Geschichtsmeile

Neuer Lernort zur Stasi an der Zimmerstraße

Die neue Dauerausstellung der Stasi-Unterlagen-Behörde wird von Bundespräsident Christian Wulff eröffnet. Die Schau soll Interessierte mit wenig Zeit bewusst nicht überfordern und viele Besucher anlocken.

Das Corpus Delicti maß einen mal anderthalb Meter. Die Wandzeitung, die der 21-jährige Krankenpfleger Thomas Jonscher eine Woche vor dem Staatsfeiertag der DDR aufgehängt hatte, brachte ihn für fast zwei Jahre hinter Gitter. Denn darauf stand beispielsweise unter der Überschrift „Ein guter Sozialist fegt zuerst vor der eigenen Tür“ eine Liste ausgewiesener, also „herausgefegter“ DDR-Künstler, von Jurek Becker und Wolf Biermann über Nina Hagen und Sarah Kirsch bis hin zu Klaus Schlesinger und Joachim Seyppel.

Zwei Tage nachdem Jonscher die Wandzeitung aufgehängt hatte, erließ das MfS einen „Haftbeschluss“. Als Grund wurde festgehalten: „Jonscher ist dringend verdächtig, gegen die verfassungsmäßigen Grundlagen der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung der DDR aufgewiegelt zu haben.“ Er wurde zu 18 Monaten Haft verurteilt, die er absitzen musste.

Der Fall Thomas Jonscher ist eines von sechs individuellen Beispielen, die im Mittelpunkt der neuen Dauerausstellung der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) stehen. Bundespräsident Christian Wulff eröffnet an diesem Sonnabend an der Zimmerstraße 90/91 die neue Schau. Sie war nötig geworden, weil das Informationszentrum der BStU seinen bisherigen Standort an der Mauerstraße zugunsten der Erweiterung von Regierungsgebäuden aufgeben musste. Ohnehin entsprach die dort gezeigte Ausstellung von 1998 weder dem aktuellen Stand der Forschung noch den Erwartungen der Besucher. Also wurde für den neuen „Lernort“ (Birthler) eine komplett neue, heutigen ästhetischen Ansprüchen angepasste Ausstellung erarbeitet. Einschließlich mehrsprachiger Prospekte und der Audioguides sowie des neuen Katalogs kostete das Gesamtprojekt 720000 Euro.

Die hohe Investition könnte sich für die Behörde dennoch lohnen. „Ich glaube, wir werden hier einen neuen Schub bekommen“, sagte Birthler. Das alte Informationszentrum nahe der Wilhelmstraße hatte nie mehr als 50000 Besucher im Jahr angezogen. Verglichen mit den Besucherzahlen des Stasi-Museums in der früheren MfS-Zentrale in Lichtenberg, war das wenig – 2009 kamen in die vom Verein Antistalinistische Aktion betriebene Ausstellung trotz fünf Euro Eintritt 92.000 Besucher, im vergangenen Jahr trotz Umzugs sogar 98000 Interessierte.

Mit dem neuen Standort der BStU-Ausstellung strebt die Behörde ähnliche Besucherzahlen an, auch wenn es offiziell heißt, man habe keine konkreten Erwartungen. Die Lage ist tatsächlich ideal: Das Haus hat einerseits eine bewegte Vorgeschichte unter anderem als Redaktion des NSDAP-Blattes „Völkischer Beobachter“, als Sammellager für Berliner Juden vor ihrer Deportation nach Auschwitz 1943, als erster Druckort des SED-Zentralorgans „Neues Deutschland“ und als Quartier der DDR-Grenzposten unmittelbar am Todesstreifen.

Andererseits liegt der restaurierte Bau direkt an der Haupt-„Geschichtsmeile“ der Stadt, zwischen der Dokumentation Topographie des Terrors mit dem wichtigsten innerstädtischen Rest der Mauer und dem Checkpoint Charlie, einem der weltweit bekanntesten Touristenziele der Stadt. Hunderttausende Besucher gehen jedes Jahr die Zimmerstraße entlang. So könnte die Besucherzahl schon im ersten Jahr sechsstellig werden.

Die Schau soll selbst den eiligen Besucher bewusst nicht überfordern. Neben den sechs Beispielen für Menschen, die in die Fänge der Stasi gerieten, gibt es neun kleine Vitrinen mit jeweils zwei bis vier Originalexponaten zum Apparat, zu seinen Methoden und den Tätern. Der dritte Teil der Ausstellung sind große Schiebewände mit Fotografien, die den Einfluss der Stasi auf den Alltag illustrieren. Denn auch wenn viele ehemalige DDR-Bürger es seinerzeit nicht wussten oder bis heute nicht wissen wollen: Die Geheimpolizei war stets präsent, sei es bei den wenigen möglichen Reisen ins sozialistische Ausland oder an die Ostsee, in den stets überwachten Kirchen oder am Arbeitsplatz.

Stasi. Die Ausstellung zur DDR-Staatssicherheit. Zimmerstraße 90/91, Berlin-Mitte. Mo.–Sbd., 10–18 Uhr. Geöffnet ab 15. Januar 2011, 14 Uhr. Eintritt frei, Katalog 12 Euro.