Kriminalität

Schattenwelten - Die Macht der arabischen Großfamilien

Schattenwelt wird sie von Ermittlern genannt. Da klingt Verachtung durch, aber gleichzeitig auch ein Hauch Respekt. In dieser Schattenwelt der arabischen Großfamilien in Berlin gibt es Präsidenten und Handlanger, Soldaten und Vermittler. Kaum einer hat einen Einblick in dieses Netzwerk.

Nur die Schattenweltler selbst - und die Polizisten der Hauptstadt, die Tag für Tag diesen Machenschaften und ihren Hintermännern entgegentreten.


Es gibt kaum ein Feld, in dem sich die Männer meist arabischer Herkunft nicht umtun. Es geht um Drogen und den Einfluss im Türsteher-Milieu. Um Prostitution, Schutzgelderpressung, den Handel mit Schusswaffen. Einer der derzeit einflussreichsten Clans heißt A. Bekannt wurde er zuletzt, weil die Männer, die jüngst am Potsdamer Platz ein Pokerturnier überfielen, dann aber gestellt wurden, Kontakte zu A. nachgesagt werden. Das dilettantische Vorgehen der Täter ist keineswegs ein typisches Beispiel für das sonst eher professionelle Agieren dieser Gruppierungen. Sie fürchten niemanden, allenfalls kann von Respekt gegenüber der Berliner Russenmafia gesprochen werden. Deswegen geht man sich aus dem Weg. Zwischen den arabischen Großfamilien hingegen kommt es häufig zu bewaffneten Auseinandersetzungen, zum Teil auf offener Straße. Wer im Weg steht, hat Pech. Auch unbeteiligte Passanten können dann in die Schusslinie geraten.

Laut Polizeibericht leben 20 bis 30 Großfamilien aus dem arabischen Raum in Berlin. Die einzelnen Familien zählen 50 bis 500 Familienmitglieder. Unter diesen sind sechs libanesisch-kurdische Familien besonders "polizeilich relevant", wie es in der Amtssprache heißt, da besonders viele bekannte Straftäter zu ihren Mitgliedern zählen. Eine der Haupteinnahmequellen ist der "Schutz eines Lokals", den die Gruppierungen anbieten - eine Erfahrung, die nicht nur Besitzer der großen Berliner Nachtclubs gemacht haben. Die Familien sprechen sie an und bieten ihnen gegen Geld diesen Schutz an. Bei Nichtinteresse werden Schläger geschickt, manchmal getarnt als Kunden, die sich daneben benehmen, Gäste zusammenschlagen, das Geschäft vermiesen. Dann machen sie ein neues, höheres Angebot, das meist akzeptiert wird, aus Angst. "Jeder hat Menschen, um die er sich sorgt", sagt ein Ermittler. "Irgendwann gibt man nach." Selbst kleine Straßenkioske sind betroffen, müssen sich entscheiden, ob ihnen jeden Abend die Scheiben eingeworfen werden oder ob sie einen Teil ihrer Einnahmen abgeben. Die regionalen Schwerpunkte der Großfamilien liegen vor allem im Westteil der Stadt: Neukölln-Nord, Kreuzberg Süd-Ost, Schöneberg-Nord, Wedding und Moabit - ausgerechnet jene Stadtteile von Berlin, die als sozial schwach gelten.

Immer häufiger Kinder als Täter

Im Kampf gegen diese Form der Kriminalität haben es die Beamten immer häufiger mit Jugendlichen und Kindern zu tun. Polizeisprecher Thomas Goldack spricht von Intensivtätern, die bereits im Alter von sechs Jahren Straftaten begangen haben. "In einem Fall ist eines der Kinder mit zwölf Jahren bereits 16 Mal als Tatverdächtiger zu Straftaten registriert worden." Ermittler des Landeskriminalamtes sehen den wachsenden Einfluss der Großfamilien als Bedrohung für die Sicherheit der Stadt insgesamt. "Hier sind Menschen am Werk, die knallhart ihre Interessen durchsetzen", sagt ein Polizeiführer, der nicht genannt werden möchte. "Diese Zielsetzung gepaart mit Skrupellosigkeit ist eine gefährliche Mischung." Nicht selten würden Auseinandersetzungen im Schusswechsel enden, die auch aus fahrenden Autos heraus geführt würden. "Dass sie Menschen gefährden, ist denen egal. Viele betiteln die Deutschen ohnehin nur als Kartoffeln und kümmern sich nicht um hier geltendes Recht oder übliche Lebensweisen." Die Polizei bestätigt, dass in einigen Fällen bereits Unbeteiligte Opfer von Auseinandersetzungen dieser kriminellen Banden wurden.

Ein berüchtigter Clan hielt jahrelang die Fäden in der Hand. Dessen Mitglieder bewachten nach Angaben von Ermittlern die Türen der wichtigen Clubs in Berlin, kontrollierten das Rotlichtviertel am Stuttgarter Platz, waren führend im Drogengeschäft der Stadt. Doch seit geraumer Zeit werde dieser einst mächtigen Familie der Rang abgelaufen - und zwar von den Rivalen der Familie A. "Die früheren Bestimmer sind durch viele Jahre im Gefängnis weich gekocht worden", sagt ein Kenner der Szene. "Das Koks hat ihnen den Rest gegeben, so haben sich die die Jungs von A. mit Cleverness an die Spitze gehievt."

