Gefährliche Hunde in Berlin

Experten bezweifeln Rückgang der Beiß-Attacken

Rund 110.000 Hunde sind in Berlin gemeldet. Inoffiziell dürften es noch einige mehr sein. In der Stadt müssen sie generell an der Leine laufen, als gefährlich geltende Rassen sogar einen Beißkorb tragen. Doch das kümmert Hundebesitzer oft wenig.

Der Rottweiler trottet über den Abenteuerspielplatz am Achtrutenberg in Karow. Der Vierbeiner hebt sein Bein an einem Gerüst. Sein Besitzer ist nicht zu sehen. Die sechsjährige Monique spielt im Sandkasten, dreht sich um. Mit ihrer Schaufel berührt sie den Hund, der Rottweiler schnappt zu.

Kinder schreien, springen auf, flüchten zu ihren Eltern. Moniques Mutter wirft sich zwischen Tier und Tochter, der Rottweiler beißt ihr in den Unterarm. Wenige Minuten später ist der Platz menschenleer. Hund und Halter sind verschwunden. Die Polizei ermittelt.


In der offiziellen Berliner Hundebiss-Statistik wird die Attacke mit zwei Strichen vermerkt - sie stehen für zwei Opfer. Notiert wird auch die Rasse des Hundes. Alle anderen Angaben fehlen. Wer wie und warum Opfer geworden ist, bleibt im Zahlenwerk des Senats ungeklärt. Ärzte, Veterinäre, Wissenschaftler und Politiker sagen, dass die Vierbeiner in Berlin weniger beißen als in den Vorjahren. Aber sie warnen auch: Wenn Hunde zuschnappen - weil ihnen etwa Leine oder Maulkorb fehlen -, dann beißen sie vor allem Kinder. Nach Schätzungen machen sie etwa 70 Prozent der Opfer aus. Jetzt fordern Ordnungsamtsmitarbeiter mehr Personal, um gegen uneinsichtige Hundebesitzer energischer vorgehen zu können.

Ende 2008 waren knapp 109.000 Hunde in Berlin steuerlich gemeldet, rund 1400 mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der amtlich bekannt gewordenen Fälle, in denen Menschen gebissen oder "gefahrdrohend angesprungen" wurden, sank von 859 Fällen 2007 auf 716 Attacken im vergangenen Jahr. Bei den zehn als gefährlich eingestuften Hunderassen wie Pitbull oder Bullterrier ging die Zahl der Attacken sogar von 66 auf 29 zurück. Das ab dem Jahr 2000 schrittweise eingeführte Berliner Hundegesetz scheint sich zu bewähren. Zumindest auf den ersten Blick.

Die Zahlen der Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz stehen allerdings regelmäßig in der Kritik. "Es gibt die Entscheidung des Verfassungsgerichts, dass die Beißlisten ständig überprüft und evaluiert werden müssen", sagt die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling. "Doch in Berlin passiert nichts, der Statistik mangelt es an Differenzierungen."

Nur aus einem genaueren Zahlenwerk könne man Konsequenzen für Gesetze ziehen, sagt die Politikerin. "Ohne genaue Analysen ist beispielsweise eine sinnvolle Präventionsarbeit mit Kindern nicht möglich."

Die Senatsverwaltung wiegelt ab. Das Alter der gebissenen Personen und die Umstände seien für die Statistik der Behörde "nicht von zentraler Bedeutung", sagt Sprecherin Marie-Luise Dittmar. Nach Verstößen gibt es Strafen gegen Halter und Hund. Diese würden "unabhängig vom Alter des Opfers" verhängt. Das Berliner Hundegesetz enthalte bereits mehrere Regelungen, die vor gefährlichen Hunden schützen. "Einige dienen in besonderem Maße dem Schutz von Kindern", so Dittmar. So gebe es ein Mitnahmeverbot für Hunde auf Kinderspielplätze, Liegewiesen und Badeanstalten und eine generelle Leinenpflicht in Grün- und Erholungsanlagen sowie auf Sport- und Campingplätzen.

"Kinder sind leichte Opfer"

Ähnlich kritisch sieht es auch sein Klinik-Kollege Jürgen Ervens. Seit Einführung und Novellierung des Hundegesetzes bemerkt er einen "deutlichen Rückgang" der Opferzahlen in Berlin. "Die Situation hat sich beruhigt", so der Facharzt. Doch zwischen den Vorgaben des Gesetzes und der Realität klaffe weiterhin eine Lücke: "Es macht mich aggressiv, wenn ich sehe, wie lax mit dem Gesetz auf den Straßen umgegangen wird", so Ervens. "Nur die wenigsten Hundehalter kümmern sich um ihre Pflichten." Er bitte seine Kinder, die Straßenseite zu wechseln, wenn ihnen frei laufende Hunde entgegenkommen. "Ich habe zu viele schlimme Bilder im Kopf."

