Sanierungskonzept

Neue Spekulationen um Kudamm-Karree

Die irische Ballymore Gruppe will 400 Millionen Euro in das heruntergekommene Kudamm-Karree investieren. Doch die Bürgerinitiative zur Rettung der Boulevard-Bühnen bezweifelt, dass der Investor es ernst meint.

Foto: © David Chipperfield Architects

Gerade erst hat der Kurfürstendamm seinen Anspruch, der einzig wahre Prachtboulevard Deutschlands zu sein, untermauert und ist nun Mitglied der „Vereinigung der weltweit bekannten Hauptstraßen“. Doch ausgerechnet in der Mitte des 3,5 Kilometer langen Berliner Pendants zur Londoner Oxford Street oder den Pariser Champs-Élysées sieht es alles andere als weltstädtisch aus. Das Kudamm-Karree, in typischer 70er-Jahre-Manier verschachtelt und mit vielen leer stehenden Läden und Büros, wirkt wie ein Relikt aus alten Mauerzeiten. Weil aber in dem Komplex die Traditionsbühnen Komödie und Theater am Kurfürstendamm beheimatet sind, gibt es Menschen wie Franziska Eichstädt-Bohlig, die sich den Umbauplänen für das Karree entgegenstellen. Dass die Stadtplanerin und Grünen-Abgeordnete sich dafür von den Befürwortern des Bauvorhabens als Vertreterin des „alten verstaubten West-Berlin“ beschimpfen lassen muss, schmerzt sie.

"Wir beharren doch gar nicht auf dem derzeitigen Zustand“, sagt Franziska Eichstädt-Bohlig. „Wir haben nur etwas dagegen, dass die Stadt sich immer wieder für Spekulationsgeschäfte einspannen lässt.“ Die 69-Jährige ist stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Grünen und Mitglied der Initiative „Rettet die Kudamm-Bühnen“, die gerade ein Bürgerbegehren für den Erhalt der Bühnen erfolgreich durchgesetzt hat und nun dafür kämpft, dass der Bürgerentscheid im Januar den Investoren endgültig einen Strich durch die Rechnung macht. Der Initiative gehören rund 100 Mitglieder an, darunter Theaterclub-Betreiber Otfried Laur und der Historiker Dietrich Worbs. Denn allein um Spekulationsgeschäfte geht es nach Auffassung der Politikerin bei dem Vorhaben, das die irische Ballymore Gruppe, der aktuellen Besitzer der langjährigen Problemimmobilie, am Kurfürstendamm durchziehen will.

Das Misstrauen scheint mit Blick auf die Historie des Gebäudes verständlich: In den 80er-Jahren hatte Berlin das Karree für 45 Millionen Mark an den deutsch-israelischen Kaufmann Rafael Roth verkauft. Immerhin investiert dieser rund 100 Millionen Mark, bevor er es 2001 für 194 Millionen Euro an die DB Real Estate weiterreichte. 2006 veräußerte die Deutsche-Bank-Tochter das Karree in einem 2,1 Milliarden Euro schweren Immobilienpaket mit 61 Objekten weiter an die Fondsgesellschaft Fortress, die nach nur einem Jahr das Kudamm-Karree aus dem Paket herauslöste und für 155 Millionen Euro der Ballymore Gruppe verkaufte.

400 Millionen Euro Investition

Dass Ballymore, wie angekündigt, wirklich vorhat, 400 Millionen Euro in den Komplex zu investieren, bezweifelt die Bauexpertin indes. „Viele lassen sich davon blenden, dass der Investor mit David Chipperfield einen Stararchitekten beauftragt hat“, sagt Eichstädt-Bohlig. Doch sehe man von den aufgehübschten Fassaden ab, werde schnell klar, worum es bei dem Projekt eigentlich geht: „Da ist einfach eine weitere Shopping-Mall geplant.“ Dass Ballymore nach aktuellen Umplanungen nun zumindest ein Theater vorn am Kurfürstendamm belassen will – wenn auch in den dritten Stock geliftet – sei mitnichten ein gutes Zeichen, befürchtet Eichstädt-Bohlig. „Wenn der Investor erst einmal die Abrissgenehmigung für die alten Theater hat, kann er doch mit gutem Profit weiterverkaufen – ohne neues Theater, das nur wenig Miete zahlen kann, und mit 10.000 Quadratmetern zusätzlicher Handelsfläche.“ Für solche Geschäfte, fordert die Politikerin, solle der Bezirk kein grünes Licht geben. Auf den Bürgerentscheid, der die Wahlberechtigten im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf im Januar an die Wahlurnen ruft, werde man deshalb als politisches Druckmittel nicht verzichten.

Rechtlich relevant ist der Entscheid jedoch nicht, wie auch die Initiative weiß. Den Bestandsschutz der Theater hat sich Berlin in den 90er-Jahren für vier Millionen Euro abkaufen lassen. Und unter Denkmalschutz stehen die beiden Theater ebenfalls nicht. Dennoch ist Eichstädt-Bohlig der Auffassung, dass das Bezirksamt für den Bestand der Unternehmen mehr leisten könnte. „Der Bezirk will jetzt einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan aufstellen, der nur die Eigentümer-Wünsche berücksichtigt“, kritisiert sie. Dabei könne man über die Baunutzungsverordnung auch zu diesem Zeitpunkt noch bestimmen, dass die Theaternutzung am angestammten Platz im Erdgeschoss festgeschrieben wird.

„Überall in Berlin ist doch die Kultur auf dem Rückzug, und die Shopping-Malls sind auf dem Vormarsch“, so die Grünen-Stadtentwicklungsexpertin. Auch am Tacheles und am Postfuhramt an der Oranienburger Straße in Mitte ließen sich diese Bestrebungen beobachten. „Wer uns vorwirft, wir würden die Modernisierung des Kurfürstendamms verhindern und uns am verstaubten West-Berlin festklammern, spielt nicht mit offenen Karten“, sagt Eichstädt-Bohlig. „Denn zum Flanieren gehören auch Theater, Kinos, Cafés und Restaurants.“ Was der Boulevard nicht brauche, sei weitere Shoppingfläche.

David Chipperfield hat nach Protesten seine ursprünglichen Pläne für das Kudamm-Karree überarbeitet. Demnach darf nun eines der beiden Theater vorn am Kurfürstendamm bleiben. Allerdings soll es in den dritten Stock verlagert werden, damit die unteren Geschosse als Einzelhandelsflächen vermietet werden können David Chipperfield Architects