesserungswürdig finde sie als Kundin der Bahn allerdings auch das Leitsystem im Bahnhof. „Die gesamte Beschriftung ist zu mickrig." Es gebe ein bundesweit einheitliches Info-System, das keinen Unterschied mache, ob der Bahnhof in einer Kleinstadt oder in einer Metropole liege, sagt Matthias Horth von der Igeb an die Adresse der Deutschen Bahn. Dort heißt es nur, es gehe um eine „einheitliches Erscheinungsbild“. Dass in Europas größtem Kreuzungsbahnhof nicht einmal Tafeln mit Fahrzeiten und Lageplänen der einzelnen Buslinien stehen, geschweige denn auf die Richtung der West- und Ost-City hingewiesen wird, sieht man bei der Bahn nicht als Problem. „Wir haben dafür keinen Platz“ sagt ein Sprecher. Und er ergänzt: „Das Info- und Leitsystem ist bestens.“