Bezirkstour

Heinz Buschkowsky zeigt Wowereit sein Neukölln

Die Berliner Bezirkstour des Regierenden Bürgermeisters endet in Neukölln. Diese letzte Fahrt durch den Kiez hat Bezirksbügermeister Heinz Buschkowsky zusammengestellt. Dabei sah Wowereit nicht nur Erfolgsgeschichten.

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Nach mehr als drei Stunden brachte es Yachya Rmeid auf den Punkt. „Ich habe ein Fragezeichen auf dem Kopf“, sagte der 18-jährige Schüler der Otto-Hahn-Schule in Neukölln. Er sei in Berlin geboren und aufgewachsen, habe den mittleren Schulabschluss (MSA) und mache jetzt sein Abitur. „Bin ich integriert“, fragte er in die Runde. „Ich weiß es nicht.“ Was für den 18-jährigen Rmeid gilt, gilt für Tausende Jugendliche, die als Kinder von Einwanderern in Berlin geboren sind: Sie alle sehen sich gegenwärtig einer großen Integrationsdebatte ausgesetzt.

Für seinen zwölften und letzten Bezirksbesuch hatte sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) etwas Besonderes ausgesucht. Er ließ den schillernden Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) eine Tour durch den Bezirk zusammenstellen. Buschkowsky nahm das Angebot an, sagte aber gleich zu Beginn, er wolle im Gegensatz zu den anderen Bezirken nicht nur die Erfolgsgeschichten präsentieren, sondern das echte Leben auf der Integrationsbaustelle Neukölln zeigen.

So ging es am Morgen mit dem Besuch in der Sonnen-Schule los. Die Lage sei unverändert dramatisch, sagten die Lehrer der Grundschule. Der Migrantenanteil liege bei fast 90 Prozent, und viele Kinder stammten aus bildungsfernen Familien. Der Bildungsauftrag der Schule sei unter diesen Bedingungen nicht zu bewältigen. Es brauche mehr Geld und mehr Lehrer, um Kinder, die bei der Einschulung die Farben nicht unterscheiden könnten und Spielzeug nicht kennten, einen Weg in ein geregeltes Schulleben zu ebnen. Vor allem das offensichtliche Desinteresse der Eltern an der Zukunft ihrer Kinder behindere jeden Lernerfolg.

Ganz anders zeigte sich die Situation dagegen auf dem Rütli-Campus. In nur vier Jahren hat sich das Bild der einstigen Skandalschule vollständig geändert. Im vergangenen Jahr beendeten 120 Jugendliche die Schule. 36 davon erreichten die Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe, nur zwei Schüler verließen die Schule ohne Abschluss, berichtete Schulleiterin Cordula Heckmann stolz. Vor vier Jahren waren es noch zehnmal so viele. Gewalt spiele keine Rolle mehr, ebenso das Schwänzen. „Das ist eine Revolution, die hier stattgefunden hat“, sagt Buschkowsky. Dabei habe sich die Ausgangssituation im Problemkiez Nordneukölln nicht geändert. Auch hier liege der Migrantenanteil unvermindert bei fast 90 Prozent. Rütli sei der Beweis, dass es die naturgesetzliche Entwicklung zum Slum nicht gebe, sagte Buschkowsky. „Alles hängt vom Engagement der Beteiligten ab.“ Wowereit hörte es mit Freude. Rütli zeige, dass die Zeiten, in denen sich Schulen gegen andere Institutionen abschotteten, vorbei seien. „Schulen müssen Mittelpunkt und Ausgangspunkt für eine weitreichende Vernetzung sein“, sagte Wowereit. Das Beispiel zeige, dass Integration in der Stadt gelinge.

Die Rütli-Schule als Großprojekt

Das Projekt Rütli ist dafür das herausragende Beispiel. Die ganze Rütlistraße soll nach den Planungen des Bezirks künftig zum Campus gehören. Im kommenden Jahr fangen die Bauarbeiten für eine Sport- und Freizeithalle an, auf der anderen Straße ist ein Eingangsplatz mit Elternzentrum, einer für alle Nachbarn offenen Werkstatt und einem Rütli-Shop geplant.

Das rufe natürlich auch Neid bei anderen Schulen hervor, räumte Buschkowsky ein. „Natürlich geht’s ums Geld, um was denn sonst.“ Er wünsche sich, dass die Gesellschaft zur Kenntnis nimmt, dass der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in ganz Berlin bei 35 Prozent liege. „Es wird aber keinen Wohlstand in Deutschland geben, ohne diese Kinder“, sagte der Bezirksbürgermeister. Deswegen sei es umso wichtiger, nach dem Vorbild der Rütli-Schule weitere Schulen zu schaffen. „Das kostet Geld, Hartz IV kostet aber auch Geld.“ Wer die Jugendlichen zu einem Schulabschluss und einem geregelten Leben führe, spare aber die Folgekosten Hartz IV und für Gefängnisaufenthalte.

Wowereit hält sich mit klaren Aussagen dazu zurück. Dass alle Schulen für den Ganztagsbetrieb umgerüstet werden, „müssen wir schaffen“, sagt er. Auch mehr Sozialarbeiter und Erzieher an den Schulen seien wünschenswert. Die Einführung einer Kita-Pflicht, um Sprach- und soziale Defizite auszugleichen, sieht er dagegen momentan nicht. Er sehe, dass sich die Dinge in Neukölln auch positiv verändern. „Das ist die gute Botschaft, die vom sonst so gescholtenen Neukölln ausgehen kann.“

Ein paar Hundert Meter hinter der Otto-Hahn-Schule besuchte Wowereit auch den Familienbetrieb Testorp. Die mittelständische Wäscherei ist in vierter Generation in Familienbesitz. Der Sohn des aktuellen Chefs, Julius Testorp, bereitet sich gerade darauf vor, die Firma in fünfter Generation zu übernehmen. Testorp beschäftigt 140 Mitarbeiter und bildet zehn Lehrlinge aus. Die Wäscherei hat elf Partnerschaften mit Schulen und Ausbildungszentren, um geeigneten Nachwuchs für das Unternehmen zu finden. Hier ist von den zuvor beschriebenen Bildungserfolgen noch nichts zu bemerken. Das Niveau der Bewerber sei erschütternd. Bei den Hauptschulabgängern, die sich für die Ausbildung zum Textilreiniger bewerben, seien die Grundrechenarten nicht bekannt, sagt Produktions- und Ausbildungsleiter Burkhard Schories. „Das Bildungsniveau und Sozialverhalten ist katastrophal.“ Dabei spiele die Herkunft keine Rolle. Schulabgänger müssen daher zuerst ein ein- bis neunmonatiges Praktikum absolvieren, bevor sie einen Ausbildungsplatz erhalten.

Bliebe die Frage des 18-jährigen Yachya Rmeid. „Bin ich integriert?“ Sein Schulkamerad Ugur Adigüzel beantwortet die Frage: „Sie können nicht sagen: ,Integriert euch!‘, und wenn wir das machen, sagen: ,Nein, ihr habt schwarze Haare, ihr seid trotzdem keine Deutschen.‘“ Beide fühlen sich natürlich integriert und können mit der Diskussion rund um die umstrittenen Thesen des ehemaligen Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD) nichts anfangen. Auch die Deutschen ohne Migrationshintergrund müssten sich bewegen und akzeptieren, dass auch sie Deutsche seien.