Nachruf

Wie Eisbär Knut Berlin und die Welt verzauberte

Er war der Superstar des Berliner Zoos. Doch Knut hatte es nicht leicht: Erst verstößt ihn seine Mutter, dann stirbt sein Pfleger Thomas Dörflein. Nun ist er selbst gegangen. Ein kurzes Eisbärenleben in elf Akten.

Berlin trauert und fragt sich: Warum Knut? Er war doch noch so jung! Hatte doch noch so viel vor: die Eisbärin fürs Leben finden, mit ihr kleine Knuts machen. Nun ist er tot. Knut, der Publikumsliebling, der Superstar des Zoos. Berlin trauert.

Knut hatte es nicht leicht in der so kurzen Zeit seines Lebens. Die schweren Wochen nach seiner Geburt. Er wird von seiner Mutter Tosca verstoßen, seinen Zwillingsbruder verliert er nach wenigen Tagen. Doch dann wird er von Menschenhand großgezogen und ein Medienstar – keine schlechte Leistung für einen so kleinen Eisbären.

Die Weltkarriere – alles hat er irgendwie gepackt, sogar seinen ersten Auftritt vor großem Publikum und den Fernsehkameras aus aller Welt, als der damalige Unweltminister Sigmar Gabriel (SPD) den Paten gab – und Knut auch zum Symbol für Umwelt- und Klimaschutz wird.

Eine sensationelle Karriere. Knut ist so etwas wie der Michael Jackson von der Spree. Sein Moonwalk ist der Tippelschritt mit Kuscheldecke, sein Song ist diese eisbärentypische Mischung aus Schnurren, Schnattern und Brabbeln, mit der er als Baby auf sich aufmerksam gemacht hat.

Alle Höhen und Tiefen durchlebt er. Auch die Zeit der familiären Finsternis – ein Leben mit Mama und zwei alten Tanten in einem Gehege. Das ist nicht komisch. So muss Knut lernen, was man unter Familien-Bande versteht. Den Rest kennen wir. Aber angefangen hat alles so. Sein Leben in elf Akten:

1. Akt: Knut wird am 5. Dezember 2006 geboren. A star ist born. Das erste Eisbärenbaby im Zoologischen Garten nach 33Jahren. Seine Mutter Tosca will von Bärchen aber nichts wissen. Sie kümmert sich nicht, verstößt ihn. Sein Zwillingsbruder stirbt daraufhin. Nur 810 Gramm wiegt der kleine Knut. Das ist nur wenig mehr als drei Päckchen Butter.

2. Akt: Die ersten Wochen im Brutkasten sind seine Überlebens-Chance. Knut ist winzig, kauert wie ein Hundewelpe unter dem rötlichen Licht in seiner Kiste. Sechs Wochen lang. Tierpfleger Thomas Dörflein kümmert sich um ihn. Dörflein wird zur Mutter, zum Vater, zum Spielgefährten. Und wie im richtigen Leben, entwickelt sich eine innige und eigenwillige Beziehung zwischen den beiden. Noch ahnt niemand, wie intensiv ihre Beziehung sein wird und welch dramatisches Schicksal den beiden bevorsteht.

3. Akt: Die Rettungsaktion spricht sich schnell herum in Berlin. Und obwohl noch niemand den Winzling offiziell gesehen hat, stehen schnell die Tierschützer auf der Zoo-Matte und stimmen in den Chor der Entrüsteten an. Ein Handaufzug eines Bären sei nicht artgerecht, sagen sie. Es hagelt Drohbriefe, die eine „Gegenrevolution“ der Berliner Knut-Fans zur Folge hat. Das Volk will seinen Knut. Die Liebe beginnt.

4. Akt: Die Weltpremiere Ende März 2007. Knut wird der Öffentlichkeit präsentiert. Hunderte von Journalisten rücken an, bauen ihre Kameras und Mikrofone rund um Knuts Gehege auf. Fernsehstationen aus aller Welt sind dabei, senden ihre Bilder und Berichte nach Südamerika, Japan, einfach überall hin. Knuts Fangemeinde wächst mit jedem Tag, jeder Minute. Berlin erlebt einen Medien-Hype, fast wie beim Fall der Mauer. Und das schafft ein Winzling. Psychologen werden befragt, warum das so ist. Am „Kindchenschema“ liegt es: Kleiner Körper, großer Kopf, große Augen. Das weckt unser Bedürfnis, ihn zu schützen. So einen muss man lieb haben. Die Kinder sind hin und weg, möchten Knut als Kuscheltier. Kriegen sie auch, dafür sorgt die Plüschtier-Industrie.

