Hauptstadtarchitektur

Warum Kollhoff der Hauptbahnhof nicht gefällt

Rundumschlag von Hans Kollhoff. Der Berliner Großarchitekt lässt kein gutes Haar an den städteplanerischen Fähigkeiten der Berliner Regierung.

Foto: M. Lengemann

Morgenpost Online: Herr Kollhoff, die Debatte über die Gestaltung des Hauptbahnhof-Areals kocht vier Jahre nach der Eröffnung des Bauwerks hoch. Ist es zu spät?

Hans Kollhoff: Ich fürchte, ja. Die städtebauliche Situation am Hauptbahnhof war von Anfang an verfahren. Schon in der Zeit von Senatsbaudirektor Hans Stimmann war da nicht mehr viel zu machen.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Kollhoff: Weil sich die Verwaltung damals gegen den Druck der Deutschen Bahn nicht zur Wehr setzen konnte. Da wurde ruckzuck ein technokratisches Konzept durchgedrückt und über Nacht ein gigantisches Stück Berlin beplant an einer der empfindlichsten Stellen. Ich habe große Sympathie für den Bahnhof von Gerkans. Ist man einmal drin, ist er ja auch wunderbar.

Morgenpost Online: Was gefällt Ihnen nicht?

Kollhoff: Wie er in der Stadt steht, ist eine Katastrophe. Ein Ufo, das beinahe in den Humboldthafen gefallen wäre. Wo ist der Eingang? Ist er im Norden, wo noch nicht einmal Platz für eine Taxivorfahrt ist, oder ist er im Süden, wo man in eine Stadtbrache entlassen wird, die man in Ulan Bator vermuten würde. Gibt’s überhaupt einen Haupteingang? An der Seite hat man diese unmotivierten Treppen, wo ein paar Penner sitzen. An der Westseite schreit alles nach Arrondierung, die in mittelmäßiger Architektur erfolgt und im Süden hat man dann dieses Hotel der primitivsten Sorte, wie sie gegenwärtig an jeder Ecke in Berlin aus dem Boden sprießen. Es gab zwar einen Wettbewerb für die Südseite, dort sollen jetzt ein paar Blöcke entstehen, aber aus diesen Blöcken wird niemals ein Quartier werden, aus Platzmangel. So entsteht kein Platz.

Morgenpost Online: Warum?

Kollhoff: Das hat mit der Stadtgeographie etwas zu tun, mit Baugrundstücken, die im Grunde Restflächen sind, nachdem das Terrain von Bahntrassen, Wasserläufen und Straßen zerstückelt wurde. Dennoch hätte daraus eine Stadtstruktur werden können, um aus dem Bahnhof herauszutreten in einen öffentlichen Raum, das Entree zur Stadt Berlin mit klarem Bezug zur Spree und zum Regierungsviertel. Jetzt stolpert man in diese Wüste, in der alles beziehungslos herumsteht.

Morgenpost Online: Wer könnte da die Reißlinie ziehen?

Kollhoff: Momentan läuft da gar nichts. Zu Stimmanns Zeiten war wenigstens noch ein Verständnis für städtische Strukturen da. Da wurde in Stadträumen gedacht.

Morgenpost Online: Sehen Sie die Verantwortung bei Stimmanns Nachfolgerin, Frau Lüscher?

Kollhoff: Unter Frau Lüschers Verantwortung wird da nichts zum Besseren zu wenden sein, im Gegenteil.

Morgenpost Online: Die Gestaltungsvorgaben für das Areal stammen aber doch teilweise noch aus der Ära Stimmanns?

Kollhoff: Ja. Ich sage ja auch, schon Stimmann war damit überfordert. Nur zu seiner Zeit hatte das hauptsächlich mit dem Druck, den die Bahn ausgeübt hat, zu tun.

Morgenpost Online: Und jetzt gibt es keinen Druck mehr?

Kollhoff: Heute muss man die Investoren herbeireden und ihnen große Zugeständnisse machen, deswegen sieht es ja so aus. Frau Lüscher versucht zu allem Überfluss, dem globalisierten Mainstream zum Erfolg zu verhelfen. Das Resultat ist reines Chaos auf unterstem architektonischem Niveau.

Morgenpost Online: Sie sprechen also Frau Lüscher ab, dass es ihr um Architekturqualität geht?

Kollhoff: Es fragt sich doch, was architektonische Qualität ist? Stimmanns städtebauliche Bedingungen haben zu einer disziplinierten Architektur geführt, ohne die Stadt einfach nicht möglich ist. Ich kann mir vorstellen, dass Stadtentwicklungssenatorin Frau Junge-Reyer nach dem Ende der Stimmann-Ära gesagt hat, so, jetzt müssen wir mal etwas Unterhaltsames machen und die Schleusen für die Investoren öffnen. Das sollte wohl mit Frau Lüscher passieren. Nur, dahinter steht überhaupt kein Konzept von Stadt, jedenfalls keines, das etwas mit Berlin zu tun hat. Das ist reiner Wildwuchs.

Morgenpost Online: Was müsste anders laufen?

Kollhoff: Man kann viel tun, indem man eine grundsätzliche Diskussion darüber führt, wie wir mit unserer Stadt umgehen wollen. Was macht man sonst in einer Zeit, in der Investoren nicht gerade Schlange stehen.

Morgenpost Online: Aber Frau Lüscher steht doch für Diskussion, sie will den Diskurs.

