MitternachtsSport

Boateng unterstützt Integrationsprojekt in Berlin

Jérôme Boateng gibt "MitternachtsSport" ein Gesicht. Das Berliner Sozialprojekt vermittelt über den Fussballsport Regeln für das Zusammenleben und holt Jugendliche von der Straße.

Foto: Reto Klar

Meine Stadt, mein Verein, mein Projekt: Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng soll dem Verein „MitternachtsSport“ ein Gesicht geben. Dabei gibt es das mit Ismail Öner im Grunde schon. Doch der Sozialpädagoge möchte für die gestrauchelten Jugendlichen weniger Vorbild, sondern vielmehr großer Bruder sein, auf die jungen Leute aufpassen, statt nur als gutes Beispiel voranzugehen. Issi Arbi nennen sie ihn wegen dieser Rolle. Arbi bedeutet Bruder auf Türkisch. Und Issi Arbi findet: Ein Fußballnationalspieler mache sich als Identifikationsfigur für die Jugendlichen einfach besser.

Während er das sagt, steht er auf der Zuschauertribüne in der Sporthalle der Berthold-Brecht-Oberschule in Spandau, verfolgt das mitternächtliche Fußballspiel in der Sporthalle und guckt streng. Ein Jugendlicher hat seinen Gegenspieler beleidigt. Nach dem Abpfiff entschuldigt sich Mustafa Canseven (21) schnell bei ihm: „Ey Issi, ich habe nicht gemerkt, dass eine Dame anwesend ist.“ Aber auch sonst hätte der Sozialpädagoge diesen Verbalausfall auf dem Spielfeld nicht durchgehen lassen. Es ist vertragswidrig, seine Gegenspieler beim Kicken zu beleidigen. Mit dem Überschreiten der Türschwelle willigen die mehr als hundert 16- bis 25-Jährigen jeden Freitag ab 21.30 Uhr ein, diese Regel für die nächsten sechs Stunden zu akzeptieren. Wenn sie es vergessen, erinnert sie der 32-jährige Öner prompt.

Respekt, Toleranz, Fairplay sind seine „goldene Regeln des Zusammenlebens“. Sie sollen helfen, Affekte zu kontrollieren. Denn mit Intensivtätern, Migranten, Kindern aus sozial schwachen, aber auch aus gut situierten Familien treffen hier Jugendliche aufeinander, die sich im Alltag eher aus dem Weg gehen. Da sind Konflikte programmiert, doch: „Was draußen schnell zur Eskalation führt, wird in der Sporthalle durch einen Handschlag erledigt“, sagt Öner. Bisher habe es keinen nennenswerten Vorfall gegeben.

Fünf gegen Fünf spielen die Jugendlichen unten auf dem Fußballfeld. Ohne Torwart, ohne Schiedsrichter. Der Gefoulte entscheidet selbst über die Strafe für den Gegner. Der „FC Barcelona“ trifft auf die „Soccer Kings“, der „FC Kurdistan“ auf die „Türkei All Stars“. Die Namen der Mannschaften sind frei erfunden, doch immer schwingt ein Stück Identität mit. Trotz unterschiedlicher Religionen, Hautfarben und Ethnien geht es in der Sporthalle der Berthold-Brecht-Oberschule sehr familiär zu. „Revolutionär“ nennt Ismail Öner die Idee des Mitternachts-Fußballs. Denn eine von den insgesamt 60 Sporthallen in Spandau um diese Uhrzeit zu öffnen, schien 2007 noch unmöglich. Kein eingetragener Sportverein, dazu noch eine große Gruppe mit der Polizei bekannten Jugendlichen – die bürokratischen Hürden waren hoch.

Doch Ismail Öner fand einen Weg; seit fast vier Jahren konkurriert er bei den Jugendlichen mit dem Mitternachtsfußball gegen die Verlockungen der Straße. Sein Erfolgsrezept ist die Kombination von sozialpädagogischer Arbeit mit körperlicher Anstrengung. Auspowern statt ausflippen. Außerdem: „Freitags erfahre ich von den Sorgen und Nöten, montags kann ich sofort intervenieren“, sagt Öner. Ein eigenes Büro hat er nicht, dafür fehlt das Geld. Deshalb ist der Sozialpädagoge vormittags viel in Schulen und nachmittags in Jugendeinrichtungen unterwegs, damit der Funke auf die Jugendlichen überspringt: „Wir wollen das erfolgreichste Projekt in Berlin werden.“ Doch dafür muss das Angebot den Nerv der Zeit treffen.

