Protest

16.000 Bürger demonstrieren gegen Fluglärm

Die meisten kamen, um gegen die geplanten Flugrouten zu demonstrieren. Einige waren aber auch nach Schönefeld gekommen, weil sie einen generellen Baustopp für den Flughafen BBI fordern.

Kurz nach 12 Uhr, von einer Minute auf die andere, füllt sich das vorher fast verwaiste Gelände zwischen S-Bahnhof Schönefeld und Flughafen-Terminals. Mit Bussen, Autos und Bahnen wird am Sonntagmittag eine Menschenmenge herangebracht, die sich zügig auf zwei unterschiedlichen Plätzen verteilt. Während sich nach Polizeiangaben etwa 1500 Vertreter vom Bürgerverein Berlin-Brandenburg (BVBB) in der Nähe vom S-Bahnhof sammeln, um einen Baustopp für Schönefeld und einen neuen Flughafen in Sperenberg zu fordern, trifft sich das Bündnis Berlin Brandenburg gegen Flugrouten auf einem Parkplatz vor dem Flughafengebäude. Am Ende vereinen sich die Teilnehmer beider Demonstrationen zu einer Protestbewegung von rund 16.000 Menschen. Was sie eint, sind die gleichen Schicksale, die Angst vor Lärm, Dreck und dem Wertverlust ihrer Häuser sowie das Ziel, das Leben mit einem großen Flughafen so verträglich wie möglich zu gestalten.

Der Protest vor dem Terminal D ist kreativ, bunt und friedlich. Viele Familien sind gekommen, Kinder tollen auf dem matschigen Parkplatz herum, ältere Ehepaare zeigen mit Transparenten und Schildern, was sie von den Flugrouten halten. Eine Sambagruppe versucht, der etwas eingefrorenen Menge einzuheizen, während eine Frau ihre Styroporkonstruktion im Rhythmus wiegt: ein kleines Häuschen, das von einem Flugzeug gerammt wird. Daneben ein Ehepaar mit einem Plakat, auf dem sich Edvard Munchs „Schrei“-Figur unter einen bedrohlichen Flieger duckt.

Peter Kühne steht einige Hundert Meter entfernt vom improvisierten Podium. „Ich habe den Verdacht, dass uns die Politiker hinters Licht geführt haben“, formuliert der 68-Jährige aus Zehlendorf vorsichtig seine Kritik. Andere packen ihre Wut in deftigere Worte. „Eine Sauerei“, tönt es immer wieder über den Platz. „Baustopp“, skandieren andere. In der Menschenmenge steht auch die 18-jährige Ann-Kathrin Kühn aus Kleinmachnow, in Begleitung ihrer Eltern: „Ich habe gehört, dass alle drei Minuten ein Flugzeug vorbeidonnern soll. Das wäre nicht gerade angenehm.“ Die Schülerin macht im nächsten Jahr Abitur und sorgt sich um ihre Schulnoten – insbesondere, wenn es zu dem angekündigten Nachtflugbetrieb kommen sollte.

"Wir lassen uns nicht mehr täuschen"

Um kurz nach zwei schwillt der Lärmpegel deutlich an. Trillerpfeifen und Tröten werden gezückt, Hälse recken sich, um einen Blick vorbei am Fahnenmeer auf die kleine Rednerbühne zu erhaschen. „Das ist die größte Demo, die es je gegen die Flugrouten gab“, ruft Markus Peichl, Sprecher des Bündnisses, ins Mikrofon. „Das ist ein deutliches Signal an alle Verantwortlichen. Wir lassen uns nicht mehr täuschen“, sagt er. Seine letzten Worte gehen im Protestlärm unter. Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) fordert er auf: „Geben Sie uns das Vertrauen in die Politik zurück!“ Erst wenn die Politik die parallelen Flugrouten verbindlich akzeptiere, würden die Bürgerinitiativen an den Verhandlungstisch zurückkehren, um dann mit allen Beteiligten über ein „menschenwürdiges und nachhaltiges “ Konzept für den Flughafen Berlin Brandenburg International (BBI) zu diskutieren.

Peichl warnt Politiker, Flughafenbetreiber und Airlines vor einer weiteren Radikalisierung des Protests. Durch „unerträgliche Tricksereien“ der Verantwortlichen sei dem BBI die moralische Grundlage längst entzogen worden, die Akzeptanz für das Großprojekt schwinde täglich. Mit Blick auf die zweite Demonstration der Baustoppp-Befürworter sagt Peichl: „Bei allen Differenzen haben wir großen Respekt vor ihrem jahrelangen Protest. Wir können ihre Wut und ihre Enttäuschung gut verstehen.“ Es gehe jetzt darum, geschlossen für eine Rückkehr zu den parallelen Flugrouten und ein Nachtflugverbot zu kämpfen. Auch Bündnis-Sprecherin Marela Bone-Winkel gibt sich kämpferisch: „Wir sind viele, wir halten zusammen und wir haben einen langen Atem.“

Einer findet mehr Flugzeuge gut

Ferdi Breidbach, Sprecher des BVBB, bleibt dagegen unerbittlich: Er fordert einen Baustopp in Schönefeld. „In der zweiten Februarhälfte werde ich ein Konzept vorlegen, dass die Eckpunkte für Planungen in Sperenberg und die Nachnutzung in Schönefeld enthält“, sagt Breidbach. Auch die neuen Flugrouten-Vorschläge hätten nichts an seiner Meinung ändern können: Er könne sich mit keiner anfreunden. So geht es auch Frank Sperer. Der 55-Jährige lebt seit zwei Jahren in Eichwalde. Für ihn sind die veränderten Flugrouten „nur ein Planspiel von Platzeck und Wowereit“. Deshalb ist er seit Sonnabend das 3581. Mitglied im Bürgerverein Berlin Brandenburg. Er schätze an dem Verein, dass er seit den 90er-Jahren kontinuierlich die Interessen vieler Bürger vertrete, sagt Sperer. In Eichwalde sei bereits die erste Kita geschlossen worden. Sie müsse wegen des Fluglärms und des Drecks umgebaut werden. Ein Grund mehr für Frank Sperer, sich im BVVB für Sperenberg als die „vernünftigste Variante“ stark zu machen.

Keine großen Chancen rechnen Tom Karczewski und Anja Scheel aus Zeuthen einem Baustopp mehr aus. Zwar waren sie zuerst auf der Demo des BVBB, wechselten aber anschließend wie viele zu der Protestkundgebung der Flugroutengegner. „Die Flugzeuge könnten durchaus steiler starten“ sagt Karczewski. Das sei zwar teurer, würde aber den Fluglärm schneller mildern. Er stamme aus Zeuthen und sei mit dem Flughafen Schönefeld groß geworden. Noch mehr könne er aber nicht ertragen.

Mindestens einer ist am Sonntag bei der Demonstration dabei, der nichts gegen Flugzeuge einzuwenden hat. Der siebenjährige Ben ist mit seiner Mutter aus Rahnsdorf gekommen. Widerwillig. Er beobachte die Flugzeuge total gern von seinem Baumhaus aus, erzählt der Junge. Mittlerweile könne er sie schon an den Heckflügeln unterscheiden. Der Kleine sagt: „Warum nicht noch ein paar mehr Flieger? Wäre doch spannend!“