Serie "Das ist Berlin"

Westend - Ein Hauch von England

Westend wurde einst als Villenkolonie geplant. Manche Straßen ähneln heute noch dem noblen Londoner Vorbild. Diesem Charme erliegen auch jüngere Leute.

Es ist noch nicht lange her, da trugen die älteren Damen im Sommer beim Einkauf auf dem Markt putzige weiße Netzhandschühchen. Und die Herren trugen Krawatte, wenn sie mit ihrem Hund Gassi gingen. Das war alles zu einer Zeit, als in Westend die Boutiquen noch "Mode-Truhe" oder "Haus für die Dame" hießen. Ist aber vorbei.

Heute ist der Kiez deutlich jünger geworden, auch wenn der Anteil der Rentner und Pensionäre deutlich über dem Charlottenburg-Wilmersdorfer Durchschnitt liegt. Viele – auch ausländische – Familien haben in Westend ein neues Zuhause gefunden und die einst etwas trutschige Gegend neu belebt. Westend hatte immer viel mit der Vergangenheit zu tun. Nun ist es in der Gegenwart angekommen. Das tut gut.

Ein 800.000-Euro-Witz

Natürlich ist der Ortsteil noch immer vor allem von denen bewohnt, die nicht so sehr auf den Cent schauen müssen. Selbst die Verkäufer der Obdachlosenzeitung, die die Eingänge der Supermärkte belagern, wirken irgendwie schneidiger als ihre Kollegen in Kreuzberg oder Marzahn. Sie tragen gepflegte Lederjacken und machen was her, wie man so sagt.

Bezeichnend auch der an einem Baum befestigte Zettel, auf dem stand: "Haus zum Kaufen gesucht – nicht über 800.000 Euro". Da hatte ein Schnäppchenjäger zugeschlagen oder ein Witzbold. "Nicht über 800.000 Euro" – das muss man sich mal vorstellen.

Den Charme Westends macht vor allem der Teil zwischen Reichsstraße und Spandauer Damm aus, der noch stark von der alten Villenkolonie geprägt ist. Die nach Baumarten benannten Alleen rund um den wunderschönen Branitzer Platz, sind der Lieblingswohnort von Professoren und höheren Beamten, sagt man. Hier liegt ein Hauch von England in der Luft, und bei manchen, die schon etwas länger dort wohnen, schimmert ein liebenswerter Snobismus durch.

Was Geschäfte angeht, besteht Westend eigentlich nur aus einer einzigen Straße. Das ist die Reichsstraße, die vom Theodor-Heuss-Platz ("Theo" genannt) zum Spandauer Damm führt. Allerdings ist sie nur zu einem Teil so richtig belebt und reizvoll zum Gucken und Kaufen. Der Abschnitt vorn am "Theo" hat Allerlei zu bieten. Danach dünnt das Angebot ein wenig aus und kommt Richtung Steubenplatz wieder zur vollen Entfaltung. Die Ecke vom Brixplatz bis zum Spandauer Damm hat dann das gewisse Nichts.

Es kann ganz schön trubelig sein

In Westend kann es aber auch ganz schön trubelig sein. Etwa beim DFB-Pokalfinale. Dann sind alle Parklätze zwischen Olympiastadion und Reichsstraße freizuhalten für die Busse auswärtiger Gäste. Oder beim Warmlaufen am Tag vor großen Massenläufen. Um da die Straßenseite zu wechseln, muss man sich schon einordnen, 100 bis 200 Meter mitlaufen, um auf die andere Seite zu gelangen. Macht aber Spaß. Außerdem kann man sagen, dabei gewesen zu sein. Bei Heimspielen von Hertha BSC kommt es – je nach Tabellenstand und Zuschauerinteresse – zu größeren Verkehrsengpässen.

