Juwelen-Raub

Polizist schießt Flüchtigen in Wedding nieder

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Michael Behrendt und Steffen Pletl

Ein Zivilpolizist schießt nach dem Überfall auf einen Juwelier einem fliehenden Räuber ins Bein. Mittlerweile wurden zwei der Täter festgenommen, die Fahndung nach dem dritten ist bislang erfolglos.

Ein flüchtendes Räubertrio hat die Polizei in Wedding in Atem gehalten. Nachdem die drei Männer am Donnerstagvormittag ein Juwelier-Geschäft an der Müllerstraße überfallen hatten, waren sie zunächst entkommen, aber wenig später von einer Zivilstreife entdeckt worden. Ein Beamter schoss auf einen der Männer und traf ihn ins Bein. Ein weiterer wurde wenig später gestellt. Ein dritter Komplize konnte fliehen. Nähere Einzelheiten wollte die Polizei am Freitag aber aus "ermittlungstaktischen Gründen“ nicht nennen.

Gegen 11.30 Uhr waren die drei maskierten Täter in die Ladenräume gestürmt und hatten die Angestellten mit Schusswaffen bedroht, um an Bargeld und Schmuck zu kommen. Anschließend zertrümmerten sie mit Hämmern die Auslagen, sprangen mit ihrer Beute in einen vor dem Geschäft haltenden silbergrauen Mercedes „M-Klasse“ und rasten davon. Die überfallenen Geschäftsleute konnten den Polizisten allerdings eine genaue Beschreibung des Fahrzeugs geben. Nur Augenblicke später wurden bereits alle stadtweit eingesetzten Funkstreifen mit den Informationen versorgt.

Schuss in den Oberschenkel

Knapp 30 Minuten später entdeckte eine Zivilstreife den beschriebenen Wagen mit einem Schaden im Frontbereich an einem stillgelegtem Bahngelände an der Swinemünder Straße Höhe Hausnummer 64 verlassen vor, nur knapp vier Kilometer vom Tatort entfernt. Zeugen berichteten den Beamten, dass aus diesem Fahrzeug drei Männer in eine Grünanlage geflüchtet seien. Nach kurzer Verfolgung zu Fuß konnten die gesuchten Männer eingeholt werden. Einer der Beamten soll die Flüchtenden aufgefordert haben, stehen zu bleiben. Anschließend feuerte er einem der Räuber ins Bein. Der 24-Jährige wurde überwältigt, festgenommen und anschließend zur Behandlung in die Charité gefahren. Dort wurde ihm das Projektil aus dem Oberschenkel operiert. Lebensgefahr besteht nicht. Er soll bereits wegen einer Vielzahl von Delikten einschlägig bekannt sein.

Zeitgleich beteiligten sich weitere Polizeieinheiten an der Fahndung nach den zwei flüchtigen Tätern. Auf dem Brachgelände an der Swinemünder Straße wurde eine Polizeikette gebildet, um den Ort genauer abzusuchen. Wenig später wurden die Einsatzkräfte fündig – einer der Gesuchten hatte sich neben einem Waggon in einem Gebüsch versteckt. Der 21 Jahre alte Mann – bei ihm soll es sich um einen polizeibekannten Intensivtäter handeln – wurde ebenfalls festgenommen und mit einer Jacke über dem Kopf zum Mannschaftswagen geführt. Er leistete dabei keinen Widerstand. Zwischenzeitlich wurde auch die Mordkommission in den Fall eingebunden – dies ist bei der Schussabgabe durch Polizeibeamte gesetzlich vorgeschrieben.

Der 53 Jahre alte Inhaber des Juweliergeschäftes erfuhr von Reportern von Morgenpost Online von der Festnahme zweier Täter. „Ich bin sehr erleichtert, dass die Polizei so schnell einen Erfolg verbuchen kann“, so der Geschäftsmann. Die Sekunden der Tat beschrieb er als schreckliches Erlebnis. „Ich hatte den Geschäftsraum für einen Augenblick verlassen, als ich die Schreie meiner 52 Jahre alten Angestellten hörte. Ich sah, wie die Räuber die Auslagen mit ihren Hämmern zerstörten und Ringe, Halsketten und Armbänder aus Gold in große Beutel stopften. Einen davon haben sie hier bei ihrer Flucht verloren.“ Ihm und seiner Mitarbeiterin steckte der brutale Zwischenfall auch nach Stunden noch in den Knochen. „Wir stehen hier alle unter Schock, aber wir sind auch unendlich dankbar, dass niemand von uns verletzt worden ist. Das war wirklich eine schwere Tat.“

Die Hoffnung, die Beute nach der Festnahme zweier Täter wiederzubekommen, schien sich bis zum Abend nicht zu erfüllen – zwar wurden auf dem Fluchtweg der Täter „Vermummungsgegenstände“ sichergestellt, die geraubten Schmuckstücke blieben zunächst allerdings verschwunden. „Wir haben das Geschäft jetzt seit elf Jahren an der Müllerstraße gegenüber von Karstadt“, sagte das Opfer. „Wir haben eine große Stammkundschaft und sind bislang von solchen Überfällen verschont geblieben. Wenn man mitbekommt, dass andere Opfer bei solchen Sache gestorben sind, können wir noch von Glück reden.“ Der Geschäftsmann will trotz des Traumas seine Geschäftsräume bald wieder öffnen.

Mordkommission ermittelt

Wie üblich bei Schussabgaben durch Polizisten führt eine Mordkommission des Landeskriminalamtes (LKA) die weiteren Ermittlungen. Die Beamten sollen nun den genauen Hergang des Zwischenfalls rekonstruieren. Bislang, so ein Polizist, gebe es keine Hinweise darauf, dass der Schuss ungerechtfertigt gewesen sei. Mit einem Ergebnis der Untersuchungen wird in den kommenden Tagen gerechnet. Dem Gesetz nach darf die Polizei auf flüchtende Tatverdächtige schießen, wenn diese in dringendem Verdacht stehen, ein Verbrechen oder „ein Vergehen unter Mitführung von Waffen oder Sprengstoffen“ begangen zu haben. „Da die Beschuldigten bewaffnet waren, hat der Kollege richtig und den Vorschriften entsprechend gehandelt.“

Im Juli des vergangenen Jahres hatte es einen ähnlichen Zwischenfall in Spandau gegeben. Ein 26-Jähriger hatte damals eine Filiale der Volksbank an der Sakrower Landstraße im Ortsteil Kladow überfallen. Als der Alarm ausgelöst wurde, flüchtete der Täter ohne Beute und versteckte sich. Bei der anschließenden Suche in der Umgebung entdeckten Einsatzkräfte einen Mann, auf den die Beschreibung passte. Als er die Flucht ergriff, gab der Beamte zwei Schüsse aus seiner Dienstwaffe auf ihn ab und traf in die Bein- und Leistengegend.