Ein Jahr nach der Schließung

Noch immer kein Konzept für Tempelhof

Ein Jahr nach der Schließung des Flughafens Tempelhof ist immer noch unklar, was mit dem denkmalgeschützten Gebäudes geschehen soll. Bislang wird der ehemalige Innenstadt-Airport mit Messen und Events gefüllt. Immerhin 53 Verträge liegen für 2009 vor. Zwischennutzung nennen das manche. Klaus Wowereits Reste-Rampe andere.

In jener Nacht, als die letzten Flieger von Tempelhof abheben, ist Senatsbaudirektorin Regula Lüscher nicht anwesend. Der Mutter aller Flughäfen geben andere das letzte Geleit. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat bereits das Weite gesucht, als kurz vor Mitternacht "Time To Say Goodbye" erklingt, die Propeller von Rosinenbomber und Ju 52 dröhnen.

Um 23.59 Uhr rollen die beiden Oldtimer in die Dunkelheit und heben von der Startbahn "two seven right" zum Abschiedsflug ab. Ein rührender Moment, das Ende eines Kapitels Luftfahrtgeschichte.


Am Freitag wird es genau ein Jahr her sein, dass der Flughafen geschlossen wurde. Der Zorn vieler Berliner hat sich inzwischen gelegt, geblieben sind Ernüchterung, Erwartungen oder Neugier, was die Zukunft bringen wird. Für die Planung der Zukunft ist die Senatsbaudirektorin zuständig. Vielleicht fünfmal sei sie inzwischen auf dem Flughafengelände gewesen, erzählt sie bei der ersten öffentlichen Begehung des Geländes vor knapp drei Wochen. An diesem Tag, als Regula Lüscher mitten auf der Startbahn steht, dort, wo die letzten Flieger vor einem Jahr abhoben, kommt sie ins Schwärmen. Am Horizont der Fernsehturm, der angesichts der riesigen Flughafenfläche winzig wirkt. Ein wirklich weites Feld, das seiner neuen Nutzung harrt.

Wettbewerb ausgelobt

Die Senatsbaudirektorin findet es "toll", nicht nur den Berliner Himmel, der hier so ganz anders sei als in ihrer Heimat, der Schweiz: "Erst wenn man hier ist, versteht man, warum hier ein Park hin soll." Anfang des nächsten Jahres will sie einen landschaftsplanerischen Gestaltungswettbewerb ausloben. Der Park gehört wie die geplante Randbebauung, die Internationale Gartenbauausstellung und Bauausstellung 2017, zu ihrer Idee von Zukunft. Eine noch recht theoretische Angelegenheit, die bisher mehrmals dazu führte, dass der Regierende Bürgermeister pragmatisch Fakten schuf. Die Entscheidung etwa für die Modemesse Bread&Butter am Jahresanfang ist nur ein Beispiel, der geplante Bau der Landesbibliothek im Südwesten des Tempelhofer Feldes ein anderes.

Ein Jahr nach der Schließung liegt noch keine schlüssige Idee für die Nachnutzung vor. Stattdessen wurde das gigantische Gebäude mit Events und Messen angefüllt. Böse Zungen sprechen von "Wowis Reste-Rampe", die Senatsbaudirektorin von "Zwischennutzung".

Aber immerhin konnte das Betriebsdefizit von 14 Millionen Euro im Jahr der Schließung nach Auskunft der Berliner Immobilienmanagement Gesellschaft (BIM) auf 11,8 Millionen Euro gedrückt werden. Und die Veranstaltungen erfreuten sich doch einiger Beliebtheit. 2010 soll das Minus nur noch 8,7 Millionen, 2011 etwa 8,6 Millionen Euro betragen. "Insgesamt werden wir 53 Verträge in diesem Jahr für die Eventfläche abgeschlossen haben", so BIM-Sprecherin Katja Potzies. So wurde im ersten Jahr nach der Schließung in Tempelhof Feuerwerk gezündet, Mode gezeigt, gerockt, geritten, gelaufen, mit Snowboards, Motorrädern oder Skiern durch die Luft geflogen. Heute sollen Elektrofahrzeuge über das Vorfeld düsen.

Während die Grünen dem Flughafen anders als CDU und FDP nicht nachweinen, haben alle drei Parteien eines gemein: Sie halten die Nutzung als Event- und Messestandort für problematisch. Nicht nur, dass der Zehnjahresvertrag mit der Bread&Butter-Modemesse jedwede dauerhafte Nutzung von Hangars und Haupthalle verhindert. Auch könnte ein Messestandort in Tempelhof zum finanziellen Bumerang werden, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig, Abgeordnete der Grünen. "Denn die Mieter werden nie in das Gebäude investieren. Das wird immer der Senat tun müssen." Tempelhof stehe auch ein Jahr nach der Schließung für Konzeptlosigkeit. So sieht es die Opposition.

Die FDP hält die Einwicklung für ein Drama. Schließlich war Tempelhof ein funktionierender Flughafen. "Als Geschäftsreiseflughafen hätte man ihn erhalten können. Die hätten ja gar nicht die gesamte Fläche gebraucht", sagt der FDP-Abgeordnete Klaus-Peter von Lüdeke. Jetzt bewahrheite sich, was die Tempelhof-Befürworter immer gesagt hätten: Am BBI wolle man diese kleinen Maschinen nicht mehr dulden, weil sie den Betrieb der großen Flieger aufhielten. Die sollen jetzt ins entfernte Schönhagen ausweichen.

"Bisher nur Kosten aufgelaufen"

Die CDU spricht bereits von einem "Millionengrab für den Steuerzahler", das die vorzeitige Schließung des Flughafens verursacht habe. "Bislang sind nur Kosten aufgelaufen, ohne dass ein Nachnutzungskonzept aus einem Guss zu erkennen ist", sagt der CDU-Finanzexperte Florian Graf.

Diese Herkulesaufgabe wollen nun die Manager des Wissenschafts- und Technologieparks Adlershof, Hardy Schmitz und Gerhard Steindorf, erfüllen. Beauftragt wurden sie von der Stadtentwicklungsverwaltung, unter der planerischen Obhut der Senatsbaudirektorin. Was ihre Behörde bislang nicht geschafft hat, obliegt nun den Adlershofern. 33 Millionen Euro sind dafür für die nächsten zehn Jahre eingeplant. Selbstkritisch spricht man im Haus der Senatsbaudirektorin von einem Professionalisierungsprozess, der nun einsetze. Ab Januar, so es der Senat beschließt, werden die Adlershofer das Projekt Tempelhof als Träger in die Hand nehmen und steuern.

"Ziel ist zunächst ein Leitbild, das bis Mitte Juni vorliegen soll", sagt Hardy Schmitz. Beliebige Events soll es künftig nicht mehr geben. In Gesprächen mit potenziellen Nutzern wie Verbänden der Automobilindustrie, mit Interessenten an einem "interreligiösen Dialog", mit der Gesundheitswirtschaft oder mit Vertretern der Kunst versuche man derzeit, ein Dachthema zu finden. Als Beispiel nennt Schmitz museale Nutzungen oder das Thema "urbane Mobilität". Ziel jedenfalls ist es, dem Standort wieder zu seinem Image als weltweit bekannte Marke zu verhelfen. Bis es so weit ist, dürfte noch einige Zeit vergehen. Zuvor, voraussichtlich im Mai, öffnet Senatsbaudirektorin Regula Lüscher erst einmal das Tempelhofer Feld. Die Berliner können sich dann einen Eindruck von der Weite verschaffen und - wie die Senatsbaudirektorin - mitten auf der Startbahn vom Himmel über Berlin träumen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.