Kollhoff: Ja, sie will die Diskussion, aber sie entsteht merkwürdigerweise nicht. Ich habe einige dieser Veranstaltungen in Tempelhof mitbekommen, das war alles bemüht und nach einer Viertelstunde zum Gähnen. Die Hälfte der Zuhörer kam aus der Verwaltung.

Morgenpost Online: Wie kann man das ändern?

Kollhoff: Indem man die widerstreitenden Kräfte und Interessen, die da am Werk sind, in die Öffentlichkeit bringt.

Morgenpost Online: Das ist mir jetzt zu abstrakt.

Kollhoff: Na, wissen Sie, was in Tempelhof passiert, wer dahinter steht, wer sich bemüht, dort irgendetwas zu machen, wer mieten will? Ich weiß nur, dass Wowereit dann irgendeine Entscheidung trifft, aus heiterem Himmel, für irgendeine Veranstaltung. So läuft das doch.

Morgenpost Online: Sehen Sie in der geplanten neuen Internationalen Bauausstellung (IBA) eine Chance für Ihre gewünschte Grundsatzdebatte?

Kollhoff: Was will denn die IBA 2020 außer der Randbebauung des Tempelhofer Flugfeldes? Das kann nicht das Thema einer Bauausstellung sein, auch nicht, wenn man das ökologisch verpackt. Die dort geplante Randbebauung ist lächerlich.

Morgenpost Online: Was wäre richtig?

Kollhoff: So lassen, ein grandioser Volkspark, und die Berliner gehen in Scharen dorthin.

Morgenpost Online: Und was wäre für die IBA richtig?

Kollhoff: Man müsste sich die Orte anschauen, die nach einer Aufwertung schreien.

Morgenpost Online: Welche meinen Sie?

Kollhoff: Zum Beispiel das Kulturforum. Schauen Sie sich die Trostlosigkeit zwischen der Philharmonie und der Neuen Nationalgalerie an. Ein anderer Ort ist das Areal nördlich vom Hauptbahnhof, aber das geht nun seinen Gang.

Morgenpost Online: Wo ist denn Aufwertung gelungen?

Kollhoff: Beim Quartier am Friedrichswerder. Es ist das erste Mal, dass wieder versucht wurde, mit einer bürgerlichen Bauform die Stadtstruktur zu komplettieren und zu intensivieren. Das müssen nicht nur Townhouses sein, das können auch städtischere Bauten sein, wie die der sogenannten Baugruppen, die überall in Berlin respektable Häuser realisieren

Morgenpost Online: Aber die bekommen ja kaum Grundstücke.

Kollhoff: Eben deshalb muss man dafür mehr Grundstücke zur Verfügung stellen, die gibt es ja. Warum gibt man diesen Bauherrengemeinschaften nicht mitten in der Stadt, am Rathaus etwa, diese Möglichkeit? Stattdessen inszeniert Frau Lüscher Ideenwettbewerbe, die lustige Wasserlandschaften zutage fördern.

Morgenpost Online: Warum glauben Sie, bewegt sich in dieser Richtung wenig?

Kollhoff: Es ist wie Mehltau. Jetzt passiert erst recht nichts, weil ein Jahr lang Wahlkampf ist. Natürlich wäre das eine wunderbare Gelegenheit, ins Wespennest zu stechen, aber von der Opposition hört man ja auch nichts.

Morgenpost Online: Stimmen Sie der Kritik vieler Ihrer Kollegen zu, dass es in Berlins Architektur keine Innovationen mehr gibt?

Kollhoff: Was ist Innovation? Was heute global im Städtebau und in der Architektur passiert und auf den ersten Blick innovativ aussieht, hat viel zu tun mit vagabundierenden Geldströmen, die nach profitablen Projekten suchen. Dieser Logik folgt sogar die Politik von Bundeskanzlerin Merkel, die den Konsum ankurbeln will, koste es, was es wolle. Aber Haus und Stadt sind keine Konsumgüter. Dennoch will man Architektur den Regeln des Konsums unterwerfen. Um die Stadtstruktur kümmert sich keiner, Hauptsache der Shareholder ist zufrieden. Im Grunde fehlt eine bürgerliche Präsenz.

Morgenpost Online: Sie haben in der Jury für das umstrittene Alexa-Center am Alexanderplatz gestimmt und das Gebäude später als Katastrophe bezeichnet, wieso?

Kollhoff: Weil sein Aussehen wenig zu tun hat mit dem Entwurf, der gewonnen hat.

Morgenpost Online: Warum?

Kollhoff: Da müssen Sie diejenigen fragen, die solch ein Projekt vom Wettbewerbsentwurf bis zur Realisierung begleiten. Es ist halt oft so, dass die Investoren hinterher Änderungen durchzusetzen versuchen und damit drohen, abzuziehen. Aber dann muss man trotz wirtschaftlichen Drucks eben auch mal den Mut haben, zu sagen, zieht halt ab. Und als Architekt muss ich den Mut haben, zu sagen, nein, da mache ich nicht mehr mit.

Morgenpost Online: Wettbewerbe sind also kein Garant für architektonische Qualität?

Kollhoff: Nein, natürlich nicht. Eigentlich sind wir wieder an einem Punkt, wie in den späten Sechziger Jahren, an dem sich die Bürger zu Wort melden und sich selbst um ihre Stadt kümmern müssen.

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