Tourismus

Ante Zelck gilt als der Hostel-Pionier von Berlin

Anfang der 90er-Jahre hat Ante Zelck noch Second-Hand-Matratzen in einem besetzten Haus an der Köthener Straße ausgelegt. Er war damit sozusagen der Pionier der Berliner Hostel-Bewegung. In einem Hostel mietet man im Gegensatz zu einem Hotel ein Bett und kein Zimmer. Heute gibt es beinahe 100 Hostels im Großraum Berlin.

Foto: Sergej Glanze

Ante Zelck weiß noch nicht, ob er diesen einen Hemdknopf lieber auf- oder zugeknöpft lassen soll. Es ist der dritte Knopf von oben. Ist er offen, wirkt Zelck ein bisschen wie im Urlaub. Ist der Knopf geschlossen, bekommt das gemusterte Hemd fast etwas Steifes, Offizielles, als würde er im Büro sitzen. Im Laufe des Gesprächs wird der 45-jährige Gründer des ersten Hostels in Berlin das mehrmals ändern. Mit Druckknöpfen geht das zum Glück schnell: aufknöpfen, zuknöpfen, auf, zu. Damit wechselt er zwischen Freizeit und Dienst, jung und alt oder locker und spießig. Vielleicht sind das für ihn auch keine Gegensätze. Genauso wie die Unterschiede zwischen einem Hostel und einem Hotel immer fließender werden. Beides sind zunächst einmal Übernachtungsmöglichkeiten, und, auch wenn sie noch ein S voneinander trennt: weit sind beide nicht mehr voneinander entfernt.

"Die meisten Hostels bieten inzwischen Zimmer mit eigener Dusche an", sagt Ante Zelck und ergänzt: "Die Gäste erwarten das eben heutzutage." Vor 15 Jahren sei das noch anders gewesen, sagt er und öffnet den dritten Druckknopf an seinem Hemd. Er könne das beurteilen, denn er war dabei: Ende Mai im Jahr 1994, der Sommer hatte gerade begonnen, trug der damalige Hausbesetzer Ante Zelck mehrere Secondhand-Matratzen in den vierten Stock des Hauses an der Köthener Straße 44 - mit Blick auf den noch unbebauten Potsdamer Platz.

Damals kannte noch niemand den Begriff "Hostel", weder in Berlin noch sonst irgendwo in Deutschland. Es gab noch kein Wort für dieses Übernachtungskonzept zwischen Hotel und Jugendherberge. Ein Hotel ist es nicht, denn man mietet kein Zimmer, sondern nur ein Bett. Eine Jugendherberge ist es auch nicht, denn eine Mitgliedschaft ist für die Übernachtung nicht notwendig.

100 Hostels in Berlin

Laut Lexikon entstanden die ersten Hostels in den 60er-Jahren in Australien und Asien. Damals begannen Hippies, durch die Welt zu reisen, und das Konzept verbreitete sich. Man munkelt, dass es in den 80er-Jahren einmal etwas "Hostelartiges" in Kreuzberg gegeben habe. Heute sind sie längst auch in Berlin angekommen, die großen Hostel-Ketten, die die Pioniere dann kurz vor der Jahrtausendwende so sehr gefürchtet hatten. Nach und nach öffneten Hostels mit zum Teil mehr als 900 Betten. "A&O", "Generator", "Meininger" und schließlich "Wombats" - das sind große Unternehmen, die weltweit Erfahrungen sammeln konnten.

Doch bisher haben sie nicht bewirkt, dass die Hostel-Landschaft in der Hauptstadt kleiner geworden ist. Im Gegenteil: Es gibt mittlerweile beinahe 100 Hostels im Großraum Berlin. Etwa 15 Prozent der stadtweit 91 000 Touristenbetten stehen heute in Hostels. Es sieht nicht danach aus, dass es weniger werden. Thomas Lengfelder vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Berlin sieht den Markt deswegen weiter im Wachstum: "Gerade der Low-Budget-Bereich erlebt weiterhin einen Boom."

