Berliner Spaziergang

Peter Kurth entwirft Schlachtpläne für den Müll

Peter Kurth war Berliner Finanzsenator und ist jetzt Präsident des Verbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft. Gegenwärtig steht der 50-Jährige im Kampf um die Wertstoffentsorgung in der Hauptstadt an vorderster Front. Er muss Schlachtpläne entwerfen, Rückschläge einstecken, Verbündete hinter sich versammeln.

Foto: M. Lengemann

Die Welt von Peter Kurth ist gerade sehr kompliziert, aber vor allem ist sie auch: sehr bunt. Es ist so etwas wie eine Parallelwelt, die allerdings jeden von uns täglich betrifft. Bei mir liegt der Eingang zu dieser Welt auf dem Hof: Ich muss nur einmal die Treppe runter, nach hinten links, dahin, wo die Mülltonnen stehen.

Grau für Restmüll.

Dunkelblau für Papier.

Grün und Weiß für grüne und weiße Flaschen.

Gelb für Verpackung.

Und seit Neuestem ist da noch eine Tonne in Orange …

Das alles kennt Peter Kurth gut. Seine Welt ist vor allem: gut strukturiert. Der 50-Jährige war einmal Politiker und ist jetzt Verbandspräsident der Entsorgungsindustrie. Über die Zeit als Politiker will er nicht so viel reden, eher über „seinen“ Verband mit mehr als 500 Mitgliedsunternehmen. Denn seit rund einem Monat gibt es in Berlin einen offenen Kampf um die Abfalltonnen. Es geht darum, wer welchen Müll einsammeln darf. Das kommunale Unternehmen Berliner Stadtreinigung (BSR, die mit der grauen Tonne) will an die Wertstoffe heran und stellt dafür eine Tonne in Orange in Berlins Hinterhöfe. Doch in einigen Bezirken steht dort schon seit Jahren eine Gelbe Tonne plus des privaten Entsorgers Alba, die das Gleiche sammelt. Es heißt also: Gelb gegen Orange.

Beim vereinbarten Treffpunkt im Café an der Kastanienallee erscheint Kurth pünktlich. Der dunkle Anzug sitzt perfekt, genau wie der rote Schlips. Es sieht nach Regen aus, aber er lächelt trotzdem gewinnend. In der linken Hand hält er eine Zeitschrift, die so zusammengerollt ist, dass man ihren Titel nicht erkennen kann. Die rechte Hand schnellt nach vorn, drückt fest zu. Es geht ihm gut, sagt er. Der Händedruck ist sehr fest, so, als wolle er seine Energie, mit der er sich jeden Morgen auflädt, weitergeben. Er mache viel Sport: Fitnessstudio, Joggen, früher auch Karate. Da gab es Übungen, bei denen man sich gegenseitig über die Bäuche läuft. Gut für die Bauchmuskeln. Offenbar auch gut für das Selbstbewusstsein. Der Urlaub liegt noch in einiger Ferne. Nach Ibiza soll es gehen. Doch das hat hier nichts verloren. Kurth signalisiert sehr schnell: zu privat.

Ich merke: Der Mann, der gern über Mülltrennung redet, trennt auch gern zwischen privat und beruflich. Weil beide Themen also gerade zu kompliziert erscheinen, befrage ich ihn zu dem Ort, durch den wir laufen. Er mag diese Gegend um den Mauerpark in Prenzlauer Berg. Auch wenn es kein klassisches CDU-Wählergebiet ist. „Oben an der Gleimstraße“, sagt er und zeigt mit seiner zusammengerollten Zeitschrift in Richtung Norden, „hat die CDU bei der letzten Wahl knapp die Ein-Prozent-Hürde verfehlt.“ Aber er mag die Menschen hier, das Internationale ohne die Integrationsprobleme. „Hier wohnt eine sehr engagierte, unruhige Bevölkerung.“ Das habe er erfahren, als er von 2007 bis 2009 Kreisvorsitzender in Pankow war. Rund 80 Prozent der Bewohner sind Zugezogene, die sich aber für ihren Wohnort einsetzen. Er zeigt auf das Stadtbad Oderberger Straße. „Verschiedene Initiativen haben gekämpft, damit dieses Schwimmbad wieder öffentlich genutzt werden kann.“ Noch ist der Streit nicht entschieden.

Doch all das ist derzeit nicht mehr Peter Kurths Problem. „Ich bin nur ein ganz normales CDU-Mitglied mit Parteiausweis.“ Auch wenn er den hat, seit er 17 Jahre alt ist und zwischendurch einmal Staatssekretär im Berliner Finanzressort war und fast zwei Jahre lang selbst Finanzsenator. Doch das war ausgerechnet im Jahr 2001, als der Berliner Bankenskandal die Stadt und ihn voll traf. Später scheiterte er mit nur einer Stimme am CDU-Fraktionsvorsitz und hätte danach noch beinahe den Landesvorsitz seiner Partei übernommen – verlor aber wieder knapp. Im Sommer vergangenen Jahres wurde er dann zu aller Überraschung Bürgermeisterkandidat in Köln. Dort war vielen klar, dass er nicht gewinnen kann. Seine Wahlkampf-Webseite (Motto: „Politik wird anders“) ist noch heute online. In der letzten Videobotschaft lächelt er genauso gewinnend wie beim ersten Händedruck heute. Fast, als hätte er gewonnen.

