Gefängnis Hohenschönhausen

Ehemaliger Stasi-Häftling hat seine Zelle bezogen

Diese Kunst-Aktion ist gleich doppelt umstritten. Am Donnerstag hat sich der ehemalige Stasi-Häftling Carl-Wolfgang Holzapfel wieder in seine Zelle des früheren Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen einschließen lassen. Manche finden das geschmacklos, weil sich Holzapfel für das Internet filmen lässt. Für andere ist seine frühere Mitgliedschaft bei den Republikanern eine Zumutung.

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Holzapfel zieht in Stasi-Gefängnis ein

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Der ehemalige Stasi-Häftling Carl-Wolfgang Holzapfel hat für eine Woche seine frühere Gefängniszelle in der heutigen Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen bezogen. Der 65-Jährige ließ sich am Donnerstag von der Künstlerin Franziska Vu für das Projekt „24/7 Stasi-Live-Haft“ einschließen, wo er bis 5. November rund um die Uhr durch eine Kamera für das Internet „überwacht“ wird. Wegen seiner einstigen Mitgliedschaft bei den Republikanern wurde Holzapfel am Donnerstag von mehreren Seiten scharf kritisiert.

Der Leiter der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, begrüßte hingegen das Kunst-Projekt und zollte Holzapfel Respekt. „Er ist ein nachdenklicher und reflektierter Mann, der in seinen Aktivitäten wie kaum ein anderer an seine Grenzen geht“, sagte Knabe über den ehemaligen Häftling. Er habe Hochachtung vor diesem Mann.

Der aus Westdeutschland stammende Holzapfel hatte ab 1964 mit Plakaten an der Berliner Mauer gegen die DDR protestiert. Bei einer Aktion am Grenzübergang Checkpoint Charlie wurde er 1965 nach Übertreten der Grenze in Ost-Berlin verhaftet. Es schlossen sich eine neunmonatige Haft in Hohenschönhausen und weitere vier Monate Gefängnis im sächsischen Bautzen an. Die Bundesrepublik kaufte den Politaktivisten von dort frei. Ursprünglich war Holzapfel zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Er sei sich bewusst, sagte Knabe, dass die Aktion „etwas Irritierendes und Verstörendes hat“. Zu irritieren sei aber das Privileg der Kunst. Schließlich dürfe die DDR nicht nur „vom positiven Ende her“, dem Mauerfall, gedacht werden. Man müsse auch die „bleiernen Jahre“ zuvor sehen. Knabe fügte hinzu, dass seine Einrichtung für die Aktion nur als Gastgeber fungiert.

Holzapfel zufolge bietet die Internet-Übertragung die Möglichkeit, viele Menschen in aller Welt zu erreichen. Vor allem Jugendliche, die überhaupt keine Erfahrung mit dem Unrechtsstaat DDR hätten, sollten angesprochen werden. „Wer hier im Knast saß, wurde rund um die Uhr beobachtet, er hatte keinen Rückzugspunkt. Die Stasi konnte aber keine Gedanken beobachten.“ Deshalb wolle er seine Gedanken während der sieben Tage aussprechen und hörbar machen. Der Tagesablauf sei dem seiner Haftzeit nachempfunden. Verzichtet hätten er und Vu aber auf nachgestelltes Knallen der Zellentüren und Aktionen Uniformierter. Auch simulierte Verhöre gebe es nicht. „Das ist keine Big-Brother-Aktion“, betonte er.

Bei anderen Stasi-Opfern stieß die Aktion hingegen auf Kritik. Ehemalige Häftlinge äußerten ihr Unverständnis. Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) bewertete die Schein-Haft unterschiedlich. Einige Mitglieder würden die Aktion als Geschmacklosigkeit bezeichnen, andere würden sie begrüßen, sagte VOS-Sprecher Ronald Lässig.

Unstrittig sei die Haltung der VOS zu Holzapfels Republikaner-Vergangenheit, fügte Lässig hinzu. Holzapfel hatte am Donnerstag eingeräumt, von 1989 bis 1990 Mitglied der Partei gewesen zu sein und dies als „Irrtum“ und „Zwischenspiel“ bezeichnet. Verschwiegen habe er diese Phase jedoch nie. Die VOS, deren stellvertretender Bundesvorsitzender Holzapfel von 2008 bis Juli 2009 war, sieht sich jedoch getäuscht. Holzapfel habe seine Vergangenheit verschwiegen, sagte Lässig. Mehrere VOS-Mitglieder wünschten den Ausschluss Holzapfels, der weiterhin im Verein ist. Dem Vernehmen nach wird derzeit im VOS ein Ausschlussverfahren gegen ihn betrieben.

Besonders scharf wurde Holzapfel vom verfassungspolitischen Sprecher der SPD im Abgeordnetenhaus, Tom Schreiber, kritisiert. „Das ist ein Deutschnationaler und ein Kommunistenhasser“, sagte Schreiber. Obgleich er die Kunst-Aktion begrüße, sei eine Teilnahme von Holzapfel „verwerflich“. Endlich positionieren müsse sich Holzapfel, was seine Mitgliedschaft im „geschichtsrevisionistischen“ Witikobund angehe.

http://www.stasi-live-haft.de/

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