Zwangsverkauf

Kunsthaus Tacheles feiert seinem Aus entgegen

Das Kunsthaus an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte hat eine Party zum 21-jährigen Bestehen gefeiert, mitsamt Werkschau. Auch Dr. Motte zollte dem Berliner Unikum die letzte Ehre.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Musik in der fünfstöckigen Ruine dröhnt, der Alkohol fließt, die alternative Szene kommt in Scharen zusammen: Das Kunsthaus „Tacheles“ in Mitte veranstaltet eine schillernd-fulminante Geburtstagsparty – obwohl die Nutzer des bekannten Kulturhauses derzeit wenig zu feiern haben. Immerhin droht ihnen der Rauswurf. Denn am 4. April 2011 kommt das Grundstück unter den Hammer.

Doch von Ungewissheit und Zukunftssorgen wollen weder Veranstalter noch Besucher etwas wissen: Sie tanzen Sonnabendnacht der Zwangsversteigerung entgegen. Optimistisch und energiegeladen. Dazu präsentieren die Veranstalter eine Werkschau mit über 60 Künstlern aus 25 Ländern. Ausgestellt werden Zeichnungen, Malereien, Fotografien und Medienkunstwerke. Außerdem feiert das neue Musikvideo des bekannten DJs und Loveparade-Mitbegründers Dr. Motte Premiere. Er engagierte sich bereits im vergangenen Jahr für das „Tacheles“ und zählt zu dessen prominentesten Unterstützern. So entstand auch das Musikvideo „Nono“ in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus: Ende Januar wurde es mit zahlreichen Szenegängern in der Widerstandsbar gedreht.

Hoffen auf die Politiker

Der drohende Rauswurf ist für Martin Reiter, einem der Vertreter der Tacheles-Nutzer, kein Thema. Seine Devise lautet: „Wenigstens passiert jetzt überhaupt irgendetwas. Offiziell gibt es uns sowieso nicht mehr.“ Bereits im Dezember 2008 endete der Mietvertrag – seitdem warten die Künstler. Doch sie lassen sich von ihren kreativen Arbeiten nicht abbringen. Dass sie das Areal tatsächlich räumen müssen, glaubt niemand. Reiter hofft, dass die Berliner Politiker das Problem lösen können. „Sie sollte Verantwortung übernehmen und das Gelände zurückkaufen“, schlägt er vor. Das Gericht habe den Verkehrswert des gesamten Geländes auf 35,1 Millionen Euro festgelegt. Für Reiter ein echtes Schnäppchen. „Berlin sollte in sich selbst investieren“, sagt er. „Die Stadt kann davon nur profitieren. Schließlich haben wir als Touristenzentrum Millionen eingebracht. Anschließend sollten Investoren gemeinsam mit den Künstlern, aber unter Federführung der öffentlichen Hand, ein besonderes Kunstquartier entwickeln.“ Reiter lässt das Argument, dass die Stadt Berlin nicht genug Geld habe, nicht gelten.

Eine ähnliche Ansicht vertreten die zahlreichen Künstler der „kreativen Mitte“ Berlins. „Wenn wir gehen müssen, ist der Niedergang der Oranienburger Straße besiegelt“, glaubt Imdat Ucar. Schließlich lebten die Bars und Restaurants in der Umgebung von den Besuchern, die das Tacheles anziehe. Er sieht gar das Image der Hauptstadt bedroht. „Das Kunsthaus ist weltbekannt und einmalig. Berlin ist eine Stadt der Künstler“, sagt Ucar. Diesem Ruf müsse die Stadt gerecht bleiben. Ucar besitzt seit 1998 eine Metallwerkstatt und stellt Skulpturen aller Art her. Und jeder Größe. In dem Hof hat er eine Art Skulpturen-Tierpark aufgebaut: Bevölkert wird er von einem Pferd, einem Affen, einem Stier, einer Schildkröte und einem Hahn. Bis zu fünf Meter hoch und 1000 Kilogramm schwer sind die blechernen Tiere. „Wo soll ich denn damit hin“, fragt Ucar. „Es gibt keine Alternative für mich.“

Auch Angelo Kappa hat sich ein kleines Atelier eingerichtet. Es ist aus Holzplatten, Styropor und einer Eisenkonstruktion sogar selbst gebaut. Kappa lebt seit zwei Jahren in Berlin und verkauft Drei-D-Gestelle aus Metall. Seine Hütte will Kappa unter keinen Umständen verlassen. „Dieses Miteinander von ganz verschiedenen Künstlern hier ist etwas ganz besonderes“, erzählt er. „Deutsche, Türken, Italiener, Spanier – und jeder respektiert den anderen. Das Gelände sprüht vor Kreativität.“ Um seine Zukunft macht sich Kappa keine Sorgen: „Obwohl wir nicht wissen, was auf uns zukommt, reden wir untereinander kaum über die kommende Zwangsversteigerung. Wir sind Künstler – da haben wir ganz andere Themen“, sagt er. Das Tauziehen um das „Tacheles“ bekämen sie kaum mit.

Deshalb blicken Ucar, Kappa und die anderen Kreativen den kommenden Monaten optimistisch entgegen. Doch ob die neuen Investoren tatsächlich mit den Tacheles-Künstlern zusammenarbeiten werden, wird sich im April zeigen.