Diese erstarkende Familie kontrolliere bereits große Teile der Prostitutionsszene der Kurfürstenstraße. Zudem drängten sie derzeit in das Rotlicht-Milieu an der Oranienburger Straße. "Nachdem ein deutscher Zuhälter dort in den letzten Monaten nach einem Angriff in einem Sportstudio an Einfluss verloren hat, tummelt sich diese Familie dort zusehends", so der Szenekenner weiter. Zudem sollen die führenden Mitglieder eine Diskothek nahe der Oberbaumbrücke in Friedrichshain betreiben. Um das Geschäft attraktiv zu machen, seien nicht nur 1,9 Millionen Euro investiert worden, auch die Anwesenheit der Rapper-Prominenz diene als Publikums-Magnet.

Bei Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Banden kommt es häufig zu Gewalttaten. Ein ausgeglichenes Kräfteverhältnis spielt dabei keine Rolle - wird ein "Feind" entdeckt, gehen alle auf ihn los. "Das ist wie im Krieg", sagt ein Ermittler. Die Klan-Mitglieder hielten sich für Könige und wenn sie auftreten, dann fallen sie häufig durch Großspurigkeit und Angeberei auf. "Es kommt oft vor", sagt der Ermittler weiter, "dass einer der Araber in einem Club sitzt, Champagner trinkt, Kokain schnupft und in seiner Laune ein Auge auf eine Frau am Nachbarstisch wirft, die aber mit einem anderen Mann dort sitzt." Dieser werde zunächst dadurch bloßgestellt, dass der Araber diese Frau anspricht oder anfasst, ohne sich um ihren Begleiter zu kümmern. "Verbittet dieser sich das oder steht gar auf, wird er von den Freunden des Arabers zusammengeschlagen. Nur wenige trauen sich, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, weil sie schlicht Angst haben."

Doch es gebe nicht nur solche Hitzköpfe, sondern auch "ausgeschlafene Hunde", die sich regelrecht mit neuen Betätigungsfeldern beschäftigen. "Man kann von Abteilungen sprechen, die Konzepte erarbeiten, auch im Bereich der Wirtschaftskriminalität werden Aktivitäten registriert."

Der größte Feind der Polizei im Kampf gegen solche Gruppen ist der Schweige-Kodex. Offiziell werden die Behörden nach einem Zwischenfall nie eingeschaltet. "Diese Personen wissen, dass Ermittlungen ihre Geschäfte stören", sagt ein Polizist. Deswegen sei es üblich, sogenannte Friedensrichter einzuschalten. Dabei handele es sich um hoch angesehene und oft auch betagte Herren gleicher Herkunft, die die verfeindeten Parteien an einen Tisch bringen, damit die verfeindeten Gruppen über Frieden verhandeln oder Zugeständnisse einholen. In diese Parallel-Gesellschaft mit ihren eigenen Gesetzen einzudringen, ist für die Polizei sehr schwer. "Und es wird in Zukunft immer schwerer werden", sagt der Ermittler, "weil der Einfluss der Banden und damit die Angst vor ihnen steigen wird."

Verbindungen zu Rockerbanden

So zynisch es klinge, der Kampf der verfeindeten Gruppen untereinander helfe bei der Ermittlungsarbeit, weil sich die Clan-Angehörigen mit zunehmender Aktivität verzetteln würden. So sind in der jüngsten Vergangenheit Ermittlungsverfahren wegen "wechselseitiger Körperverletzung" zwischen Angehörigen arabischer Großfamilien und Mitgliedern des ehemaligen "Bandidos MC El Centro" eingeleitet worden, die nach einem Überlaufen zu den Feinden der Hells Angels jetzt einen neuen Club namens "Hells Angels MC Nomads Turkey" gegründet haben. Nach Angaben eines Polizeiführers, rufe diese neue Richtung der Auseinandersetzung die Fachdienststelle des Berliner Landeskriminalamtes zur Bekämpfung der Rockerkriminalität auf den Plan. "Die Ermittler können ihre Erkenntnisse austauschen und punkten."

Laut Polizeisprecher Thomas Goldack habe die Polizei auch festgestellt, dass die Großfamilien Kontakte zu den Rockern haben. "Die Mitglieder des Bandidos MC führten in der Öffentlichkeit Gespräche mit Mitgliedern von arabischen Großfamilien und Gruppierungen." Das Fazit eines kundigen Beamten der Szene ist schlicht und ernüchternd: "Diesen Leuten geht es ums Geld. Wie und mit wem sie es bekommen, ist nebensächlich. Trotz allen Engagements wird die Polizei zwar mitspielen, aber nicht gewinnen können." Das Personal reiche nicht aus, um alle Machenschaften einer Welt zu beleuchten, in die kaum einer eindringen kann. Außer den Schattenweltlern selbst.