Naturwissenschaftliche Sammlung

Museum Charlottenburg wird geschlossen

Nofretete ist längst fort, die Vor- und Frühgeschichte auch, jetzt verlässt auch die Naturwissenschaftliche Sammlung den Museumsstandort Charlottenburg. Sie wandert erst einmal ins Depot. Der Verein der Förderer wehrt sich vehement dagegen.

Foto: Massimo Rodari

Die Naturwissenschaftliche Sammlung wurde 1988 als naturkundliches Bildungszentrum an der Schloßstraße 69a gegründet – zu einer Zeit, als West-Berlin vom Naturkundemuseum in Mitte noch durch die Mauer getrennt war. Stadtkinder, aber auch Erwachsene lernen in den Sonderausstellungen gegenüber dem Stülerbau Wissenswertes über die Natur in Berlin. Die Sonderausstellung über die Eiszeit, die gerade zu Ende gegangen ist, haben wieder Schülergruppen aus ganz Berlin besucht. Auch die Schau „Mit Daunen, Pelz und Frostschutzmittel“, in der anschaulich erklärt wurde, wie die unterschiedlichen Tierarten in Berlin überwintern, war ebenfalls ein Renner.

Doch nach der Eingliederung der Naturwissenschaftlichen Sammlung in die „Stiftung Stadtmuseum Berlin“ 1995 soll das Angebot jetzt in Mitte konzentriert werden – hauptsächlich im Märkischen Museum. Ressourcen bündeln, Konzentration auf die zentralen Standorte, lautet die offizielle Devise. Noch konnten die Räume in der landeseigenen Immobilie in Charlottenburg unentgeltlich genutzt werden, auch Bewirtschaftungskosten fielen nicht an. Doch das solle nicht so bleiben, heißt es aus dem Stadtmuseum.

Die Exponate der Naturwissenschaftlichen Sammlung werden ins Depot gebracht. Das Stadtmuseum verwahrt seine Sammlungen in der Poelzighalle in der Wasserstadt Spandau auf. Aus den Charlottenburger Beständen lagert dort beispielsweise schon die präparierte Pandabärin Tjen-Tjen, die dem Berliner Zoo 1980 als Staatsgeschenk aus China übergeben worden war. Im Februar 1984 war sie an einer Virusinfektion gestorben. Auch die Knochen des beliebten Flusspferds Knautschke aus dem Berliner Zoo sind bereits dort. Leihgaben wie der präparierte Biber von der Freien Universität Berlin, die noch in den Charlottenburger Ausstellungsräumen stehen, sollen zurückgegeben werden.

Das Angebot für Kinder und Jugendliche soll aber nicht entfallen, heißt es aus der Senatskulturverwaltung, sondern „als Teilaspekte in andere Aktivitäten integriert werden“. Das versichert auch Christian Mothes, Abteilungsdirektor zentrale Dienste im Stadtmuseum: „Wir wollen uns den regionalen Themen auch weiter widmen und hoffen, dass das Publikum uns die Treue hält.“ Die drei Mitarbeiter würden in anderen Häusern des Stadtmuseums arbeiten, zwei würden sich auch künftig darum kümmern, die naturwissenschaftlichen Angebote für Kinder und Jugendliche aufrecht zu erhalten.

Doch Gerhard Scholtz, Vorsitzender des Fördererkreises der naturwissenschaftlichen Museen Berlins, ist skeptisch, dass dies so gelingt. Der Professor am Institut für Biologie/vergleichende Zoologie der Humboldt-Universität sieht einen „deutlichen qualitativen Unterschied“, wenn die Naturwissenschaftliche Sammlung keine eigenen Räume mehr hat: „Der Masterplan für das Stadtmuseum sieht zwar schon lange vor, die Standorte zu konzentrieren, er sah aber für die Naturwissenschaftliche Sammlung aus gutem Grund auch immer vor, dass alternative Unterbringungen geschaffen werden müssen und die Sammlung nicht einfach ins Depot wandert“, kritisiert er die jetzigen Pläne. Bislang gebe es jedenfalls kein Konzept, wie das Angebot im Märkischen Museum integriert werden soll: „Die Vorstellungen sind sehr vage, deshalb ist es falsch, die Sammlung jetzt einfach zu schließen.“ Er erwartet daher, dass die Sammlung so lange in Charlottenburg bleibt, bis in Mitte Alternativen geschaffen worden sind, auch mit einem Schauraum für Ausstellungen. Es fehle an Bildungseinrichtungen dieser Art mit einem regionalen Naturkundebezug in Berlin. Und eine Konkurrenz zum Naturkundemuseum an der Invalidenstraße stelle es ebenfalls nicht dar, da dort die Evolution der ganzen Welt thematisiert werde.

