Prekäre Beschäftigung

Forscher warnen vor Spaltung des Arbeitsmarktes

Die Mehrheit deutscher Arbeitnehmer hat zwar noch eine Vollzeitstelle. Doch die Zahl befristeter Verträge nimmt Experten zufolge stark zu.

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Allen Unkenrufen von Gewerkschaften und Opposition zum Trotz: Das Normalarbeitsverhältnis ist in Deutschland kein Auslaufmodell. Zwar haben Teilzeit, befristete Beschäftigung und Zeitarbeit – von den Gewerkschaften als „prekäre Beschäftigung“ bekämpft – in den vergangenen Jahren zugelegt. Doch der Regelfall ist immer noch die sozialversicherungspflichtige, unbefristete Vollzeitbeschäftigung außerhalb der Zeitarbeit – ihr Anteil an der Erwerbstätigkeit liegt bei 60 Prozent. Vor 15 Jahren waren es 66 Prozent.

„Die große Mehrheit der Arbeitnehmer erfreut sich weiterhin langer Betriebszugehörigkeit und stabiler Arbeitsplätze“, erklärte der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller, in Berlin. Die durchschnittliche Beschäftigungsdauer ist seit 1992 sogar noch gestiegen: von 10,3 Jahren auf 10,8 Jahre.

Vom Rückgang des Normalarbeitsverhältnisses sind aber nicht alle Gruppen gleich betroffen: Bei den Frauen ist er deutlich stärker als bei den Männern. Nur jede zweite Frau arbeitet Vollzeit und auf einer unbefristeten Stelle, bei den Männern sind es zwei Drittel. Auch die jungen Leute sind von dem Wandel stärker betroffen: Die Beschäftigungsdauer der Unter-30-Jährigen betrug früher 800 Tage. Heute sind es im Schnitt nur noch 600 Tage.

IAB-Direktor Möller warnte deshalb vor einer Spaltung des Arbeitsmarktes: „Die Arbeitswelt driftet auseinander.“ Jede zweite Neueinstellung ist inzwischen befristet. Vor zehn Jahren war es nicht einmal jede dritte. Insgesamt gibt es heute rund 2,7 Millionen befristet Beschäftigte, eine Million mehr als Mitte der 90er-Jahre. Die Teilzeitbeschäftigung hat sich in den letzten 15 Jahren auf 8,7 Millionen verdoppelt. Die Zahl der Zeitarbeiter verfünffachte sich auf rund eine Million. Hinzu kommen 4,8 Millionen Minijobber. „Das Normalarbeitsverhältnis ist nicht mehr so dominierend wie früher“, meinte IAB-Vizedirektor Ulrich Walwei. „Aber es ist kein Auslaufmodell.“

Mit dem Rückgang des Arbeitskräfteangebots durch den demografischen Wandel und dem zunehmenden Fachkräftemangel wandele sich der Arbeitsmarkt in einen „Verkäufermarkt“. Die Position der Arbeitnehmer und das Normalarbeitsverhältnis würden dadurch gestärkt. „Die Marktkräfte sollten nicht unterschätzt werden“, meinte Walwei. Davon profitieren würden aber in erster Linie die Höherqualifizierten. Zudem seien Teilzeit und flexible Beschäftigung „oft auch gewollt“, sagte Walwei – um Schule, Studium, Familie oder Pflege mit der Arbeit kombinieren zu können.

Die Politik sei durchaus in der Lage, den Wandel zu gestalten, sagte Walwei. So könne durch einen Ausbau der Kinderbetreuung die Erwerbstätigkeit von Frauen, die heute oft nur Teilzeit arbeiten könnten, erleichtert werden. Der IAB-Vizedirektor kritisierte auch die hohen Lohnnebenkosten, die den Einsatz regulärer Arbeit verteuern. Er plädierte für eine stärkere Steuerfinanzierung der Sozialsysteme. Für die Zeitarbeit schlug das IAB ein Stufenmodell vor, um Leiharbeitern schrittweise nach einem halben Jahr den gleichen Lohn wie Stammbeschäftigten zu verschaffen.