Mehr Studenten

Wie Berlins Unis den Ansturm bewältigen wollen

Im Oktober wird die Zahl der Berliner Studienanfänger auf 28.500 steigen. Das sind 1500 mehr als ursprünglich geplant. Der Ansturm durch die Aussetzung der Wehrpflicht stellt die Hochschulen vor neue Herausforderungen.

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Schon jetzt sind die Vorlesungssäle überfüllt, sagt Ben Stotz, Studentenvertreter der Freien Universität (FU). Besonders bei Grundlagenkursen der Bachelor-Studiengänge, etwa Volkswirtschaftslehre, gebe es in den Räumen der Hochschule keinen freien Zentimeter mehr. Seminare, die zu den Vorlesungen angeboten würden, seien häufig so stark nachgefragt, dass nicht alle Studenten daran teilnehmen können. „Und jetzt kommen noch mehr Studenten an die Unis.“

1500 neue Studienplätze wollen die Berliner Hochschulen im Oktober zusätzlich bereitstellen. Damit steigt die Zahl der Plätze für Studienanfänger in Berlin auf 28.500. Vom Bund bekommen die Universitäten dafür insgesamt 70 Millionen Euro. Die 1500 Studienplätze sind jedoch bereits seit Längerem geplant, eingeführt werden sollten sie allerdings erst im kommenden Jahr, wenn der doppelte Abiturientenjahrgang in Berlin an die Universitäten drängt. Grund für den neuen Anstieg ist die Aussetzung der Wehrpflicht. Die Aufstockung wurde nun für die an den Unis erwarteten 1430 Berliner Wehrdienstbefreiten ein Jahr vorgezogen.

„Natürlich muss die Bundesregierung auf die Aussetzung der Wehrpflicht reagieren und Studienplätze ausbauen“, sagt Ben Stotz, der Religionswissenschaften und Amerikanistik studiert. Doch 1500 Studienplätze seien nicht genug, denn auf jeden Studienplatz hätten sich im Durchschnitt im vergangenen Jahr rund vier Abiturienten beworben. Und dies aus dem ganzen Bundesgebiet. „Als Folge werden die Zulassungsbeschränkungen weiter steigen“, kritisiert Stotz. In Berlin gebe es bereits jetzt keinen Studiengang mehr, der nicht mit dem sogenannten Numerus Clausus belegt sei – also eine Abitur-Mindestnote für die Zulassung erfordere.

Ben Stotz, der im Allgemeinen Studierendenausschuss (Asta) aktiv ist, setzt sich für einen möglichst ungehinderten Zugang an den Hochschulen ein. „Es kann nicht sein, dass Abiturienten mit einer Note 1,3 in Berlin keinen Studienplatz finden.“ Und auch Bachelor-Studierende seien betroffen. Da sich die Studierenden mit einem Bachelor-Abschluss nur schlecht auf dem Arbeitsmarkt behaupten könnten, seien sie gezwungen, den höherwertigen Master-Abschluss zu machen. „Dort gibt es allerdings auch wieder einen teils hohen Numerus Clausus.“ Er habe Kommilitonen, die trotz eines Bachelor-Abschlusses mit der Note 1,6 kein Anschlussstudium in Berlin gefunden hätten.

Die Berliner Hochschulen sind nicht begeistert darüber, den nach der Aussetzung der Wehrpflicht zu erwartenden Studentenansturm auffangen zu müssen. Aber sie fühlen sich verantwortlich für eine qualifizierte Ausbildung der jungen Menschen. Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität und Vorsitzender der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten, kündigte am Freitag an, mit verschiedenen Strategien vorgehen zu wollen.

Neue Stellen für Juniorprofessoren

Geplant sei unter anderem die Ausweitung von E-Learning-Plattformen, also des Lernens mithilfe des Internets. „So können wir besonders die Grundlagenkurse an den jeweiligen Studiengang individuell anpassen“, sagte Alt. Vorlesungen können in E-Learning-Foren mit jedem internetfähigen Gerät abgerufen werden. „So können wir die begrenzten Universitätsräume effizienter nutzen.“

Zudem werde man das Personal aufstocken. Alt sagte, dass sich besonders das Modell der Juniorprofessur bewährt habe. So könne man Nachwuchswissenschaftlern eine adäquate Arbeitsstelle anbieten. Teilweise will der FU-Präsident auch Forscher von außeruniversitären Einrichtungen wie dem Max-Planck-Institut in die Lehre einbinden. „Die haben ein Interesse daran und können über Drittmittel öffentlicher Einrichtungen finanziert werden.“

Die Studierenden befürchten trotzdem, dass sich die Lehre verschlechtert. „Für die Forschung ist immer Geld da“, kritisierte Ben Stotz. Etwa bei der Exzellenzinitiative, einem mit 1,27 Milliarden Euro dotierter Wissenschaftswettbewerb von Bund und Ländern. Die Trennung von Lehre und Forschung an den Universitäten nehme zu. Deshalb planen die Studierenden Protestaktionen – am Sonntag auf dem Parteitag der Linken und im April an den Universitäten.