"Kinder sind leichte Opfer", warnt auch Michael Tsokos, Chef der Berliner Gerichtsmedizin. "Sie sind besonders gefährdet, weil sie gegenüber Hunden wenig Gegenwehr leisten können." Kinder können gefährliche Situationen nicht einschätzen, bewegen sich anders als Erwachsene und sind mit den Hunden zumeist auf gleicher (Augen-)Höhe. Mit zwei Kollegen hat der Gerichtsmediziner tödliche Beißattacken gegen vier Kinder untersucht und veröffentlicht. Das Ergebnis: Je jünger ein Kind, umso größer die Wahrscheinlichkeit einer Beißverletzung im Kopf- und Nackenbereich.

Nach Informationen dieser Zeitung werden in den Bezirksämtern durchaus Ursachen und Schwere der gemeldeten Hunde-Attacken ermittelt. Doch diese Informationen kommen nie in der Senatsverwaltung an. "Grundsätzlich gilt für die Erfassung zusätzlicher Daten, dass der Aufwand von den zuständigen Stellen leistbar sein muss und Aufwand und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis stehen", sagt Senats-Sprecherin Dittmar.

Zu wenig Kontrolleure

Doch Kontrollen finden selten statt. Die Mitarbeiter der Ordnungsämter bestätigen, dass Verstöße oft ungeahndet bleiben. "Wir können die Leinen- oder Maulkorbpflicht nicht ausreichend kontrollieren, weil wir zu wenig Leute sind", sagt Herbert Just, Ordnungsamtsmitarbeiter und Mitglied der Deutschen Polizeigewerkschaft. Mitunter seien nur vier Kollegen für einen Stadtbezirk zuständig - ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ein Bezirk wie Treptow-Köpenick ist 16.841 Hektar groß, 41 Prozent davon sind Waldfläche, es gibt mehrere Parks, Hunderte Grünflächen. "Wir brauchen mehr Personal, um Passanten vor gefährlichen Hunden zu schützen." Einige von Justs Kollegen geben hinter vorgehaltener Hand zu, dass man aus Angst an kriminalitätsbelasteten Orten - etwa Parks, in denen mit Drogen gehandelt wird - auf Kontrollen verzichte.

Trotz des Personalmangels sind Bußgelder gegen Hundebesitzer keine Seltenheit, sie fallen in den einzelnen Bezirken aber unterschiedlich aus:

  • Charlottenburg-Wilmersdorf meldet bislang 115 sogenannte Hundevergehen, zumeist Verstöße gegen die Leinenpflicht in Parkanlagen.
  • Marzahn-Hellersdorf registrierte in diesem Jahr 89 Fälle, bei denen die Halter von Listenhunden gegen die Leinen- und/oder die Maulkorbpflicht verstoßen haben. Die Zahl der übrigen "Hundevergehen" liegt bei über 300 Fällen.
  • Steglitz-Zehlendorf meldet 242 Verstöße gegen das Hundegesetz.

Drei junge Männer schlendern mit ihrem Hund über den Hermannplatz. Der braun-beige Pitbull-Mix mit kupierten Ohren und schmalen Augen hechelt nach Luft. Seine Zunge hängt aus dem Maul mit den massiven Kieferknochen. Der Vierbeiner mit dem handbreiten Schädel flößt Passanten sichtlich Angst ein: Er ist nicht angeleint, trägt keinen Maulkorb. Wie so oft in Neukölln. Hier registriert der Senat die größte Zahl "ordnungsbehördlicher Maßnahmen" gegen Hundehalter.

"Wir haben eine relativ große Anzahl gefährlicher Hunde im Bezirk und somit auch viele Verstöße gegen die Maulkorbpflicht", sagt Heiko Bornemann, Fachbereichsleiter Veterinärwesen im Ordnungsamt. Zahlen könne man nicht liefern. Um das auszuzählen, fehle das Personal, so der Tierarzt. Komme es im Bezirk zu Vorfällen, müsse der Vierbeiner sofort an die Leine und einen Maulkorb tragen. Hund und Herrchen werden dann "zur Sprechstunde" - inklusive Begutachtung - vorgeladen. Die anschließenden Maßnahmen reichen von ständigem Maulkorbzwang über Wegnahme bis hin zur Tötung des Tieres.

"Hundeführerschein" gefordert

Hundebesitzer schreckt das offenbar nicht ab. Die Senatsverwaltung sagt, die Verantwortung für die alltäglichen Hund-Kind-Situationen liege bei ebendiesen Hundehaltern. Sie müssten davon ausgehen, dass Kinder unerfahren sind. Die Besitzer müssten "entsprechend aufmerksam reagieren".

Eine Argumentation, die nach Meinung von Experten den Bock zum Gärtner macht. Die Grüne Claudia Hämmerling plädiert auch deshalb für einen verpflichtenden "Hundeführerschein" für die Halter von Tieren ab 17 Kilogramm Gewicht oder mindestens 40 Zentimeter Schulterhöhe. Denn bei solchen Hunden gebe es viele Vorfälle, die ebenso wichtig zu bekämpfen seien wie die wenigen spektakulären Kampfhundattacken. So stehen beispielsweise die Schäferhunde mit 106 (2007: 148) Vorfällen weit oben in der Liste - auch deshalb, weil es relativ viele von ihnen gibt.

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