Organisierte Kriminalität

Wie die Russenmafia in Berlin abkassiert

Vor wenigen Tagen nahm die Polizei in Berlin ein hochrangiges Mitglied der Russenmafia fest. Er wurde mittlerweile nach Spanien ausgeliefert. Seine Geschäfte hatte er über Berlin abgewickelt – längst kein Einzelfall. Die Russenmafia ist in der Hauptstadt fest etabliert.

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Das mutmaßliche ranghohe Mitglied der weitverzweigten Russenmafia, Michail R., wird an die spanische Justiz ausgeliefert. Das hat das Kammergericht entschieden. Der 55-Jährige war am 19. Juni in Berlin festgenommen worden. Grundlage war ein internationaler Haftbefehl, den Spanien wegen Geldwäsche, Urkundenfälschung und Unterstützung einer kriminellen Vereinigung ausgestellt hatte.

Die spanischen Behörden hatten vor zwei Wochen in einer landesweiten Aktion 20 führende Köpfe der Russenmafia festgenommen. Ihnen werden schwerstkriminelle Aktivitäten wie Mord, Erpressung, Waffenhandel und Drogenschmuggel vorgeworfen.

Michail R., der aus Sankt Petersburg stammt, lebt bereits seit mehr als 30 Jahren in Berlin. Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden zählt er zu den maßgeblichen Mitgliedern der Mafiaorganisation Tambowskaja-Malischewskaja. Nach dem Schlag gegen diese Organisation in Spanien führte eine Spur zu einer lettischen Bank in Berlin, über die möglicherweise Geld aus kriminellen Geschäften der Organisation "gewaschen" wurde. Nach Angaben eines Ermittlers arbeitet die Ehefrau von R. in dieser Bank.

Dass im Ausland erzielte Gewinne großer Verbrechersyndikate in Berlin "gewaschen" werden, ist nicht ungewöhnlich. Besonders osteuropäische Organisationen nutzen wegen der geografischen Nähe und aufgrund ihrer vielfältigen Verbindungen in die Stadt die Dienste Berliner Geldinstitute.

"Seit der Jahrtausendwende hat sich die Anzahl solcher Fälle mehr als vervierfacht. Insbesondere Personen aus der ehemaligen Sowjetunion bewegen hier große Summen im dreistelligen Millionenbereich", berichtet ein Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA). Nach einem Bericht des Bundeskriminalamtes (BKA) zur Wirtschaftskriminalität verzeichnet derzeit lediglich die Bankenmetropole Frankfurt mehr Fälle.

Vielzahl von Banden

Das Prinzip der Geldwäsche funktioniert denkbar einfach. Gewinne aus kriminellen Geschäften werden so lange über Konten von eigens gegründeten Scheinfirmen zwischen verschiedenen Banken hin und her geschoben, bis ihre ursprüngliche Herkunft kaum noch festzustellen ist. Ist aus "schmutzigem" schließlich "sauberes" Geld geworden, wird es in völlig legale Geschäfte investiert, vor allem in Immobilien. Die Mitglieder der Organisationen, die dann als Investoren auftreten, lassen sich nicht im Mindesten mit kriminellen Geschäften in Verbindung bringen. Im Gegenteil, sie bewegen sich souverän in den Kreisen der Wirtschaft und der Politik und genießen dort als Investoren vielfach größtes Ansehen.

Auf die Spur verdächtiger Geldströme stießen die Ermittler in derVergangenheit vor allem durch Verdachtsanzeigen der Banken. Diese sind bei auffälligen Transaktionen nach dem Geldwäschegesetz zu Anzeigen verpflichtet.

Staatsanwälte und Polizisten wollen jedoch nicht von "der" Russenmafia in Berlin sprechen. Es gebe eine Vielzahl von Organisationen, die ihren kriminellen Geschäften nachgehen, so ein Staatsanwalt. "Gelegentlich kooperieren diese Gruppen, mitunter bekämpfen sie sich auch bis aufs Messer, in jedem Fall agieren alle unabhängig voneinander", sagte er.

Schutzgelderpressungen, Menschen- und Drogenhandel sowie Kriminalität im Zusammenhang mit dem Nachtleben sind nach polizeilichen Lageberichten nur ein Teil der Aktivitäten. "Russische Gruppen zeichnen sich durch eine deliktische Vielfalt aus", heißt es in einem Lagebericht des BKA. Während Kriminelle anderer Nationalitäten sich auf bestimmte Deliktbereiche konzentrieren - etwa Drogenhandel, Kfz-Verschiebungen, Rotlicht-Kriminalität -, mischen kriminelle Organisationen aus der ehemaligen Sowjetunion auf allen Gebieten mit, die lukrativen Profit versprechen.

Unauffällige Läden gefragt

Beispiel Rotlichtmilieu. Nach dem Fall der Mauer betätigten sich russische Gruppen zunächst als Schleuser osteuropäischer Prostituierter. Aber nach und nach drängten sie selbst in das Geschäft mit der käuflichen Liebe. Die Folge sind bis heute teilweise blutige Revierkämpfe.

Schutzgelderpressungen bei den seit Jahrzehnten in Charlottenburg, insbesondere im Bereich der Kantstraße ansässigen russischen Geschäftsleuten gibt es seit Langem. Immer wieder werden besonders lukrative Geschäfte auch ganz übernommen, insbesondere dann, wenn sie sich als ideale Tarnung für den illegalen Handel mit Waffen, Drogen und anderer gewinnbringender Ware eignen.

Dazu gehören hochwertige Elektrogeräte und Computer, Kunstgegenstände und Antiquitäten oder Luxusfahrzeuge. Die Ware ist irgendwo gestohlen worden und findet ihren Weg über eine Vielzahl von allesamt von Strohmännern geführten Im- und Exportunternehmen bis zum Endabnehmer. Dass es sich um Hehlerware handelt, lässt sich kaum noch feststellen.

Der gewaltige Bedarf an Scheinfirmen macht die unauffälligen Unternehmen kleiner Geschäftsleute zu interessanten Objekten. "Am Anfang einer geplanten Übernahme steht ein finanzielles Angebot. Wird das abgelehnt, werden andere Überredungskünste angewandt", beschreibt ein BKA-Fahnder die Methoden. Die reichen von simplen, gelegentlich auch durch Anschläge untermauerten Drohungen bis hin zu Entführung und Mord. Wenn ein Delikt bekannt wird, stehen die Ermittler in der Regel vor einer Mauer des Schweigens.

Welche Rolle Michail R. innerhalb der in Berlin ansässigen Mafiagruppen spielt, ist noch unklar. Für die Ermittlungsbehörden ist er jedenfalls kein Unbekannter. Unter anderem soll es um Handel mit gefälschten Dollarscheinen gegangen sein. Auch die Steuerfahndung hat sich schon mit ihm befasst. Hieb- und stichfeste Beweise für Aktivitäten im Bereich der organisierten Kriminalität sind bislang nicht aufgetaucht. Die zu finden ist jetzt Sache der spanischen Behörden.