Winterchaos

Wowereit fordert S-Bahn zu Entschädigungen auf

Die Berliner S-Bahn soll die Kunden erneut entschädigen, fordert der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Er spricht von einem "Debakel" - und nimmt die S-Bahn-Beschäftigten in Schutz.

Zugausfälle, Wartezeiten, stillgelegte Strecken: Die Berliner S-Bahn, die werktags mehr als 1,3 Millionen Menschen befördert, startet mit einem neuen Notfahrplan ins neue Jahr. Vier Strecken am Stadtrand befährt die Tochter der Deutschen Bahn AG gar nicht mehr. Auf anderen Strecken werden die Taktzeiten noch einmal ausgedünnt. Für Verärgerung sorgte zusätzlich, dass ausgerechnet in dieser Situation eine Tariferhöhung im Berliner Verkehrsverbund in Kraft tritt.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte am Sonntag wegen des „Debakels“ bei der S-Bahn eine schnelle Entschädigung der Kunden. Außerdem forderte er die S-Bahn auf, „alles zu unternehmen, um ihre Aufgaben im Interesse der Berlinerinnen und Berliner schnellstmöglich wieder wahrnehmen zu können“. Wie eine S-Bahn-Sprecherin am Sonntag mitteilte, sind am Montag, wenn auch die Schule wieder beginnt, wie angekündigt nur noch 213 sogenannte Viertelzüge (Doppelwagen) auf den Schienen unterwegs. Für die kommenden Tage rechnet die Bahn im Schnitt mit 200 Viertelzügen. Für einen normalen Betrieb wären mit 562 Viertelzügen etwa dreimal so viel erforderlich. Zwar hätten sich die Auftauzeiten für die Züge in den Werkstätten durch die etwas wärmeren Temperaturen verkürzt. „Das ist aber für die Kunden noch nicht spürbar“, sagte die Sprecherin am Sonntag. Wowereit betonte, die Fahrgäste hätten ein Anrecht auf die mit ihrer Fahrkarte erworbene Leistung. Wenn das Unternehmen diese nicht erbringen könne, sei ein finanzieller Ausgleich zwingend geboten. „Angesichts der zu erwartenden massiven Einschränkungen erwarte ich eine schnelle und angemessene Entschädigungsregelung für die Kunden.“

Die Bahn-Sprecherin wollte sich am Sonntag auf Anfrage nicht zu möglichen Entschädigungen äußern. Die Mitarbeiter des Unternehmens nahm Wowereit in Schutz. Sie trügen keine Verantwortung für das „Debakel“ und machten unter schwierigen Bedingungen einen guten Job.

Die Berliner Grünen fordern wegen der anhaltenden Probleme bei der S-Bahn eine Aufstockung des Personals und die Anschaffung neuer Züge. Es müssten sofort konkrete Maßnahmen ergriffen werden, sonst bleibe das S-Bahnchaos bis 2017 erhalten, kritisierte die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Claudia Hämmerling.

Hämmerling forderte den Berliner Senat zugleich auf, den "Kuschelkurs" gegenüber der Bahn zu beenden. Dieser sei „mitverantwortlich für das anhaltende S-Bahnchaos“. So helfe die Betroffenheitsrhetorik des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) nicht weiter. Wowereits Kritik und Forderungen gegenüber dem S- Bahnmanagement würden von den Bahnverantwortlichen nicht ernst genommen.

Nach Angaben der S-Bahn verkehren bis auf weiteres auf der Ringbahn die Züge der Linien S41 und S42 im 10-Minuten-Takt, auf allen anderen Verbindungen im 20-Minuten-Takt. Die S45 (Südkreuz bis Schönefeld) und S85 (Waidmannslust bis Grünau) fällt weiterhin aus. Nicht befahren werden die Strecken zwischen Westkreuz und Spandau (S75), Schönholz und Hennigsdorf (S25), Springpfuhl und Wartenberg (S75) sowie zwischen Strausberg und Strausberg Nord (S5). Zwischen Hennigsdorf, Tegel und Wilhelmsruh sowie zwischen Strausberg und Strausberg Nord werde ein Busersatzverkehr eingerichtet, hieß es auf der Internetseite. Die DB-Regionalbahn und die Niederbarnimer Eisenbahn wollen mit zusätzlichen Zügen aushelfen. Auch die Berliner U-Bahn bietet ab Montag zusätzliche Fahrten an.

Am Neujahrsmorgen trat außerdem eine Tariferhöhung für den Berliner Verkehrsverbund (VBB) in Kraft, die neben den Bus- und U- Bahn-Fahrern auch die S-Bahn-Kunden trifft. Im Schnitt wurden die Ticketpreise im VBB um 2,8 Prozent erhöht. Es ist die erste Tariferhöhung im Verbund nach knapp drei Jahren. In Berlin kostet der Einzelfahrschein AB künftig 20 Cent mehr, nämlich 2,30. Ein Fahrschein bis ins Umland (ABC) kostet 3 Euro. Eine Tageskarte kostet 6,30 Euro (bisher 6,10 Euro), eine Monatskarte 74 statt 72 Euro.

Seit Anfang Dezember traten nach Angaben der Bahn mehr als 1000 Antriebsstörungen an Elektronik und Fahrmotoren auf, von denen bisher rund 900 abgearbeitet wurden. Rund 220 Fahrmotoren mussten ausgetauscht werden. Die Züge mussten in den vergangenen Wochen vor den Werkstätten aufwendig enteist werden. Probleme mit Rädern und Achsen, versäumte Wartungen und Missmanagement hatten die S-Bahn schon vor gut eineinhalb Jahren in die Krise gestürzt. Ausgangspunkt des Desasters war der Bruch einer Radscheibe. Zeitweise stand die Bahntochter vor dem Zusammenbruch. Im vergangenen Herbst schien das Unternehmen den Betrieb wieder zu stabilisieren. Doch der frühe Wintereinbruch mit unzähligen Verspätungen und Zugausfällen ließ die Hoffnungen hunderttausender Fahrgäste und der Verkehrspolitiker wieder sinken.