Westend hat zu allen Zeiten Prominente angezogen. Herausragend ist natürlich der Dichter Joachim Ringelnatz (1883–1934). Der wohnte am Brixplatz, der damals noch Sachsenplatz hieß. Morgens um zehn zog er mit seinem Hund die Reichsstraße hoch zum Steubenplatz und gönnte sich zum Frühstück in der Künstlerkneipe "Westend-Klause" einen doppelten Malteser. Die kultige Trinkstätte an der Reichsstraße 80B erinnert noch heute an den legendären Sachsen, der auf dem Friedhof an der Trakehner Allee seine letzte Ruhe fand.

Freunde der Literatur wandeln gern auf den Pfaden des sogenannten Ringelnatz-Dreiecks. Das führt von seinem Wohnhaus am Brixplatz über die Westendallee rechts in die Olympische Straße zum Friedhof ans Grab und dann zurück in die „Westend-Klause“. Zum Wohle auf den Meister!

Wo die Quasselstrippe einkaufte

Apropos Friedhof: Der war auch mal nach einem Besuch von Wildschweinen, die ihren Nachwuchs beschützten, geschlossen. Sehr zum Verdruss der ausgesperrten Damen und Herren, die mit ihren Gießkannen und Harken draußen bleiben mussten. Eine Situation, die Ringelnatz bestimmt amüsiert hätte.

Neben vielen anderen war auch "Stachelschwein" Wolfgang Gruner (1926–2002) ein großer und bekennender Westender. Man sah ihn oft am Freitagmittag auf dem Wochenmarkt in der Preußenallee, weil dann kurz vor Marktschluss die Obst- und Gemüsepreise purzelten. Die beliebte Quasselstrippe achtete sehr aufs Geld und galt nicht gerade als Verschwender.

Was eigentlich alle Westender loben, ist die Lage ihres Kiezes. Ganz in Nähe des Grunewalds, ist man innerhalb von fünf Minuten mit dem Auto am Kurfürstendamm. Außerdem führt die Buslinie 104 dorthin, und von der U-Bahn-Station Neu-Westend ist man auch in Kürze in der City. Für die Schauspielerin Dagmar Biener, die gerade im "Jedermann" zu sehen war, gehört Westend "zu den schönsten Wohngegenden Berlins". Ihr Haus an der Nussbaumallee mit Garten ist eine Oase.

Zu den Haut-und-Haar-Westendern zählt auch die Buchhändlerin Ursula Kiesling, die den "Divan" (Reichsstraße 104) und damit ein Stück Buchkultur betreibt. Sie ist außerdem Vorsitzende der Interessengemeinschaft Reichsstraße, in dieser Funktion auch Mitorganisatorin der Weihnachtsbeleuchtung und des sogenannten Reichsstraßenfestes.

Senator Sarrazin kauft Brötchen

Das durfte in diesem Jahr nicht stattfinden, weil das Bezirksamt die Reichsstraße wegen der Bauarbeiten an der Spandauer-Damm-Brücke als Umgehungsstraße einstufte. Auch sollten hier während dieser Zeit keine Baumaßnahmen stattfinden. Das allerdings hat sich offenbar nicht so recht rumgesprochen. Die Reichsstraße vor dem Steubenplatz ist ein einziger Buddelplatz, auf dem allerdings erstaunlich wenig Bauarbeiter zu sehen sind. Vielleicht klappt es ja doch mal wieder mit dem Straßenfest. Manchen Anwohnern hatte es zuletzt wegen der Imbissbudenschwemme nicht gefallen. Nun mosern sie, dass es das Fest nicht mehr gibt.

Bleibt noch unser Finanzsenator Thilo Sarrazin zu erwähnen. Der Sparapostel wohnt ebenfalls in Westend und kommt sonntags mitunter zum Brötchenkauf in die "Wiener Conditorei" am Steubenplatz. Brötchen, lieber Senator unserer Herzen, könnte man auch beim Discounter kaufen und sie daheim aufbacken. Kommt billiger. Westender bleibt man ja trotzdem.