5. Akt: Der Zoo lässt sich den Namen Knut als Marke patentieren. Eine Bärenmarke sozusagen. Jetzt wird das große Geld mit dem Kleinen gemacht. Die Merchandising-Welle rollt und macht die altbewährten Berlin-Wahrzeichen arbeitslos: Für die interessiert sich kein Mensch mehr. Fernsehturm und Funkturm? Knut!

6. Akt. Neben Knut wird auch sein aufopferungsvoller Pfleger Thomas Dörflein berühmt. Der introvertierte und medienscheue Mann verbringt die Nächte bei Knut und geht nur nach Hause, um die Wäsche zu wechseln. Der „Bärenflüsterer“ stellt auch das Futter für den Kleinen zusammen. Zum Beispiel sein erstes Ostermenü: Katzenfutter mit Geflügel, angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen. Dazu Milch und Lebertran. „Gern frisst er auch durchgedrehtes Fleisch“, verrät Dörflein damals der Berliner Morgenpost, „zunehmend interessiert er sich für Äpfel, Birnen und Bananen. Eine ganz große Freude hat er an Weintrauben, weil er damit so schön spielen kann.“ Knut ist da vier Monate alt und bekommt noch keinen Fisch. Den würde er zwar wegputzen, aber die Gräten wären eine Gefahr für ihn. Und Fischstäbchen? Dörflein lacht: „Das wäre unwürdig – er ist immerhin ein Eisbär!“ Und zwar einer, der eine eigene TV-Sendung auf RBB bekommen wird. Knut, der Quotenbringer.

7. Akt. Juni/Juli 2008. Knut zieht die Massen an. Millionen kommen nur seinetwegen in den Zoo, nehmen lange Wartezeiten in Kauf. Knut erobert die Welt, schmückt internationale Titelblätter, schafft Illusionen. Er ist der richtige Star zur richtigen Zeit. Alle reden vom immer größer werdenden Ozonloch und vom Schmelzen der Gletscher. Der Lebensraum der Eisbären ist bedroht. Ihr medienwirksamster Mitstreiter ist ein kleines Bärchen. Ein Robin Hood. Aber er hat es bedeutend gemütlicher als seine Verwandten in freier Wildbahn. Aber will ein Eisbär so leben – mit Vollpension und Wärmestube?

8. Akt. Am 22. September 2008 stirbt der Tierpfleger Thomas Dörflein. Schon damals ist Berlin geschockt, und wieder rennen alle in den Zoo, um zu sehen, wie Knut trauert. Aber dem ist nichts anzumerken. Vielleicht weinen Bären nach innen, wer weiß das schon? Die beiden hatten schon vorher eine Weile nicht mehr so ausgelassen miteinander toben dürfen, weil Knut mittlerweile zum halbstarken Eisbären geworden war, mehr als 50 Kilo wog und seinem besten Freund gefährlich werden konnte.

9. Akt. Im September 2009 bekommt er Damenbesuch. Sie kommt aus Bayern und trägt den Namen Giovanna. Die Münchner Bärendame kommt aus dem dortigen Zoo, der gerade saniert wird. Giovanna wird von der Boulevardpresse kurz in Gianna umgetauft, weil der Name besser in Überschriften passt. Alle stellen sich bei Knut und Gianna schon die Frage: „Läuft was zwischen denen?“ Und: „Kriegen wir ein Knut-Baby?“ Nein. Geht auch gar nicht. Knut ist noch nicht geschlechtsreif. Jedenfalls haben die zwei nett miteinander gespielt. Es geht eben in einer Partnerschaft auch ohne Sex. Als die Bärin wieder nach München zurück muss, sprechen aufgebrachte Romantiker von einer „Zwangstrennung“.

10. Akt. Herbst 2010: Während Knuts Verflossene wieder von kernigen Bayern-Bären umgeben ist, lässt Knut die Pubertät hinter sich. Jetzt könnte er Gianna und der Welt endlich mal zeigen, was eine Bärennummer ist. Aber die weitsichtige Zooleitung hat für den jungen Feger drei betagte Damen vorgesehen, darunter Mutter Tosca und die Tanten Nancy und Katjuscha. Sie machen Knut das Leben schwer, schubsen, beißen und mobben ihn. Knut zieht sich zurück.

11. und letzter Akt: Am 19. März 2011 stirbt der Hauptdarsteller mit vier Jahren. Das Publikum ist wie gelähmt. Mit einem solchen Schluss der Inszenierung hat niemand gerechnet.

Ja, so war das. Auf dem Höhepunkt seines kurzen Lebens war Knut der bekannteste Berliner der Welt. Einen größeren Sympathieträger hat die Stadt lange nicht gesehen. Er machte deutlich, dass die deutsche Hauptstadt nicht nur cool, sexy und kreativ ist, sondern auch in der Lage, einen kleinen Kerl hervorzubringen, der die Herzen vieler Millionen Menschen auf der ganzen Welt rührte.

Tweets zum Tod von Eisbär Knut