Scholtz findet es bedauerlich, dass gerade eines der besucherstärksten Häuser der Stiftung Stadtmuseum geschlossen werden soll: „Und für unseren Fördererkreis, der die ganzen letzten Jahre die Materialkosten für die Ausstellungen bezahlt hat, ist das ein Tritt gegen das Schienenbein.“

Mit dem Wegzug der Naturwissenschaftlichen Sammlung endet auch die Zusammenarbeit mit dem Museum Charlottenburg-Wilmersdorf. Noch hat das Heimatmuseum im selben Haus seinen Sitz. Doch auch diese Räume werden aufgegeben. „Unser Museum soll am 23. Oktober in der Villa Oppenheim neu öffnen“, sagt Stadtrat Marc Schulte (SPD). Auch hier gaben Kostengründe den Ausschlag. Schulte findet es sehr bedauerlich, dass sich die Naturwissenschaftliche Sammlung aus Charlottenburg verabschiedet. Besonders Schüler und Lehrer hätten das in Berlin einzigartige Angebot zu schätzen gewusst. Immerhin gebe es aber bereits einen Beschluss der Bezirksverordneten, dass das Haus an der Schloßstraße unbedingt weiterhin auch kulturellen Zwecken dienen soll. Es gehört dem Land Berlin. Die Kulturverwaltung bestätigt als Eigentümerin kulturelle Zukunftspläne: „Wir verhandeln darüber, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Gebäude zu überlassen. Sie hat Interesse, den im Stülerbau präsentierten Ausstellungsbereich zu erweitern“, sagte Sprecher Torsten Wöhlert.

Ob der dritte Nutzer im Haus, die Abgusssammlung antiker Plastik der Freien Universität, ebenfalls die Räume aufgibt, ist unklar. Die FU hat bislang keine Umzugspläne. Auch über die künftige Nutzung des Langhansbaus, in dem sich noch Bestände des Museums für Vor- und Frühgeschichte sowie die Restaurierungswerkstatt des Hauses befindet, wird noch diskutiert.

Die vermutlich letzte Gelegenheit, die Ausstellungen sowohl des Heimatmuseums als auch der Naturwissenschaftlichen Sammlungen zu besuchen, bietet sich bei deren Osteraustellungen vom 31. März bis Ende April an. Beide Einrichtungen kooperieren bei diesem Thema seit Jahren. Frisch geschlüpfte Küken und ein Kaninchengehege mit lebendigen Tieren sind dann zu bestaunen, auch die lebensgroße Hasenschule wird wieder aufgebaut. Das zentrale Thema der unterschiedlichen Eier legenden Tiere – von den Insekten bis zum Vogel-Strauß – wird wieder anschaulich mit Landschaften nachgebaut. Dabei sind Tierpräparate und Nester von Stockenten, Reihern und Rebhühnern genauso zu sehen wie Sumpfschildkröten, Waldschnepfen und kleine Hummeln mit einem Erdnest. Gerade bei Familien mit kleinen Kindern war dies immer die beliebteste Ausstellung der Naturwissenschaftlichen Sammlung. In den vergangenen zwei Jahren strömten über 10000 Besucher in viereinhalb Wochen in die Oster-Ausstellung an der Schloßstraße.

Aber es gibt auch Erfreuliches für den Charlottenburger Museums-Standort: Am Erweiterungsbau für das Museum Berggruen haben die Bauarbeiten begonnen. Das Haus im westlichen Stülerbau soll in einem zweiten Gebäude am Spandauer Damm 17 entsprechend dem Wunsch der Erben des 2006 verstorbenen Sammlers Heinz Berggruen erweitern werden. Das Haus, in dem ursprünglich einmal eine Kita untergebracht war, wird gerade entkernt, die Arbeiter haben bereits neue Fundamente gegossen. Mit einem Glasgang sollen beide Häuser verbunden werden. Es wird damit gerechnet, dass das Projekt im November 2011 beendet ist. Die Staatlichen Museen zu Berlin wollen dann die Sammlung im Erweiterungsbau einrichten und im Frühjahr 2012 eröffnen.

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