Deutsches Theater Berlin

Hape Kerkeling erklärt Gregor Gysi die Republik

| Lesedauer: 4 Minuten
Thomas Vitzthum

Komiker trifft Politiker: Im Deutschen Theater Berlin hat Hape Kerkeling seine Autorität als Deutschland-Versteher bewiesen. Er bewegte sich mühelos zwischen ernsthaften Statements zur Politik und komischer Unterhaltung, machte deutlich, warum er in wenigen Jahren aufhören will - und sorgte bei Talkmaster Gregor Gysi (Linke) für einen hochroten Kopf.

Mit dem Schlachtbeil bringt Gregor Gysi seinen Gast aus der Fassung, nämlich zum Lachen. Hape Kerkeling hat schon öfter erzählt, was auch der Linke-Politiker in seiner monatlichen Talkrunde am Sonntag im Deutschen Theater in Berlin wieder hören will: die Geschichte seines ersten Auftritts vor größerem Publikum. So schildert Kerkeling, wie er aus Verzweiflung, weil niemand ihn komisch fand, sich eines bis dahin tatenlosen Mikrofons bemächtigte, dasselbe aus der Halterung riss und sich damit gegen einen Zahn schlug, sodass dieser sogleich die Mundhöhle verließ.

Die Schilderung der folgenden Suche nach dem Verlorenen brachte die Gäste im ausverkauften Deutschen Theater ebenso zum Brüllen wie vor Jahren das vormals so entsetzlich gefasste Publikum. „Ich wurde dennoch nicht engagiert“, sagt Kerkeling, „alldieweil ich die Szene ja nicht wiederholen konnte.“

„Danach bekamen sie in Passau aber das Schlachtbeil“, sagt Gysi und blickt nüchtern auf seine Karteikarten – ein äußerst produktiver Verleser. „Das passt zu der Szene mit dem Zahn“, prustet Kerkeling los. Minutenlang kann er sich nicht beruhigen. Die Auszeichnung mit dem „Scharfrichterbeil“, so stellt er schließlich klar, sollte ihn zum politischen Kabarett bekehren. Warum er nicht politischer Kabarettist geworden sei, will Gysi wissen. „Mich interessieren eher die grundsätzlichen Dinge im Zusammenleben“, sagt Kerkeling. „Das mag dann ja vielleicht auch politisch sein.“

Kerkeling, der im Bundestagswahlkampf noch als Jux-Kandidat Horst Schlämmer für Aufsehen sorgte, hat kürzlich angekündigt, mit 50 aufzuhören. In fünf Jahren wäre es so weit. „Ich will nicht, dass ich mir zusehen muss, wie mir die innerliche Reaktionsschnelligkeit verloren geht“, sagte er nun. Kerkeling scheint zu spüren, dass er und seine besten Momente längst historisch werden. Den Status eines Loriot hat er damit erreicht. Der Humor der Deutschen verdankt Kerkeling mittlerweile mehr als er ihm. Man kann gut verstehen, dass einer aufhören will, bevor er – wie es am Sonntag auszugsweise schon der Fall war – nur noch sein Werden zum Klassiker kommentieren muss.

Wie weit dieser Prozess schon gediehen ist, zeigte sich, wenn es nicht um Komik ging. Geklatscht wurde nicht, wenn Kerkeling einen Lacher landete – sondern wenn er als Kenner seiner Landsleute sprach. Ein Klassiker, der genießt auch darin Autorität. Gysi und Kerkeling plauderten so über Gott, das Reisen, die DDR, Deutschland und das Schwulsein. Gysi lobt, wie viel in der Anerkennung Homosexueller erreicht wurde, doch Kerkeling – selbst schwul – warnt. „Jede Minderheit muss sich allein aufgrund ihres Status als Minderheit bewusst sein, dass sie in Gefahr ist. Man darf Toleranz nie als zementiert empfinden, sich seiner Sache sicher sein.“

Für wenige Minuten herrscht eine bemerkenswert ernste Atmosphäre, die vielleicht nur einer bewirken kann, der sonst die Menschen zum Lachen bringt.

Den Ernst durchbricht Gregor Gysi mit ein wenig Tagespolitik. „Ich kann ja diejenigen nicht verstehen, die sagen, ein schwuler Außenminister Westerwelle sei nicht gut, wenn er etwa nach Saudi-Arabien reist. Das ist doch Quatsch.“ „Genau“, pflichtet Kerkeling bei, „das ist kein Problem für Westerwelle, sondern für Saudi-Arabien.“ „Das ist der einzige Punkt, weshalb ich mich freue, dass er Außenminister wird“, frotzelt Gysi und hat diesmal die Lacher auf seiner Seite.

Je mehr sich das Frage-Antwort-Spiel in eine lockere Unterhaltung auflöst, entdeckt Gysi den Komiker in sich. Oder entdeckt Kerkeling den Komiker in Gysi? Warum denn seiner Meinung nach die SPD so schlecht dastünde, die er doch selbst gewählt habe, will Gysi wissen. „Der Grund sitzt doch vor mir“, sagt Kerkeling zu Gysi, der einen knallroten Kopf bekommt. Triumphierend fügt er hinzu: „Den konnte ich jetzt nicht verschenken.“