Schadow-Gymnasium

Nach Amok-Drohung zurück zum Schulalltag

Zwei Tage blieb das Schadow-Gymnasium in Zehlendorf nach Amokdrohungen im Internet geschlossen. Die Polizei stuft sie als harmlos ein. So versucht das Gymnasium zur Normalität zurückzukehren. Doch die Angst bleibt.

Foto: Christian Hahn

Für die einen hatte es Eventcharakter, für die anderen war es bitterer Ernst. Um kurz vor acht Uhr schlossen besorgte Eltern ihre Kinder vor dem Schadow-Gymnasium in Zehlendorf in die Arme, zwängten sie zurück in ihre Familienkombis und verließen die Beuckestraße schnellstmöglich. Viele Schüler freuten sich über das unverhoffte Schulfrei – Amoklauf hin oder her. Denn mit der zweiten Amokdrohung auf der Website isharegossip fiel der Unterricht am Schadow-Gymnasium am gestrigen Dienstag zum zweiten Mal aus.

In Absprache mit der Elternvertretung ließ Direktor Harald Mier die Schule schließen. Ein Präventivbeauftragter und Beamte des Landeskriminalamts waren vor Ort, um die Lage zu sondieren. Vor dem Haupteingang informierten Lehrer beunruhigte Eltern, verhinderten den Zugang zur Schule. Die zweite Amokdrohung war in der Nacht von Montag auf Dienstag ins Internet gestellt worden und fiel nach Einschätzung des Schulleiters deutlich schärfer aus als die erste Amokdrohung vom Sonntag: „Ich hab ne Uzi um. Ich bring die Freunde um. Ich bin der Bernd und geh jetz grilln. Mit 'ner Granate in der Kralle. Lock ich alle in die Falle. Lehrer und Freunde Grilln is alles was ich will.“

Schuldirektor Harald Mier, das Lehrerkollegium und die Eltern waren besorgt. Die Polizei prüfte diese Drohung, hielt aber an ihrer bisherigen Einschätzung fest und stufte die Amokankündigung als „nicht ernsthaft“ ein. „Die Polizei spricht von einem schlechten Scherz“, sagte Harald Mier. Im Laufe des Tages meldeten sich besorgte Eltern bei der Polizei, einige von ihnen erstatteten Anzeige wegen Störung des öffentlichen Friedens. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

Die neue Drohung in Reimform ist eine Abwandlung eines Liedes "Bernd am Grill" der Berliner Band Hasenscheisse . Und die Verwendung des Namens Bernd deutet auf die Internet-Seite Krautchan hin. Krautchan ist eine Art Forum, dessen Nutzer - ähnlich wie bei Isharegossip.com - anonym bleiben. Alle Einträge werden mit dem Nutzernamen "Bernd" versehen. Nutzer von Krautchan veröffentlichen auf der Plattform einen wüsten Mix an Inhalten, pflegen eine spezielle Insidersprache und einen kruden, oft zynischen Humor. Auch bei dem Amoklauf von Winnenden im März 2009 kursierte danach ein Internet-Screenshot mit der angeblichen Ankündigung der Tat, die der Amokläufer Tim K. auf einer Krautchan-Seite hinterlassen haben soll. Auch dabei wurde - wie auf Krautchan üblich - immer wieder der Name Bernd verwendet. Der Screenshot entpuppte sich schließlich als Manipulation. Die jüngste Berliner Drohung nimmt offensichtlich darauf Bezug.

Zurück zum Alltag

Während sich die Polizei erkennbar bemühte, die Sorgen zu zerstreuen, war am Schadow-Gymnasium nach der zweiten Amokdrohung die Verunsicherung trotz der optimistischen Einschätzung der Polizei deutlich zu spüren. „Wenn die Polizei die Einschätzung getroffen hat, dass von dieser Drohung keine Gefahr ausgeht, sollte zum Alltag zurückgekehrt werden. Damit man sich nicht erpressbar macht“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner. Also schleunigst zurück zur Normalität – Nur wie?

Um zehn Uhr war am Dienstagmorgen für das Lehrerkollegium eine Dienstbesprechung angesetzt. Präventivbeauftragter, Schulpsychologin und Elternsprecherin nahmen ebenfalls teil. Auf der Tagesordnung standen neben Informationen über die Lagebeurteilung der Polizei auch pädagogische Fragen. Welche Präventivmaßnahmen sind in Zukunft zu treffen? Wie hilft man den Schülern, das Erlebte zu verarbeiten? Die Unsicherheit war groß: „Es ist natürlich eine Ausnahmesituation“, sagte Schulleiter Mier. Er bestand vergeblich auf eine schriftliche Erklärung der Lagebeurteilung durch die Polizei. „Wir müssen der Einschätzung des LKA vertrauen. Aber wir haben einfach Angst“, sagte Elternsprecherin Sabine Wloch.