Zwei Tage nach der Bürgermeisterwahl kehrte er von Köln nach Berlin-Mitte zurück und stürzte sich in die Arbeit als Präsident des Bundesverbandes und Vizepräsident des Europa-Verbandes der Entsorger. Jetzt steht Kurth in diesem Gelb/Orange-Kampf an vorderster Front. Er muss Schlachtpläne entwerfen, Rückschläge einstecken, Verbündete hinter sich versammeln. Ähnlich wie ein General im Kampf kann er es sich jetzt nicht leisten, bei einem Spaziergang mit einem Reporter zu viel Persönliches zu erzählen über Späße, über seine letzte Verkleidung im Karneval (Pharao). Jeder Text über ihn ist eben Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes.

Wie ernst er diese Arbeit nimmt, merke ich an seinen rethorischen Fragen, die zwar ein bisschen auswendig gelernt klingen, aber auch sehr anschaulich sind: „Wussten Sie, dass in einer Tonne Golderz rund fünf Gramm Gold sind, aber in einer Tonne Althandys rund 250 Gramm?“ Oder: „Wussten Sie, dass die größte Kupfermühle in Chile weniger Kupfer produziert, als im deutschen Abfall steckt?“ All das steckt in Elektroschrott, also in alten Toastern, Radios, Rasierapparaten. Insgesamt 1,2 Kilogramm wirft jeder Einwohner pro Jahr weg. Die Bedeutung seiner Branche nimmt quasi täglich zu. Der „General“ nennt sie: die Zukunftsbranche.

Politik hinter sich gelassen

Wir laufen in Richtung Süden, an der Kastanienallee86 vorbei, einer bunten Fassade, die aussieht wie ein besetztes Haus aus den 90er-Jahren, obwohl inzwischen alle Bewohner Mietverträge haben. Eine Schrift an der Wand erinnert in Großbuchstaben daran, dass „Kapitalismus normiert, zerstört, tötet“. Nicht nur an dieser Fassade macht Peter Kurth eine privatisierungsfeindliche Grundstimmung in Berlin fest. Viele Menschen seien aus diffusen Gründen eher für kommunale Wirtschaft und wollen die private Wirtschaft stärker kontrolliert sehen. „Diese Grundstimmung trifft uns stark“, sagt er und meint die privaten Müllentsorger. „Kommunen bauen aber nicht die besseren Autos und backen nicht die besseren Brote. Sie sind auch nicht die besseren Vermarkter oder Verarbeiter von Rohstoffen!“ Warum aber glaube die BSR dann, sie könne mit der orangefarbenen Tonne die Entsorgung von Wertstoffen besser organisieren? „Diesen Glauben nämlich hat der Berliner Senat gerade in einer aktuellen Verfügung bestätigt.“

Peter Kurth hat sich in Rage geredet. Was menschlich interessant ist an diesem Streit: Seine jetzigen Gegner im Senat waren einmal seine Verbündeten. Zusammen mit ihnen hat Kurth, damals im Vorstand von Europas größtem Entsorger Alba, die Einführung der Gelben Tonne plus eingefädelt. An 410.000 Wohnungen in Berlin wurde das System angeschlossen. Bürger konnten dort auch Toaster (Kupfer!) und Mobiltelefone (Gold!) hineinwerfen. Das alles sei mit dem Senat abgestimmt worden, und jetzt plötzlich solle alles rückgängig gemacht werden. Das „plus“ soll von den Gelben Tonnen gekratzt werden. Die Wertstoffe wiederum landen in orangefarbenen Tonnen. Peter Kurth sagt: „Das, was sich zugunsten der Verbraucher entwickelt hat, soll jetzt zugunsten kommunaler Strukturen zurückgestutzt werden. Das ist ein Rückschritt und am Ende teuer für die Bürger.“

Im Vorbeigehen zeigt Kurth auf die improvisierten Blumenbeete neben Straßenschildern, sogenanntes Guerilla Gardening. Er nimmt sie wieder als Beweis, dass die Menschen sich um ihren Stadtteil bemühen. Mit dem Müll sei das genauso, 85 Prozent der deutschen Haushalte trennen ihren Müll. Kurth auch. Klar. Die Briten überlegen gerade, eventuell getrennte Mülltonnen einzuführen, in New York wird der Abfall noch immer zu Würfeln gepresst. „Die Europäische Union diskutiert, ob sie eine Recyclingquote von 50 Prozent festlegt“, sagt er und lächelt wieder gewinnend. „Für Deutschland wäre das ein Rückschritt.“

