Olympiapark

Was den Herrn des Glockenturms antreibt

Manfred Uhlitz hat den Glockenturm am Olympiastadion vor mehr als 30 Jahren gepachtet. Der Berliner hat eine Mission.

Foto: Sergej Glanze

"Sind Sie nicht der Student von damals? Der den Glockenturm gepachtet hat?“ Der „Student“ heißt Manfred Uhlitz, ist mittlerweile 54 Jahre alt, hat graue Schläfen und antwortet verblüfft mit „Ja“. Die Frage, die ihm immer mal wieder ältere Besucher stellen, bezieht sich auf einen Artikel in der Berliner Morgenpost. Erscheinungsdatum: 14. Juni 1981.

"Unglaublich, dass sich manche daran erinnern!“ Doch nicht nur darüber wundert sich der Turmherr, der eigentlich Kunsthistoriker bei den Preußischen Schlössern und Gärten werden wollte. Es erstaunt ihn manchmal selbst, dass er immer noch hier ist. „Schließlich sollte das nur ein Job für die Semesterferien sein. Aber es war so lukrativ, dass ich heute noch in meinem Kiosk sitze und Eintrittskarten und Eis verkaufe.“

Ende der 70er-Jahre hatte der Student als Fremdenführer Berlin-Besuchern die Stadt gezeigt. „Das Olympia-Gelände hatte mich schon als Kind fasziniert. Wir wohnten in der Westendallee, und so fuhr ich dort oft mit dem Fahrrad herum. Später, bei meinen Touren, war der Glockenturm daher fester Programmpunkt.“

Eines Tages fuhr der Fahrstuhl nicht, alles schien verwaist. Der Pächter hatte aufgegeben – zu wenig Besucher. Uhlitz zögerte nicht lange, pachtete selbst den Turm – und freute sich bald über 10000 Touristen im Monat. „Durch meine Kontakte zu den Stadtführer-Kollegen kamen nun viel mehr Busse hierher als zuvor.“ Nebenher studierte er weiter Kunstgeschichte, machte 1987 seinen Doktor.

Jetzt ist die Tochter Studentin

An diesem Oktobernachmittag vertritt ihn seine Tochter Friederike im Kartenhäuschen. Sie ist 19 Jahre alt, Jurastudentin. Wie damals schon ihr Vater ist sie zum Geldverdienen hier. Ein Bus aus Dresden hält auf dem weiten Vorplatz. Schnell, bevor die Touristen ihre Tickets haben wollen, bringt sie ihrem „Chef“ zwei Pappbecher mit Kaffee. Auf Klappstühlen setzt er sich mit der Morgenpost-Journalistin – derselben wie 1981 – vor die Eingangssäulen in die Herbstsonne. Und erzählt, was sich verändert hat seit dem letzten Treffen. „Da ist vor allem die Ausstellung zur Geschichte des Berliner Olympiageländes. Zur Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde sie eröffnet, mit großen Informationstafeln, Videofilmen, Simulationen.“

Sechseinhalb Millionen Euro investierte der Senat in das Projekt. Immer wieder hatten Touristen und Berliner zuvor bemängelt, nichts über die Historie des Olympiaparks zu erfahren. Nun wird die Verstrickung von Sport, Politik und Krieg dokumentiert und kommentiert.

Wer kennt schon die Geschichte der Hitlerjugend-Verbände, die – aufgehetzt durch einen hohen Sportfunktionär – im April 1945 versuchten, den von russischen Truppen besetzten Turm samt Maifeld zurückzuerobern? Hunderte Berliner Jugendliche starben, nur wenige Tage vor Kriegsende.

Seit der WM fährt auch ein moderner, gläserner Fahrstuhl hinauf bis zum vierten Geschoss, wo die Glocke hängt. Von dort führt eine Wendeltreppe bis zur 77 hohen Aussichtsplattform. Unverändert eindrucksvoll ist der Blick, die Sicht ist fantastisch: Sieht man nach Südwesten, kann man bis nach Potsdam schauen, wendet man sich nach Osten, sind die Müggelberge zu erkennen. Genau wie vor 29 Jahren, natürlich. Mit einem gewaltigen Unterschied: Der damals scheinbar grenzenlose Blick ging über Mauer und Grenzanlagen hinweg. Man konnte Berlins Schnittwunden der Teilung nur ahnen. Aber sie waren da. Damals. Heute ist der Blick buchstäblich frei – und wirklich grenzenlos.

