Umbau

Das Schillertheater verwandelt sich in ein Opernhaus

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Volker Tarnow

Berlin bekommt ein viertes Opernhaus - weil eines künftig nicht bespielbar sein wird. Die Staatsoper zieht ins Schillertheater, damit der Sitz Unter den Linden saniert werden kann. Zuvor muss aber das Schillertheater operntauglich gemacht werden. Ein Einblick.

Berlin leuchtet: mit dieser Parole wird gern die kulturelle Attraktivität der Hauptstadt beschworen. Aber was ist schon Leuchten und Strahlen verglichen mit dem, was sich ab Oktober 2010 in Charlottenburg abspielen wird. Dann zieht nämlich die Staatsoper sanierungsbedingt in ihr Ausweichquartier, das Schillertheater am Ernst-Reuter-Platz, und rückt damit der Deutschen Oper mit ihrem neuen Generalmusikdirektor Donald Runnicles auf die Pelle. Die beiden Haupthäuser der Stadt trennt dann nicht mal eine U-Bahn-Station.

Das gute alte Charlottenburg, im Kaiserreich die reichste Stadt Deutschlands, seit der Wende aber unter schwerem Bedeutungsverlust leidend, wird für drei Jahre zur größten deutschen Opernmeile. Zumindest auf dem Stadtplan. Ob die Nähe der Konkurrenz auch wirklich auf neue künstlerische Höhen führt, ob es zwischen den beiden Häusern funkt und das Pflaster glüht, das freilich bleibt abzuwarten. Runnicles traut man wohl einen Neustart in der Bismarckstraße zu; die Frage ist, welche Signale Daniel Barenboim unter veränderten, im Grunde erschwerten Bedingungen zu setzen vermag.

Mit der Interims-Immobilie sind nämlich Einschränkungen verbunden. Sie bietet bedeutend weniger Sitzplätze als das Stammhaus, und sie liegt eben auch nicht Unter den Linden, sondern am Ostende der Bismarckstraße mit ihren sterilen Halbhochhäusern aus den 50er und 60er Jahren. Schräg gegenüber gähnt die 2008 geschlossene Tribüne einer ungewissen Zukunft entgegen. Von Atmosphäre keine Spur.

Zeitlich und finanziell im Plan

Glücklicherweise ist wenigstens das Schillertheater selbst ein Juwel. Dessen Wiederherstellung schreitet kräftig voran. „Wir liegen im Zeit- und Kostenrahmen“, sagt Hermann-Josef Pohlmann von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der Umbau wird also pünktlich fertig sein im Spätsommer 2010, und er wird nicht mehr als 23 Millionen Euro kosten. Der Bühnenturm ist bereits vollständig entkernt, die alte Drehbühne wird diese Woche abgerissen, dann kommt das Fundament für den Orchestergraben, der 120 Musiker aufnehmen muss. Eine Drehbühne, teilt der kommissarische Staatsopernintendant Ronald H. Adler mit, brauche man sowieso nicht für alle Produktionen. Ein so genannter Kassettenboden, mit dem einzelne Bühnenelemente abgesenkt werden können, muss genügen.

Sonst gilt weitestgehend Bestandsschutz; brauchbare Gebäudeteile und Einrichtungen, etwa die Bestuhlung, bleiben erhalten. Denn was im Schillertheater verbaut wird, geht dem zwischen 2010 und 2013 erfolgenden Umbau der Lindenoper verloren. Gleichwohl sind erhebliche Neubauten im Gange, in erster Linie ein viergeschossiger Trakt zur Schillerstraße hin, in dem der Probensaal, die Technikzentrale und Aufenthaltsräume für Mitarbeiter liegen werden. Alle für ein Opernhaus notwendigen Funktionen sollen komplett vor Ort sein. Nur die Kulissen der verschiedenen Produktionen werden nicht im Schillertheater eingelagert, sondern bedarfsweise aus Montagehallen angeliefert.

400 Plätze weniger als Unter den Linden

Der Saal wird ästhetisch aufgewertet, die schwarze Wandfarbe verschwindet zugunsten der ursprünglichen Paneele aus Ahornholz. Auch die Akustik wird verbessert, denn die Nachhallzeit muss bei Musikaufführungen deutlich über dem Wert von 0,9 liegen, der für das Sprechtheater verbindlich ist. Dem besseren Klang dient ebenfalls der nach oben hin vollständig offene Orchestergraben. Er wird weit in den ehemaligen Zuschauerraum hinein gebaut. Deswegen hat der neue Saal nur 974 Sitzplätze (612 im Parkett, 362 auf dem einzigen Rang). Das sind 1000 weniger als die Deutsche Oper vorweisen kann, 400 weniger als das Stammhaus Unter den Linden, 200 weniger als zuletzt im Schillertheater. Eine dramatische Verschlechterung. Können angesichts der sinkenden Erlöse überhaupt noch große, kostspielige Opern gegeben werden? Die erforderlichen Musiker sind vorhanden, die Portalgröße der Bühne entspricht, abgesehen von einigen Nebenflächen, genau derjenigen Unter den Linden – aber wie will man aufwendige Produktionen finanzieren?

Die Staatsoper habe bereits eine Liste spielbarer und nicht spielbarer Stücke erstellt, sagt Ronald H. Adler. Ein vollgültiger Repertoirebetrieb sei gewährleistet. Aber einige Brocken werden halt doch nicht machbar sein. Auf Kosten der künstlerischen Qualität soll es jedoch nicht gehen. Dass am Schillertheater nur ein paar Gondeln anlegen, während bei der Deutschen Oper die ganz großen Schiffe vor Anker gehen, so schlimmer wird es nicht kommen. Einige Unwägbarkeiten indes sind im Spiel.

Nach der Staatsoper könnte die Komische Oper kommen

Ohnehin bedeutet jedes Ausweichquartier, selbst das beste, ein unkalkulierbares Risiko. Als kürzlich das legendäre Teatro San Carlo in Neapel restauriert wurde, empfingen die Kassendamen heranströmende Touristen mit dem Satz: Buon Giorno, aber wir spielen derzeit anderswo. Daraufhin zogen zwei Drittel der Interessenten gleich wieder ab.

Unklar ist ebenfalls, was mit dem Schillertheater ab 2013 geschehen soll, wenn die Staatsoper auszieht. Berlin besitzt dann eine schöne neue Spielstätte, wo vielleicht niemand spielen will. Das Gebäude könnte der sanierungsbedürftigen Komischen Oper gleiche Dienste erweisen wie jetzt der Staatsoper.