Im Jahr 1994 aber, da wusste im Grunde niemand wirklich, wie solch eine Einrichtung aufgebaut sein muss, geschweige denn, wie man sie führt. Der Pionier Ante Zelck hatte nur die Erfahrung, die er aus den USA mitbrachte. "Dort habe ich in verschiedenen Hostels in San Francisco und New York übernachtet", sagt er, "und später auch in einem gearbeitet."

Ante Zelcks Lebenslauf ist wohl das, was man "mit Ecken und Kanten" nennt. Der in Celle geborene Autodidakt ist vor allem viel gereist, hat mit Mitte 20 das Abitur nachgeholt, mit 30 studiert, wurde Sozialarbeiter. Auch das war vor 15 Jahren - eben genau zu der Zeit, als er das Hostel eröffnete. Er war damals oft im "Waschhaus" an der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg, er arbeitete dort. "Ins Waschhaus kamen die, die sonst nirgendwo Anschluss fanden", sagt er, "oder aus anderen Heimen rausgeflogen waren." Wenn er von seinen damaligen Schützlingen spricht, nennt er sie "die Technokids". Sie waren zwischen 13 und 21 Jahren alt, hörten elektronische Musik und nahmen alle irgendwelche Drogen. Seine Aufgabe war es, für sie ein Ansprechpartner zu sein, eine Verbindung zur wirklichen Welt mit ihren Formularen und der Schulpflicht. Für sie war er ein Stück Restrealität. Er knöpft seinen dritten Hemdknopf zu. Heute ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann, behält den Überblick über drei Hostels - die Technokids von damals kennt er auch heute noch. Auch wenn sie jetzt alle erwachsen sind.

Die Zeit damals war ihm wichtig, das merkt man. Alles passierte gleichzeitig. Das Studieren in dreieinhalb Jahren, die Diskussionen in der Hausbesetzer-WG, die Technokids - und irgendwie in den freien Minuten eben das Eröffnen von Berlins erstem Hostel. Er hatte einen Freund in New York, der ihm einen Tag vor der Eröffnung die Formulare zum Einchecken von Gästen nach Berlin faxte. Dort wurden die Namen vermerkt, die Passport-Nummern - und natürlich das Herkunftsland. "Damals kamen die meisten Gäste von außerhalb", sagt Ante Zelck, "aus den Vereinigten Staaten, Australien und Großbritannien." Deutsche Rucksackreisende seien kaum dabei gewesen. Und wenn doch, waren sie wie die anderen auch mit "InterRail" unterwegs, jenem Programm der Bahn, bei dem man mit einem Ticket für eine festgelegte Zeit verschiedene Teile Europas erkunden konnte. "Unser Hostel", sagt Zelck, "kam für diese Backies genau richtig."

"Abends nach dem Auschecken bin ich mit den Gästen dann noch selbst auf eine Kneipentour." Hemdknopf wieder auf. Damals war Ante Zelck gerade 31 Jahre alt. Doch egal, ob er am Abend vorher mit den Gästen noch in Kneipen war oder nicht: Ein Tag für ihn begann damals mit einer Fahrt zum Ostbahnhof oder zum Bahnhof Zoo. Dort verteilte er selbst die Flyer für sein kleines Hostel "Backpacker". "Das wäre heute gar nicht mehr möglich", sagt er. "Die Bahn will so etwas nicht mehr." Eine Übernachtung auf einer seiner 20 Matratzen kostete 15 Mark. Die Gäste bekamen einen eigenen Schlüssel für das Hostel, denn er selbst konnte ja nicht für einen Rund-um-die-Uhr-Service sorgen. Einen Mitarbeiter gab es nicht.