Wie ein Puppentheater wirkt die Waldbühne gleich unterhalb des Turmes. Uhlitz hat fast alle Konzerte in luftiger Höhe miterlebt. Gerne macht er dann hier oben mit Freunden Picknick, mit Bowle und Bouletten, oder genießt bei einem Glas Rotwein den Sonnenuntergang zu den Klängen der Berliner Philharmoniker. „Etwas Schöneres gibt es kaum.“

Markus Fehrmann ist gerade mit seinen Eltern hier. Der 15-jährige Dresdner kann sich nicht satt sehen. Wenn er die Wahl hätte, lieber in der Waldbühne ein Rock-Konzert zu erleben oder ein Fußballspiel im Olympiastadion, fällt ihm die Entscheidung leicht: „Ich wäre für das Fußballspiel!“ Er sieht auf das mittlerweile überdachte Stadion herab, die Augen leuchten. „Und wer müsste da spielen?“ Wie aus der Pistole geschossen kommt es: „Die Bayern gegen Dynamo Dresden!“

Weiter Blick über die Stadt

Vor dem bunten Laub der Ahornbäume schweben in diesem Moment drei Bussarde über das Maifeld. Markus sieht den Grunewald mit der stillgelegten amerikanischen Abhöranlage, den Funkturm, die Havel. „Wie viel Natur Berlin hat, überall Bäume und soviel Wasser!“ Neben den Dresdnern steht Werner Schumann (72) aus Spandau. Er ist mit seiner Enkelin Josefine (11) da. „Noch nie war ich auf dem Glockenturm, dabei wollte ich hier eigentlich schon seit Jahren rauf. “ Nun ist er da, um seiner Enkeltochter im doppelten Sinne den „Horizont zu erweitern“.

Mit dem Fahrstuhl geht es wieder abwärts. Stopp im Obergeschoss des Turmsockels. Die Langemarck-Halle. Sie erinnert an den „Mythos von Langemarck“, an 80.000 junge deutsche Soldaten, die 1914 auf dem Schlachtfeld von Flandern starben. Ihr angeblich freudiger „Opfertod“ sollte gerühmt werden. So wollten es die Nazis. Uhlitz weist hinaus aus dem offenen, zugigen Steinsaal. Der üble Atem der Geschichte: Hier, am Rande des Maifeldes, trat Hitler 1936 ans Mikrofon und eröffnete die Olympischen Spiele. Damals schallte aus dem Turm dumpfes, erhabenes Glockengeläut. Und später? „Es gibt nur wenige Anlässe“, erzählt der Turmherr, „wie zum Beispiel am Volkstrauertag, wenn hier der Landessportbund Kränze niederlegt.“

Man brauche eigentlich eine Sondergenehmigung vom Senat, um läuten zu dürfen. Uhlitz muss lachen. „Wie gesagt, eigentlich...!“ Wenige Wochen, bevor 1981 der erste Morgenpost-Artikel über den Turm erschien, hatte ein von der britischen Schutzmacht beauftragter Elektriker die Schlüsselgewalt auf seine Weise genutzt. „Im Eingangsgewölbe feierte er Polterabend – und drückte auf den Knopf, der die Glocke in Bewegung setzt!“ Allerdings rief sie nicht, wie 1936, die Jugend der Welt, sondern britische und deutsche Polizei herbei.

Auch, als sie kurz vor dem Mauerfall wieder erklang, war kein offizielles Ereignis der Anlass. „Immerhin, es war mein zehnjähriges Glockenturm-Jubiläum.“ Manfred Uhlitz muss grinsen. „An diesem Abend trat Neil Diamond in der Waldbühne auf, und ich hatte die Ehefrauen der Polizei-Einsatzleiter mit auf den Turm genommen.“ Als die Gruppe oben vor der Glocke stand, schlugen die Damen kichernd vor, das Ding doch mal zu läuten. „So ein Jubiläum sei doch ein Anlass!“ Uhlitz ließ sich überreden.

Strafanzeige wegen Glockengeläuts

Und in dem Moment, als ein Feuerwerk den Himmel über der Waldbühne erleuchtete und das Konzert beendete, sorgte ohrenbetäubendes Läuten für die pompöse, klangliche Untermalung. „Das hatte schon was. Allerdings bekam ich kurz darauf eine Strafanzeige. Die Sache verlief dann aber zum Glück im Sande.“

Was wünscht sich der Turmherr nach drei Jahrzehnten für die Zukunft? „Es wäre gut und wichtig, wenn viel mehr Schulkinder kommen würden. Meine Frau ist Lehrerin und regelmäßig mit ihren Klassen hier – eine Ausnahme. Dabei kann es doch einen anschaulicheren Geschichts- und Heimatkunde-Unterricht kaum geben.“ Uhlitz wirbt weiter für seinen Glockenturm werben.

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