Integrationsprobleme

Experte fordert mehr Mischung an Schulen

Der Soziologe Hartmut Häußermann fordert als Maßnahme gegen Schüler-Mobbing mehr gemischte Klassen und plädiert für Aufhebung der Einzugsgebiete.

Angesichts der Probleme mit der Integration von Kindern nicht deutscher Herkunft wird eines immer deutlicher: Eine gute Mischung von Schülern an einer Schule ist die Grundvoraussetzung für Spracherwerb und Integration. Ist diese Mischung nicht mehr da, kommt es zu rassistischem Verhalten der Mehrheit gegenüber der Minderheit, und auch der Spracherwerb wird schwierig. Morgenpost Online sprach darüber mit dem Stadtsoziologen Hartmut Häußermann.

Morgenpost Online: Herr Häußermann, kann überhaupt noch etwas dagegen getan werden, dass es an vielen Schulen keine gute Schülermischung mehr gibt?

Hartmut Häußermann: In einigen Bereichen scheint es bereits zu spät zu sein. Es gibt Stadtteile, in denen die Migranten überwiegen und dort eben auch solche Schulen. An anderen Schulen sind hingegen fast nur deutsche Kinder. Dagegen hätte man bereits vor zehn Jahren etwas unternehmen müssen. Ich habe jahrelang darauf hingewiesen, dass eine heterogene Schülerschaft entscheidend für den Lernerfolg der Kinder ist. In gut gemischten Schülergruppen werden zum Beispiel lernschwächere Schüler stärker mitgezogen und motiviert. Mobbing gibt es in solchen Gruppen ebenfalls nicht. Das ist nur möglich, wenn eine Gruppe absolut in der Überzahl ist.

Morgenpost Online: Bei der Suche nach Lösungen kommt immer wieder das sogenannte Bussing ins Gespräch. Das bedeutet, dass Schüler von einem Stadtteil in den anderen gefahren werden, um eine gute Mischung zu schaffen. Was halten Sie davon?

Häußermann: Politiker haben mir immer wieder gesagt, dass das nicht funktioniert, dass die Mittelschicht das nicht mitmacht. Ich denke, man sollte es ausprobieren. Schulen, die mehr Kinder nicht deutscher Herkunft aufnehmen wollen, müssten unterstützt werden, etwa mit zusätzlichen Lehrern für Sprachförderung. In vielen Kiezen ist das aber gar nicht mehr möglich, weil an den Schulen bereits 80 bis 90 Prozent Kinder nicht deutscher Herkunft sind. Dort brauchen wir grundlegende Änderungen.

Morgenpost Online: Wie könnten die aussehen?

Häußermann: Die Schulen müssen von Grund auf umgestaltet, zum Teil sogar neu gebaut werden. Wie etwa die Rütli-Schule. Das heißt, die Schulkonzepte müssen für alle Schüler attraktiv sein. Das bedeutet aber auch, dass wir die Einzugsgebiete aufheben müssen. In Zukunft sollte allein das Schulprofil für die Entscheidung der Eltern ausschlaggebend sein. Es sollte so beschaffen sein, dass es Kinder aus allen Stadtteilen anzieht.

Morgenpost Online: Gilt das auch für Grundschulen? Bislang war da ja vor allem die Wohnortnähe entscheidend.

Häußermann: Ja, auch die Grundschulen sollten nicht mehr ortsgebunden sein. Wir müssen das schaffen, sonst wird sich die Trennung der Schülerschaft nach Herkunft immer weiter verfestigen. Auch bei den Grundschulen sollte künftig das Schulprofil für die Wahl der Eltern entscheidend sein.

Morgenpost Online: Braucht es dafür mehr Geld?

Häußermann: Ja, die Schulen müssen so ausgestattet werden, dass sie auch am Nachmittag sinnvolle Bildungs- und Freizeitangebote machen können. Wir haben zwar schon viele Ganztagsgrundschulen, an einer wirklich guten Nachmittagsbetreuung fehlt es aber oft noch. Diesbezüglich sollten auch die Eltern stärker mit einbezogen werden. Außerdem brauchen wir viel mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologen. Gleichzeitig sollten Schulen weniger bürokratisch agieren und viel eigenständiger und offener sein dürfen.

Morgenpost Online: Ist allen Beteiligten klar, dass Schule sich grundlegend ändern muss?

Häußermann: Nein, überhaupt nicht. Im Moment erleben wir meiner Meinung nach eine regelrechte Bildungskatastrophe. Statt beispielsweise für eine gute Mischung zu sorgen, sind bildungsbewusste Eltern gerade dabei, sich mehr und mehr abzusondern und ihre Kinder dort anzumelden, wo sie unter sich sind. In einer Großstadt wie Berlin, wo es in der Innenstadt eine Vielzahl von Schulen gibt, ist das auch sehr leicht möglich. Doch so darf es nicht weitergehen. Diese Entwicklung muss unbedingt gestoppt werden, sonst wird es zu einer Entmischung der Schüler kommen, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Mobbing ist dann hausgemacht.