Arbeitsmarkt

30.000 Osteuropäer wollen in Berlin Jobs suchen

Am 1. Mai fallen die Arbeitsmarkt-Beschränkungen für die EU-Beitrittsländer. Dann werden mindestens 30.000 Osteuropäer in Berlin auf Jobsuche gehen. Eine neue Studie zeigt Chancen für Gastronomie und Industrie, offenabr aber auch Gefahren.

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Berlin muss sich auf den Zuzug von mehreren Zehntausend Arbeitnehmern aus Osteuropa einstellen. Grund dafür ist, dass von Mai an die letzten Beschränkungen für Menschen aus den EU-Beitrittsländern für den deutschen Arbeitsmarkt fallen. Erstmals gibt es nun konkrete Berliner Zahlen: Nach einer Analyse der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg werden etwa 34.000 Menschen in den nächsten vier Jahren zusätzlich auf den Arbeitsmarkt der Region drängen.

Das wäre eine Vervierfachung der bisherigen Zahl. Betrachtet wurden nur die legalen Arbeitsverhältnisse. Befürchtet wird außerdem, dass in bestimmten Bereichen die Schwarzarbeit zunimmt. Die Wirtschaftsverbände gehen zudem davon aus, dass der Fachkräftemangel durch den Zuzug nicht behoben wird.

Ab dem 1.Mai gilt für Menschen aus den acht mittel- und osteuropäischen Staaten die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Jeder kann sich einen Job jenseits des eigenen Arbeitsmarktes innerhalb der Europäischen Union suchen. Bisherige Beschränkungen entfallen. Diese Freizügigkeit gilt für Arbeitnehmer aus Estland, Lettland, Litauen, Polen, der Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Die Analyse der Arbeitsmarktexperten geht davon aus, dass die Zuwanderung vor allem die wirtschaftlich starken Regionen in Deutschland, also den Süden und Westen, betrifft.

Insgesamt rechnet die Arbeitsagentur mit 100.000 bis 150.000 Zuwanderern in Deutschland. Aber auch die Metropolenregion Berlin-Brandenburg wird eine Anlaufstelle für Jobsuchende aus Osteuropa sein. In einer weiteren Modellrechnung der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg, die die bisherige regionale Verteilung der Migration in Deutschland anhand des Bevölkerungsanteils an Ost- und Mitteleuropäern in den Mittelpunkt stellt, kämen nach Berlin jährlich etwa 10.000 Arbeitssuchende. 2000 Menschen würden sich auf Jobsuche in Brandenburg machen, so die Analyse.

Die Handwerkskammer geht davon aus, dass ein großer Teil der Arbeitssuchenden aus Polen und den baltischen Staaten wegen der räumlichen Nähe nach Berlin drängt. Zu diesem Schluss kommt auch Wolfgang Maennig. Der Wirtschaftswissenschaftler der Universität Hamburg, der in Berlin promovierte, geht davon aus, dass vor allem die großen Metropolen Zuwanderer anziehen. „Nach bisherigen Erfahrungen wandern insbesondere jüngere Menschen nach Deutschland, und sie bevorzugen größere Städte“, so Maennig. Dabei spielte neben den Jobangeboten auch die Verkehrsanbindung an die Heimat eine Rolle bei der Standortwahl. Berlin, Leipzig und Dresden liegen nahe an der deutschen Grenze nach Osten, analysierte Maennig.

Fehlende Fachkräfte

Auch wenn Tausende Arbeitnehmer kommen, wird dies den Fachkräftemangel in der Region nicht beheben. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK), Christian Wiesenhütter, sagt: „Zuwanderung aus den europäischen Nachbarländern wird alle Probleme bei der Fachkräftesicherung kaum lösen können. Sie ist ein unverzichtbarer Baustein einer umfassenden Fachkräftestrategie für Berlin, muss aber durch eine gezielte Fachkräfteansprache und passendes Standortmarketing ergänzt werden.“

Wie aus einer noch nicht veröffentlichten Umfrage der IHK hervorgeht, geht die Mehrheit der 317 befragten Berliner Unternehmen nicht davon aus, dass es zu einer deutlichen Entspannung der Lage am Fachkräftearbeitsmarkt kommt. Demnach glauben 76,2 Prozent, dass die Freizügigkeit sich neutral auf dem Arbeitsmarkt auswirkt. 15,2 Prozent haben positive Erwartungen. Vor allem in der Industrie und im Gastgewerbe hofft man auf neue Arbeitnehmer aus Osteuropa.

In der Baubranche und im Handel sieht man die Öffnung der Arbeitsmarktgrenzen skeptisch. Negative Erwartungen an die Ost-Öffnung haben 8,5 Prozent der befragten Betriebe. Die Arbeitgeber der Baubranche sehen die Öffnung des Arbeitsmarkts kritisch. Die Wettbewerbssituation werde sich zulasten der deutschen Betriebe verschlechtern, befürchtet die Fachgemeinschaft Bau. Auch bei der Gewerkschaft sieht man die Öffnung kritisch. So könnte es laut IG Bau dazu kommen, dass viele polnische Bauarbeiter, die in den vergangenen Jahren in England und Irland gearbeitet haben, wegen des dort zusammenbrechenden Baumarkts nach Berlin drängen.

Gewerkschaft in Sorge

Die Gewerkschaft befürchtet ein Lohndumping. Frank Schmidt-Hullmann, Leiter der Abteilung Internationales bei der IG Bau, sagte Morgenpost Online: „Wir erwarten, dass viele Firmen aus Osteuropa ihre Mitarbeiter nach Deutschland entsenden. Auch die Scheinselbstständigkeit wird zunehmen.“ In vielen Branchen jenseits des Baus, wo es ein Verbot gebe, werde es auch eine Zunahme der Leiharbeit geben.

Für Brandenburg und andere Flächenstaaten würden sich möglicherweise die Arbeitsbedingungen der Saisonarbeiter verschlechtern. Denn die bisherigen Standards wie der Mindestlohn würden mit dem 1.Mai aufgehoben.

Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls geht davon aus, dass viele Jobsuchende auf dem Berliner Arbeitsmarkt mit seiner schwierigen Situation keine Chance haben und in die Schwarzarbeit gedrängt werden, so ein Sprecher.

Politisch hat die anstehende Arbeitsmarktöffnung auch die Diskussion über den Mindestlohn erneut entfacht. Der Berliner Senat unterstützt eine Bundesratsinitiative aus dem Land Rheinland-Pfalz, in der ein genereller Mindestlohn gefordert wird.