Dennoch will das Gymnasium schnellstmöglich zur Tagesordnung übergehen – um nicht erpressbar zu sein. Einfach ist das nicht. Denn: „Wenn morgen eine neue Amokdrohung kommt, dann müssen wir wieder abwägen, ob wir den Unterricht ausfallen lassen oder normal weitermachen“, sagte Harald Mier. Der Schulleiter gab sich zwar betont resolut, doch der Druck und die Verantwortung, die auf ihm und seinem Leitungsteam lasten, sind groß.

Schulschließung "mit den Füßen"

Die Lagebeurteilung der Polizei ist zwar eindeutig, die Hinweise auf den Täter sind jedoch rar, zurückverfolgen lässt sich der Verfasser der Amokdrohung nicht. Der Server der Internetplattform „isharegossip.com“ befindet sich außerhalb Deutschlands. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main, zuständig für Internetkriminalität, ermittelt bereits seit Ende Januar gegen den Betreiber der Internetseite.

Dem Verdächtigen werde Beleidigung und üble Nachrede, bis hin zur Volksverhetzung vorgeworfen, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Günter Wittig dieser Zeitung. Allein im Bereich Hessen seien bis jetzt mehr als 50 Anzeigen eingegangen. Wie viele Anzeigen es aus Berlin gibt, konnte er nicht sagen. Es träfen aber Anzeigen aus dem gesamten Bundesgebiet bei der Staatsanwaltschaft ein. Zum Stand der Ermittlungen wollte sich der Oberstaatsanwalt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht äußern.

Und so rätseln Lehrer, Eltern und Schüler am Schadow-Gymnasium weiter über den Absender der beiden Amokdrohungen: „Es kann ein Schüler, ein Ehemaliger oder ein Außenstehender sein, der die Schule bloß instrumentalisiert“, sagte Harald Mier. Am Sonntag wurde die erste Amokdrohung für das Schadow-Gymnasium im Internet verbreitet: „Ich werde am 14.3.2011 oder am 15.3.2011 einen Amoklauf in der Schadowschule begehen. Dies ist definitiv kein Scherz oder eine leere Drohung. Meine Handlung ist symbolisch und der Hass gilt der Schule. Ich bin keineswegs willens jemanden umzubringen. Also bringt euch bitte in Sicherheit“. Auf „isharegossip.com“ können Nutzer anonym Beiträge veröffentlichen - die Plattform ist als Forum angelegt, unterteilt nach Bezirken und Schulen. Doch während bis dato dort Schüler über Lehrer und Mitschüler lästerten, wurde aus den pubertären Spötteleien plötzlich eine unkalkulierbare Bedrohung mit nachhaltiger Wirkung. Schnell sprach sich die Amokdrohung am Sonntagabend unter Schülern und Eltern herum; am Montag ließen die meisten Eltern ihre Kinder zu Hause. Wie Schulleiter Harald Mier sagte, waren nur 40 der rund 900 Schüler am Montagmorgen in die Schule gekommen: „Wir haben die Schule am Montag nicht geschlossen, das haben die Eltern der Schüler mit den Füßen entschieden.“

Und so kreiste die Diskussion am Schadow-Gymnasium am gestrigen Dienstag vor allem um die Möglichkeiten einer schnellen Rückkehr zum Schulalltag. Allerdings: „Lehrer sind Menschen – und haben auch Angst“, sagte Harald Mier. Wie das Kollegium die Amokdrohungen verarbeitet, bleibe abzuwarten. Unterstützung erhalten Lehrer und Schüler vonder Schulpsychologin; auch die Berliner Notfallpläne geben Hilfestellung. Offiziell wird die Amokdrohung als Gefährdungsgrad zwei eingestuft; Polizei, Schule und außerschulische Helfersysteme kooperieren eng. Aber auch schulintern bieten sich viele Gesprächsanlässe: „Da die Drohungen über das Internet verbreitet wurden, bietet sich hier auch die Aufklärung zu Medienkompetenz an“, sagte Beate Stoffers, die Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner. Auch eine medienethische Betrachtung eigne sich, denn im Kern gehe es auch um die Frage, inwieweit vielleicht ein unbedachter schlechter Scherz ernsthafte Auswirkungen auf den Schulbetrieb habe und welche Verantwortung dem Einzelnen dabei zukomme.

Die Klassenlehrer wollen diese und ähnliche Fragen am heutigen Mittwoch mit ihren Schülern diskutieren, denn der Unterricht soll wie gewohnt stattfinden. Ein erster Schritt in Richtung Normalität.„Wir starten und dann werden wir sehen, wie viele Schüler kommen“, sagte Schulleiter Harald Mier.