Restauriert

Berliner S-Bahn reaktiviert alte DDR-Züge

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Foto: dpa / dpa/DPA

Er ist nicht mehr rot und rundum überholt: Die S-Bahn hat einen ersten Zug mit dem Spitznamen "Coladose" wieder in Betrieb genommen. Die Baureihe aus DDR-Zeiten waren eigentlich bereits ausgemustert.

Unterstützt von Spezialisten in anderen Bundesländern hat die Berliner S-Bahn mit der Wiederinbetriebnahme ihrer bereits stillgelegten Wagen der DDR-Baureihe 485 begonnen. Nach aufwendiger Sanierung rollte am Freitag der erste aus zwei Doppelwagen bestehende Viertelzug aus dem Instandhaltungswerk Schöneweide ins S-Bahnnetz. Mit den Zügen sollen die Auswirkungen des seit Mitte 2009 andauernden S-Bahn-Chaos gemildert werden. Werkstätten der Deutschen Bahn in Dessau und Wittenberge hatten den Zug wieder betriebsbereit gemacht.

Nach Angaben von S-Bahn-Chef Peter Buchner sollen bis zum Sommer 19 weitere abgestellte Viertelzüge dieser Reihe reaktiviert werden. Bis zum Jahresende werde der gesamte 485er-Bestand von knapp 80 Viertelzügen wieder rollen. Die Sanierungskosten pro Zug lägen bei 800.000 Euro.

Baureihe wurde in der DDR entwickelt

Die nunmehr rot-gelb lackierte Baureihe war zu DDR-Zeiten in Hennigsdorf entwickelt worden. Das Design schufen Künstler der Hochschule für industrielle Gestaltung Burg Giebichenstein, Halle. Wegen ihrer damals roten Farbe taufte der Volksmund die Flotte auf den Namen „Coladose“. Der erste reguläre Einsatz erfolgte 1987. Ein Großteil wurde zwischen 1989 und 1991 in Betrieb genommen. Ursprünglich umfasste die Baureihe 166 Viertelzüge.

Wegen Rissen unter anderem an Rädern und Achsen wurde der Typ im Frühjahr 2010 komplett stillgelegt. Nach Notreparaturen liefen die ersten Wagen wieder ab Juli 2010, seither allerdings nur in geringen Stückzahlen. „Insgesamt fahren zurzeit 15 Züge der 485er-Reihe“, sagte S-Bahn-Bahnsprecher Ingo Priegnitz.

Die 20 demnächst reaktivierten Wagen stocken den Wagenpark der S-Bahn auf 650 Viertelzüge auf. Obwohl davon theoretisch 562 Viertelzüge betriebsbereit sein sollen, stehen 148 momentan aus technischen Gründen nicht zur Verfügung.

Buchner bezeichnete die erfolgreiche Aktivierung des ersten Zuges als „wichtigen Meilenstein“ hin zu einer endgültigen Normalisierung im S-Bahn-Betrieb in Berlin. In den kommenden Monaten werde es damit Verbesserungen im Verkehr zwischen Teltow und dem Potsdamer Platz geben. Auch die Flughafen-Linie S9 nach Schönefeld könne wieder als Dreiviertelzug fahren.

Der S-Bahn-Chef betonte, dass sich trotz europaweiter Suche kein Anbieter der Industrie an die Reaktivierung der 485er-Wagen getraut habe. Allein das DB-Werk in Dessau sei dazu bereit gewesen.

Eisenbahner mussten Technik neu erlernen

Der Leiter der DB Fahrzeuginstandhaltungs GmbH mit Sitz in Dessau, Hans-Peter Michlitz, räumte ein: „Der Ausgang des Abenteuers war ungewiss. Wir hatten von den Fahrzeugen zunächst keine Ahnung. Aber in unseren Werkstätten gilt: Geht nicht, gibt's nicht.“ Zunächst sei klar gewesen, dass das Werk Dessau allein die Arbeiten nicht bewältigen könne. Auch hätten sich die Mitarbeiter erst das Know-how aneignen müssen. „Denn die Wagen mussten von Grund auf neu aufgebaut werden“, sagte Michlitz. Die Teams hätten „am Zug“ gelernt.

Der Wagenkasten sei im DB-Reisezugwagenwerk Wittenberge überholt worden. Das E-Lok-Werk in Dessau habe Bremsen, Elektrik und Elektronik aufgearbeitet. DB-Werke unter anderem in Fulda, Kassel und Krefeld wurden mit einbezogen. „Der gesamte Verbund unserer Instandhaltung aus 14 Standorten war daran beteiligt“, sagte Michlitz. Nach Angaben von Buchner wurde Dessau als federführendes Werk inzwischen mit der Aufarbeitung von weiteren 17 Viertelzügen beauftragt.

( dapd/sh )