Matratzen von der Bundeswehr

Einchecken war nur an zwei Stunden vormittags, Auschecken am Abend zwischen 19 und 21 Uhr möglich. Drei Sommer lang machte das der Student und Sozialpädagoge Zelck so. "Im Winter gab es damals zu wenig Gäste", sagt er heute. "Da haben Studenten in den Zimmern gewohnt - und so kam wenigstens ungefähr das Geld für die Miete zusammen." Dann kamen die ersten Konkurrenten auf die gleiche Idee, und er begann sich nach einem Haus umzusehen, in dem er das Hostel professioneller einrichten konnte. 1997 dann fand er sich mit einem Bekannten zusammen und öffnete "Mittes Backpacker Hostel" an der Chausseestraße102, das noch heute steht. Während in den ersten Räumen schon gewohnt wurde, waren andere Räume noch im Bau. Die Matratzen kamen dieses Mal von der Bundeswehr, die Anschubfinanzierung von den Eltern. Das Schild am Eingang "Zelten verboten" hat er in Brandenburg gefunden. Dritter Hemdknopf zu. Das Besondere an dieser Goldgräberstimmung war die Atmosphäre zwischen den einzelnen Hostels zu diesem Zeitpunkt. Von Konkurrenz konnte Ende der 90er-Jahre noch keine Rede sein. Es gab das "Lettem Sleep" in Prenzlauer Berg, das "Circus" in Mitte und noch einige mehr. Insgesamt vielleicht zehn Häuser. "Das waren eher Kollegen, die mit ähnlichen Sorgen zu kämpfen hatten", erzählt Ante Zelck. "Wir trafen uns damals regelmäßig auf ein Bier und haben uns ausgetauscht." Wie geht man mit großen Gruppen um, wie bekommt man gutes Personal?

Heute ist ein großes Thema das Gerede von der Krise und die Frage, ob sie an der Branche vorbei geht. Doch der Kontakt zu den Hostel-Mitbewerbern sei schon seit Jahren abgebrochen, die Stammtischtreffs sind aufgelöst. Vereinzelt wurden schon gute Mitarbeiter abgeworben. Die Luft ist dünner geworden. "Ja, die Krise", sagt Ante Zelck, "die werden wir auch merken." Er ist nicht sicher, ob alle Hostels diesen Kampf überleben. Die Stimmung sei angespannt. Der Preiskampf sei härter geworden, einige arbeiten mit Dumpingpreisen. Man könne jetzt in Berlin auch für unter zehn Euro übernachten. "Das ist wie bei Ikea", erklärt er, "die eben auch ein Bett für 20 Euro anbieten, dafür aber an anderen Stellen die Preise anheben."

Man merkt Zelck an, dass dieses Reden von Konkurrenzkampf und Mischkalkulationen ihm inzwischen zwar leicht fällt, aber nicht unbedingt sein Lieblingsthema ist. Lieber flachst er mit der Rezeptionistin über ihren Kleidungsstil oder erzählt vom Urlaub mit seiner Tochter in Thailand. Zelck ruft auch nicht immer wieder an, um den aktuellen Umsatz zu erfahren. Vertrauen in Mitarbeiter sei eines der wichtigsten Dinge in diesem Beruf.

Ganz oben auf der Prioritätenliste allerdings steht für ihn die Stimmung im Eingangsbereich seines Hostels. Im "Backpackers" wird sie dominiert von der Wandfarbe Orange, Kaffeeduft und leiser Lounge-Musik. "Hier treffen schließlich Menschen zusammen, die sich überhaupt nicht kennen", sagt er. Wenn es gut laufe, verbrächten sie vielleicht den Abend gemeinsam. Er meint die Spanier, Holländer und Kanadier, die an diesem Morgen hinter ihm auschecken, während er von ihnen erzählt. Sie sehen müde aus, haben wenig Lust zu sprechen. Gut gefeiert gestern? "Ja, schon." Nur wenige dieser "Backpacker" von heute tragen noch einen Rucksack. Viele ziehen einen Rollkoffer hinter sich her. An solchen Äußerlichkeiten lässt sich ohnehin nicht ablesen, ob sie jung oder alt, spießig oder locker sind. Unter ihnen fällt Ante Zelck, ob sein Hemd nun zu- oder aufgeknöpft ist, nicht auf. Er ist jemand, der einfach in ein Hostel passt, so wie der Buchstabe S, den er vor 15 Jahren der Berliner Hotellandschaft geschenkt hat.

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