Statt auf Spektakel setzt Öner auf Kontinuität. Und auf Jérôme Boateng. „MitternachtsSport“ soll eine eigene Marke werden, mit dem Fußball-Nationalspieler als Pate ein Alleinstellungsmerkmal aufweisen, sich dadurch von anderen Projekten abheben: „Jérôme passt als Person perfekt. Er kommt aus Berlin, lebt in Spandau – mit ihm können sich die Jugendlichen sehr gut identifizieren.“ Bald schon soll das Gesicht des Fußballers auf T-Shirts stehen, die Öner an Schulen und Jugendeinrichtungen dann verteilen will.

Denn eigentlich ist „MitternachtsSport“ ja sein Projekt, doch darüber redet „Issi Arbi“ nicht gerne. Und wenn doch, dann wirkt er gehetzt. Öner ist klein und drahtig, hat kurze schwarze Haare und wache Augen. Mit ihnen fokussiert er sein Gegenüber, wenn er von seinem Projekt erzählt. Kurze Sätze, hastige Atempausen, viele Informationen. Ismail Öner möchte seine Botschaft schnell loswerden, seine Geschichte erzählen: Wie er für sein Projekt das Gesicht fand, nach dem er so lange gesucht hatte. Der Kontakt zu Jérôme Boateng kam über einen ehemaligen Schützling Öners zustande; Sherin Senler ist mit Jérôme Boateng liiert. „Unsere Sherin?“, fragte Issi Arbi damals ungläubig. Er hatte die Spandauerin in einer Sozialreinrichtung acht Jahre lang betreut. Zögernd fragte er sie nun, ob ihr Ehemann, der Nationalspieler, wohl die Patenschaft für sein Fußballprojekt übernehmen würde. Sherin gab ihm die Nummer des Mobiltelefons ihres Mannes; Ismail Öner zögerte einen Tag, bis er sie wählte: „Gib mir dein Gesicht, deinen Namen und lasse deine Kontakte spielen“, bat er Boateng. Der willigte ein. Im September 2010 gründeten Ismail Öner und Jérôme Boateng dann gemeinsam den Verein „MitternachtsSport – Verein für interkulturelle Jugendarbeit Berlin“. „Meine Stadt, mein Verein, mein Projekt“ ist der Leitspruch.

Es geht um Integration und Identifikation. 75 Prozent der Teilnehmer des „MitternachtsSports“ kommen aus sozial schwachen Familien. So wie Ismail Öner, der in einem sozialen Brennpunkt in Spandau aufgewachsen ist, den seine Bewohner Mau-Mau-Siedlung nennen. „Das Umfeld war rau, die Nestwärme war groß“, sagt er. Als Sohn kurdischer Einwanderer und als jüngstes Kind von sieben Geschwistern lernte Öner früh, sich durchzuboxen, auf seine Stärken zu vertrauen. „18 Mal versuchte meine Grundschullehrerin, mich auf die Sonderschule abzuschieben“, erzählt Ismail Öner. Sie scheiterte am energischen Widerstand seiner Eltern. Sein Abitur machte Öner an der Martin-Buber-Oberschule und studierte an der FU Berlin Sozialpädagogik. Seine Diplomarbeit schrieb er 2005 über den Einfluss des Gefühls bei Migranten, nicht dazuzugehören, und über den großen Stellenwert einer funktionierenden Vater-Sohn-Beziehung für soziale Integration. „Du bist immer der, der durch das Raster fällt“, sagt Ismail Öner. „Das tut verdammt weh. Aber die Erfahrungen machen auch stark. Das will ich auch den Jugendlichen vermitteln.“ Sein Vater Yilmaz Öner ist dabei sein Vorbild – „der erste inoffizielle Sozialarbeiter mit Migrationshintergrund“. Von ihm übernahm er dessen Umtriebigkeit. Und die systematische Vernetzung. Wenn nicht den Vater, dann kennt Ismail Öner eben den Bruder, den Onkel oder den Nachbarn – irgendwie ist er mit den Jugendlichen, die er betreut, immer verbunden. Das schafft ebenso Vertrauen wie der Ausflug nach Liverpool, der nun ansteht. Am 12. April fliegen sie für zwei Tage nach England – der FC spielt gegen Manchester City. Jérôme Boateng hat sie eingeladen, zahlt Flug und Hotel für 20 Jugendliche.

Firut Baramel (20), Serkan Özgen (23) und Serhat Kelleci sind drei von ihnen. Sie freuen sich auf den Trip, mögen den Nationalspieler, aber ein Vorbild ist er für sie nicht, das ist nämlich ist längst ihr „großer Bruder“ geworden: „Egal mit welchem Problem wir zu Issi kommen, er hilf immer. Das ist genial“, sagt Serkan. Für ihn ist Issi Arbi das Gesicht des Vereins.