Wir erreichen den Park am unteren Rand der Kastanienallee, und Kurth macht mit der Hand eine Kreisbewegung: Das hier sei der Weinbergspark, sagt er im ironischen Ton eines Reiseführers, bekannt dafür, dass man hier Haschisch kaufen – und außerdem im Winter gut rodeln kann. In solchen Momenten hat man kurzzeitig das Gefühl, dass sich die Dinge in Berlin doch nicht so leicht voneinander trennen lassen. Im Park macht der Fotograf Martin Lengemann einige Porträtfotos von Peter Kurth, der dafür die Zeitschrift kurz vor sich ablegt. Der Wind weht durch die Blätter und kündigt einen Regen an, der nicht kommen will. Aber eines fällt auf: Je länger wir über „Abfall“ reden, umso weniger „riecht“ es danach. Es geht um Edelmetalle und Rohstoffverwertung. Und überhaupt kündigen sich gerade große Veränderungen an. Die Bundesregierung plane ein „Kreislaufwirtschaftsgesetz“, das zwar „nicht gerade sexy“ klingt, aber für Kurths Branche unglaublich wichtig ist. „Dieses Gesetz wird darüber entscheiden, ob es einen fairen Wettbewerb geben wird oder nicht.“ Auf dem Weg zum Rosenthaler Platz wird er das noch weiter ausführen und die Situation mit anderen Ländern vergleichen: mit Polen („sehr liberaler Markt“), mit der Schweiz („die sind auch sehr weit“) und Skandinavien („unsere Verbündeten“).

Hälfte des Lebens in Berlin verbracht

Als wir an der Kreuzung ankommen, verstehe ich ihn plötzlich kaum noch. Ausgerechnet ein großer orangefarbener Mülltransporter der BSR ist schuld am Lärm. „Wichtig für die Daseinsvorsorge“, nennt Peter Kurth diese Müllwagen. „Aber beim Thema Recycling“, da ist er sich sicher, „dürften Kommunen im Regelfall überfordert sein.“ Als wir die Rosenthaler Straße überqueren, zeigt er in Richtung Osten zu einem Klub, der gerade eröffnet hat, „Soho House“ heißt er und liegt am Beginn der Torstraße. Toll sei es da. Exklusiv ist es dort auch. Zutritt nur für Mitglieder, die am Eingang säuberlich von Nichtmitgliedern getrennt werden. Eine Ausgehkultur, die sonst nur in Großbritannien üblich ist, dort, wo niemand Müll trennt.

Je näher wir „seinem Kiez“ kommen, desto privater wird Peter Kurth. Er zeigt auf die Häuser seiner Nachbarschaft, wo zum Beispiel die neue Familienministerin Kristina Schröder (CDU) wohnt oder die Regisseurin Doris Dörrie. In dieser Gegend joggt er, nachdem er morgens um 6.15 Uhr aufgestanden ist. Jeden Tag. Hier ist auch sein Fitnessstudio, wo er in verspiegelten Räumen Hanteln stemmt. Überhaupt sei gesundes Leben für ihn wichtig. Seit er in Berlin wohnt, ist er nie krank gewesen. Dabei sei es für ihn hier nicht immer leicht gewesen. „Das war wirklich Heavy Metal damals“, sagt er heute über die Zeit als Finanzsenator. „Wenn man mitbekommt, wie so eine ganze Bankengesellschaft und schließlich eine Koalition kippt, dann schläft man mehrere Wochen nicht gut.“ Rückblickend das einzig Positive an dieser Zeit: Alle späteren Stresssituationen ließen sich leichter ertragen – auch der aktuelle Streit um die Wertstofftonne. Er jedenfalls liege deshalb nachts nicht mehr wach. „Ich habe schon eine sehr genaue Vorstellung, was da passieren soll“, sagt er und formuliert es allgemeiner: „Man wird gelassener.“

Wir kehren um und laufen mit doppelter Geschwindigkeit zurück zur Kastanienallee. Kurth hat noch einen Termin mit Entsorgungsexperten aus der Ukraine. Da passiert gerade viel in Sachen Recycling.

Noch immer hält er die Zeitschrift in der Hand. Es ist das Berliner Schwulen- und Lesbenmagazin „Siegessäule“, das gerade 25-jähriges Jubiläum feiert. Genauso lang wohnt Kurth in Berlin. Im Heft finden sich vor allem Ausgehtipps. Die Rubriken lauten: Kultur, Party, Sex. Das Heft lag in dem Café aus, in dem wir uns trafen. Ja, er hat es mitgenommen, aber mehr will er über dieses Thema nicht lesen. Den Teil des Interviews musste ich wegwerfen, ohne ihn jemals recyceln zu können. Die „Siegessäule“ wiederum ist schon längst in einer dunkelblauen Tonne verschwunden und wurde abgeholt. Manchmal ist die Sache mit dem Trennen ganz einfach.