Lehrter Straße

Neues Quartier am Hauptbahnhof geplant

Mit dem Bauvorhaben "Lehrter Straße" plant Berlin bereits das vierte Stadtquartier unmittelbar am Hauptbahnhof. Mit einer Fläche von 6,5 Hektar ist das Areal östlich der Lehrter Straße zwar vergleichsweise klein. Dennoch kommt dem Planungsgebiet eine wichtige Rolle zu.

Foto: Vivico Real Estate GmbH

Die großzügigen Freiflächen rund um den 2006 eröffneten, unmittelbar am Regierungsviertel gelegenen Hauptbahnhof haben von Beginn an die Fantasie der Stadtplaner, Politiker, Investoren und Architekten beflügelt. Ungeachtet der Tatsache, dass bislang auf dem Reißbrett schon viel geplant, aber nur wenig gebaut wurde, wird nun den bislang drei großflächigen Entwicklungsgebieten Europacity, Lehrter Stadtquartier und Humboldthafen ein weiteres zur Seite gestellt: Das mit 6,5 Hektar vergleichsweise kleine Planungsgebiet "Lehrter Straße". Ihm kommt eine wichtige Rolle zu: Es soll die Großvorhaben "Europacity" (40 Hektar), "Lehrter Stadtquartier" (17 Hektar) und "Humboldthafen" (10 Hektar) mit der gewachsenen Stadtstruktur in Moabit verbinden.

Für das heute weitgehend brachliegende Areal östlich der Lehrter Straße wurde jetzt ein Gutachterwettbewerb entschieden, der in der kommenden Woche der Öffentlichkeit präsentiert wird. Neben dem Planungsamt Mitte sowie dem Haupteigentümer der Flächen, der Vivico Real Estate, waren auch Anwohner in der Jury vertreten. Nach dem Siegerentwurf der Architekten Carpaneto Schöningh und FAT Koehl soll ein Mix aus 300 Wohnungen, Einzelhandel, Gastronomie und Gewerbe, Grünanlagen, ein Stadt- sowie ein Spielplatz entstehen. Das Planungsgebiet soll durch eine Fußgängerbrücke über die Bahntrasse mit der neuen Europacity verbunden werden. Über einen neuen Stadtplatz an der Lehrter Straße soll es zudem einen direkten Zugang zum bestehenden Sportpark Poststadion bekommen.

Südlich der Turmstraße wohnen Leute mit viel Geld

Die Sorge, dass angesichts der vielen Baugebiete am Regierungsviertel, die nun um Investoren buhlen, nur noch auf Einzelarealen gekleckert, aber nirgendwo richtig geklotzt wird, teilt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) indes nicht: „Das neue Projekt ist alles andere als größenwahnsinnig“. Vielmehr handele es sich bei dem Vorhaben um ein eng mit dem Moabiter Kiez verbundenes „Graswurzelprojekt“, das sich an ganz andere Zielgruppen richte als die Europacity oder auch der Humboldthafen. „Hier werden nicht große Entwicklungsträger angesprochen, sondern kleinere Bauherren oder auch Baugruppen“, ist Gothe überzeugt. Die Entwicklung des Areals werde deshalb auch viel schneller als auf den Nachbararealen voranschreiten: „Hier wird gezielt die Klientel aus der Nachbarschaft angesprochen.“ Und die sei, anders als der Ruf Moabits als Armenhaus Berlins vermuten lasse, durchaus finanzstark. „Südlich der Turmstraße wohnen Leute mit viel Geld, die es allerdings bislang woanders ausgeben“.

Die "Süddeutsche Zeitung" hatte das Jubiläumsdatum 9. November 2009 jüngst dazu genutzt, Berlin die Verfehlung der selbst gesteckten „euphorischen Pläne“ zu attestieren, sich „als weltweit erste Adresse für neue Architektur“ zu positionieren. Stattdessen sei „rund um den Berliner Hauptbahnhof im Lauf der lokalen Neuplanungen die Wüste Gobi herangewachsen“.

Einen Vorwurf, den man in der Verwaltung von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) für ungerechtfertigt hält. „Die Zeiten, wo man wie am Potsdamer Platz große Quartiere innerhalb weniger Jahre bauen konnte, sind vorbei“, räumt ihre Sprecherin Petra Rohland ein. Jetzt müssten die Stadtquartiere eben „organisch wachsen“, und das dauere. Dafür die „lokalen Neuplanungen“ zu diffamieren sei schlicht falsch: „Das Gegenteil ist richtig. Durch unsere Planungen schaffen wir ja die Voraussetzung dafür, dass attraktive Quartiere sukzessiv entstehen können.“

So sieht es auch die Vivico, die neben der Deutschen Bahn AG und dem Land Berlin zu den größten Grundstücksbesitzern im Umkreis des Bahnhofs gehört. „Im Gegensatz zur Revolution am Potsdamer Platz betreiben wir hier eine Evolution“, beschreibt Vivico-Sprecher Wilhelm Brandt. Und die Tatsache, dass noch viel zu tun sei, dürfe nicht den Blick verstellen auf das, was bereits erreicht wurde. „Wir haben den Kunstcampus hinter dem Hamburger Bahnhof als ersten Bestandteil der Europacity gestaltet.“ Die Meininger-Gruppe habe vor wenigen Wochen das erste Hotel direkt am Hauptbahnhof eröffnet. Und in das „Lehrter Stadtquartier“ am Hauptbahnhof komme jetzt richtig Bewegung: Das Mineralölunternehmen Total will im Frühjahr 2010 mit dem Bau eines neuen Firmensitzes beginnen. Geplant ist ein 16-geschössiges Hochhaus.

Planungszeitraum von 15 Jahren

„Dass es angesichts der Finanzkrise Verzögerungen geben wird, ist klar“, sagt der Vivico-Sprecher. Allerdings sei das Projekt Europacity von vornherein auf einen Planungszeitraum von 15 Jahren angelegt: „Wir haben gerade erst im Mai 2009 den Masterplan für das Gebiet verabschiedet“, sagt Brandt. Hinter dem Hamburger Bahnhof, wo Galerien bereits die Pioniere sind, soll die Stadt der Zukunft entstehen. Entlang der Heidestraße sind auf einer 40 Hektar großen Fläche 1800 Wohnungen, Gewerbe-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen geplant.

Am Humboldthafen, wo das Land Berlin derzeit dabei ist, über den Liegenschaftsfonds mehrere Baufelder mit einer Fläche von insgesamt 9,4 Hektar zu vermarkten, ist ebenfalls ein Quartier mit Wohnungen, Galerien und Büros geplant. Als Leuchtturm-Projekt sollte dort die vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) projektierte „Berliner Kunsthalle“ wirken. Doch die rot-rote Koalition genehmigte die dafür nötigen Gelder nicht. Nun muss der Humboldthafen ohne dieses Zugpferd auf Investorensuche gehen. „Wir vertrauen darauf, dass die attraktive Lage eine Eigendynamik entwickelt, wenn die ersten größeren Bauvorhaben realisiert sind“, so Petra Rohland.

Die Pläne zum neuen Quartier werden am 24.11. um 18 Uhr in der Stadtmission, Lehrter Straße 68, vorgestellt.